Palliativmedizin

"Keine Therapie auf Teufel komm raus!"

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BREMEN. Böse Worte sagte der Schmerz- und Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns aus Witten beim Bremer Palliativkongress: "Wir nutzen potenzielle Palliativpatienten als Geldquelle, denn Sterbende und Schmerzpatienten machen alles mit!"

Seine These: Rechtzeitige Palliativmedizin und eine Patientenverfügung wären besser für alle Seiten. Andernfalls drohe den Patienten "schutzloses Sterben". Wie sehr die medizinische Versorgung am Lebensende Überhand genommen hat, erklärte Thöns ausführlich.

Zum Beispiel Heimbeatmung: "Diese Beatmung kostet pro Patient 21.600 Euro im Monat. Da lässt sich viel Geld verdienen", erklärte er. 500.000 Menschen in Deutschland bekommen Heimbeatmung.

"Das macht einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro. Wir sprechen hier vom größten Wachstumssegment in der Pflege."

Das Spektrum für die Behandlung habe sich sehr ausgeweitet. So würden zum Beispiel Patienten mit schwerem Hirninfarkt, die früher eben gestorben wären, beatmet, "bis sie dann schließlich sterben".

Der Palliativmediziner berichtete von einem seiner beatmeten Pflegepatienten, den er untersuchen sollte und feststellen musste: Er war schon länger tot.

"Dagegen hilft ein Patiententestament", sagte Thöns immer wieder. Er sei überzeugt, "dass sich manche Heime der Diskussion um Sterbehilfe nicht nur aus religiösen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen verschließen."

Vor dem Sterben des Patienten noch schnell Op abgerechnet

Thöns nannte als weiteres Beispiel die künstliche Ernährung bei Demenz: "Wir wissen heute, dass künstliche Ernährung bei demenzerkrankten Patienten Dekubitus und Lungenentzündung begünstigt", so Thöns.

"Trotzdem erhalten sechs bis acht Prozent aller Patienten in Pflegeheimen eine PEG-Sonde. Die größte Gruppe: Demenzpatienten. Warum?"

Und noch ein Beispiel: Operationen vor dem Tode der Patienten: "Da wird vor dem Sterben des Patienten schnell noch eine Op abgerechnet!", kritisierte Thöns. "Das Durchschnittsalter der Patienten mit einer Herz-Operation liegt heute bei 70 Jahren."

Und der Palliativmediziner aus Witten brachte einige weitere Beispiele an. Sein Fazit lautet: "Wir müssen einfach mehr darüber sprechen, wie Erlöse in der Medizin zustande kommen. Wir sollten einfach nicht auf Teufel komm raus diagnostizieren und therapieren. Sobald ein Patient voraussichtlich nur noch ein Jahr zu leben hat, sollte man unbedingt an eine palliativmedizinische Versorgung denken. Denn Palliativmedizin führt zu höherer Lebensqualität und zu besserer Symptomkontrolle. Je eher die Hospizbehandlung beginnt, um so weniger Intensivtherapie ist nötig."

Und vor allem: "Rechtzeitig an ein Patiententestament denken." (cben)

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