Berufspolitik

Mediziner-Nachwuchs will mehr Zeit für Familie

BERLIN (af). Die Einzelpraxis ist ein Auslaufmodell. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage des Hartmannbundes unter Medizinstudierenden.

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Ärzteausbildung in der Klinik. Wie viele werden tatsächlich Patienten versorgen?

Ärzteausbildung in der Klinik. Wie viele werden tatsächlich Patienten versorgen?

© Killig / momentphoto / imago

Mehr Ärzte in der Versorgung – das geht nur, wenn der Arztberuf der Zukunft die Vereinbarkeit von Familie und Beruf garantiert. Auf diesen Nenner lassen sich die Ergebnisse einer Umfrage des Hartmannbundes unter seinen 20.000 studierenden Mitgliedern – 65 Prozent davon sind Frauen – bringen.

Die Präferenzen sind klar: 83 Prozent der Befragten knapp 4400 angehenden Mediziner planen eine Familie oder bringen schon heute ein Baby mit in den Hörsaal. Da ist es folgerichtig, dass der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeitmodellen und planbaren Arbeitszeiten eine wichtige Rolle spielt.

Ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung der Kliniken, die bei den Studierenden nach wie vor in dem Ruf stehen, mit ausufernden Arbeitszeiten und hierarchischen Strukturen einer ausgeglichenen work life balance im Wege zu stehen.

„Die Bereitschaft zur Selbstausbeutung bringt diese Generation nicht mehr wie selbstverständlich mit“, warb Hartmannbund-Chef Dr. Klaus Reinhardt bei der Vorstellung der Umfrage am 7. Mai in Berlin für bessere Arbeitsbedingungen.

Als Angestellte in den ambulanten Sektor auszuweichen, ist für eine zunehmende Zahl junger Mediziner eine Alternative. Gemeinschaftspraxen und Medizinische Versorgungszentren liegen im Trend.

Immerhin 40 Prozent halten die Arbeit, einschließlich der Teamarbeit, dort für befriedigender als in der Klinik sowie die Arbeitszeiten für flexibler. Viele können sich Arbeit außerhalb von Klinik und Praxis vorstellen Jedenfalls dann, wenn sie nach dem Examen überhaupt in die Arbeit mit Patienten wechseln.

Fast die Hälfte der Befragten kann sich vorstellen, außerhalb der kurativen Medizin tätig zu werden. Würde dies Wirklichkeit, würde der Versorgungsnotstand den ländlichen Raum zuerst treffen.

Realität muss an Vorstellungen junger Mediziner angepasst werden

Für Hartmannbund-Chef Dr. Klaus Reinhardt ein Alarmzeichen: "Die Politik steht am Scheideweg", sagte er. Die Akteure des Gesundheitswesens müssten die Berufsbedingungen den Vorstellungen der jungen Generation anpassen.

Nur neun Prozent der Befragten wollen eine Praxis auf dem Land übernehmen. Allerdings geben drei Viertel an, sich vorstellen zu können, für ein paar Jahre befristet auf dem Land zu arbeiten. Die Hälfte würde dafür bis zu 50 Kilometer Anfahrt zur Praxis in Kauf nehmen.

 Lediglich 27 Prozent der Studierenden planen heute schon die Niederlassung. Nur zehn Prozent halten noch die Fahne des Einzelkämpfers in der Praxis hoch und wollen in die Einzelpraxis gehen.

Heute besteht der niedergelassene Bereich noch zu rund 60 Prozent aus Einzelpraxen. 66 Prozent sehen ihre Zukunft in einer Gemeinschaftspraxis, 24 Prozent im MVZ. Für diejenigen, die die Gemeinschafts- der Einzelpraxis vorziehen, sind das unternehmerische Risiko, die Bürokratie und wiederum die Familie dafür ausschlaggebend.

„Das sind die Zukunftsbaustellen der ärztlichen Versorgung“, sagte Kristian Otte, Studierendensprecher im Hartmannbund. Ärzte, die diese nicht wahrnähmen, dürften sich nicht wundern, wenn sie keine Praxisnachfolger fänden, sagte Reinhardt.

Ein weiterer Anreiz: Kommunen auf der Suche nach Ärzten müssten auch den Partnern der Interessenten Arbeitsplätze anbieten und die Kinderbetreuung organisieren, sagte Reinhardt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Kommentar: Der Einzelkämpfer ist passé

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