Molekulardiagnostik

Onkologen setzen Rahmen für Qualität

Die Molekulardiagnostik hat eine neue Qualität in der Krebsmedizin geschaffen. Forscher und Kliniker aus der Onkologie und Pathologie haben nun in einem Positionspapier einen zielgerichteten und integrierten Einsatz definiert.

Veröffentlicht: 15.01.2019, 15:53 Uhr
Onkologen setzen Rahmen für Qualität

Neue molekulardiagnostische Verfahren haben für einen raschen Erkenntnisfortschritt in der Onkologie gesorgt.

© SolisImages / stock.adobe.com

BERLIN. Der rasche Erkenntnisfortschritt in der Onkologie durch neue molekulardiagnostische Verfahren hat die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) dazu veranlasst, gemeinsam mit der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Pathologie Maßstäbe für den qualitätsgesicherten Einsatz der Molekulardiagnostik zu setzen. Ein entsprechendes Positionspapier stellten die drei Fachgesellschaften am Dienstag in Berlin vor.

Definiert werden darin mögliche Indikationsfelder, die Durchführung und die Interpretation molekulardiagnostischer Ergebnisse für die konkrete Therapie, die Nutzung dieser neuen diagnostischen Methoden für die Gewinnung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Qualitätssicherung in den Laboren sowie gesundheitspolitische Handlungsfelder.

Wie der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Professor Olaf Ortmann (Uni Regensburg), sagte, sind molekulardiagnostische Verfahren zur Typisierung einer Tumorerkrankung dann indiziert, wenn mit konventionellen gewebediagnostischen Verfahren (Zytologie, Histologie, Mikroskopie) keine ausreichende Diagnosesicherung möglich ist und wenn eine hinreichende Wahrscheinlichkeit besteht, mit ergänzender Diagnostik eine solche Sicherheit zu erreichen.

Permanenter Wissensaustausch erforderlich

In der Therapie könne die Molekulardiagnostik dann genutzt werden, wenn das Ergebnis prädiktive Bedeutung hat und der Nutzen einer Therapie prognostiziert werden kann. So sei es bei bestimmten Mammakarzinomen möglich, Patientinnen danach zu differenzieren, ob eine Chemotherapie einen Nutzen stiftet oder nicht.

Der Vorsitzende der DGHO, Professor Carsten Bokemeyer (Uniklinik Hamburg-Eppendorf), wies darauf hin, dass bei soliden Tumoren und bei vielen hämatologischen Neoplasien die Integration der Molekulardiagnostik in den Diagnose-Algorithmus die Auswahl des für den individuellen Patienten besten Therapiekonzepts erst ermögliche. Das erfordere, dass die molekulare Diagnostik im klinischen Kontext indiziert und interpretiert werde. Am Ende dieses Prozesses stehe die Diskussion im Tumorboard, um eine Therapieempfehlung abzugeben.

Die Fortschritte in der Diagnostik, so betonte Bokemeyer, hätten zu einem grundlegenden Wandel der Therapie-Algorithmen geführt. Dieser Prozess sei längst nicht abgeschlossen. Deshalb müsse individuell in der konkreten Diagnostik und Therapie gewonnenes Wissen in ein lernendes System einfließen. „Auch vor Ort in den jeweiligen Zentren ist ein kontinuierlicher Wissensaustausch zwischen Diagnostikern und Therapeuten unerlässlich“, forderte Bokemeyer.

Flächendeckende Verfügbarkeit wichtig

Professor Wilko Weichert (TU München) von der Deutschen Gesellschaft für Pathologie sieht es als derzeit nicht sinnvoll an, für molekulare Charakterisierungen bestimmte Methoden vorzugeben, sondern vielmehr im Einzelfall zu entscheiden, welche Testung für das Erreichen eines validen Ergebnisses zweckmäßig ist. Das erfordere eine hohe Expertise sowie zur Qualitätssicherung die Teilnahme an Ringversuchen und eine entsprechende Zertifizierung. Daher könne nicht jedes pathologische Institut oder hämatologische Labor Molekulardiagnostik anbieten. Aus diesem Grund seien kooperative Strukturen und deren Ausbau notwendig.

Professor Bernhard Wörmann (Charité Berlin), der Medizinische Leiter der DGHO, nannte als eine gesundheitspolitische Herausforderung die Vermeidung einer möglichen Diskriminierung der Bevölkerung in ländlichen Räumen sowie alter Menschen. Deshalb müsse auf flächendeckende Verfügbarkeit und guten Zugang zur Telemedizin geachtet werden. Eine wichtige Voraussetzung dafür sei auch die kontinuierliche ärztliche Fortbildung in der Molekulardiagnostik.

Kritik an aggressivem Marketing

Angesichts der raschen technischen Entwicklung – die teilweise auch mit beachtlichen Kostendegressionen bei molekularbiologischen und Gentests einhergeht – sei eine kontinuierliche Analyse der Kosten in der stationären und ambulanten Versorgung notwendig, um die Finanzierung zu gewährleisten.

Kritisch sehen Wörmann wie auch der Pathologe Weichert die Aktivitäten kommerzieller Anbieter, vor allem US-amerikanischer Provenienz. Teilweise gebe es außerordentlich aggressives Marketing, und dies auch im Selbstzahler-Segment, in dem gendiagnostische Tests ohne ärztliche Beratung angeboten und verkauft werden. Potenzielle Patienten würden mit von ihnen kaum interpretierbaren Testergebnissen allein gelassen. Mit einiger Skepsis wird auch die Verbindung zwischen Pharma- und Diagnostika-Industrie gesehen, obwohl dies nicht verallgemeinert werden dürfe. (HL)

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