Zahnmedizin

Praxissterben in Sachsen-Anhalt: „Wir brauchen jede bohrende Hand“

Die Zahlen klingen dramatisch – jeder vierte Sachsen-Anhalter könnte schon in wenigen Jahren keinen Zahnarzt mehr finden. Die Zahnmediziner sehen die Politik stärker gefordert, gegenzusteuern.

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Ist etwas faul im Freistaate Sachsen-Anhalt? Die Einwohner dort könnten demnächst wesentlich weitere Anfahrtswege zum Zahnarzt haben, wenn ihre alte Praxis mangels Nachfolge schließt.

Ist etwas faul im Freistaate Sachsen-Anhalt? Die Einwohner dort könnten demnächst wesentlich weitere Anfahrtswege zum Zahnarzt haben, wenn ihre alte Praxis mangels Nachfolge schließt.

© Wolfilser / stock.adobe.com

Magdeburg/Halle. Der Spitzenverband der Zahnärzte hat der Landesregierung in Sachsen-Anhalt vorgeworfen, zu wenig gegen das anhaltende Praxissterben zu tun. Schon jetzt seien viele Zahnärzte nicht mehr in der Lage, neue Patienten aufzunehmen oder zeitnah Termine zu vergeben, sagte der Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV) Sachsen-Anhalt, Jochen Schmidt. Die Situation werde sich in den nächsten Jahren dramatisch verschärfen. „Die Landesregierung tut im Moment nichts“, sagte Schmidt.

Mehr als die Hälfte der Zahnärzte im Land sind 55 Jahre oder älter. In den nächsten sieben Jahren werden 610 Zahnärzte aus der Versorgung ausscheiden. Das entspricht 43 Prozent, wie aus dem neuen Versorgungsatlas hervorgeht, den die KZV vorgelegt hat. Aufgrund des Nachwuchsmangels könnten im Jahr 2030 rechnerisch rund 518.000 Einwohner nicht mehr versorgt werden.

Diese Menschen würden in ein Versorgungsloch fallen, so Schmidt. „Die bröckelnde Versorgungslage kommt scheinbar nicht in der Politik an.“ Am stärksten werde die ältere Bevölkerung auf dem Land auf der Strecke bleiben, warnte der Zahnarzt aus Dessau-Roßlau.

Die meisten Absolventen der Zahnmedizin kehren Sachsen-Anhalt den Rücken

Die KZV hat Maßnahmen ergriffen, um gegenzusteuern. Darunter sind beispielsweise Stipendien- und Förderprogramme für angehende Zahnärzte. Doch das reicht nicht, um den zukünftigen Bedarf zu decken. Für die Ausbildung sei die Landesregierung zuständig, mahnte Schmidt. „Schließlich können wir uns keine Zahnärztinnen und Zahnärzte ‚backen‘.“

Mehrere Fraktionen im Landtag haben sich bereits dafür ausgesprochen, eine Ausweitung der Studienplatzkapazitäten in Halle zu prüfen. Das Gesundheitsministerium sieht darin jedoch keine Erfolg versprechende Maßnahme. „Die Aufstockung der Studienplätze selbst bedeutet nicht gleichzeitig, dass die ausgebildeten Fachkräfte dann in Sachsen-Anhalt tätig werden“, hieß es. Stattdessen müssten mehr Absolventen nach dem Studium im Land gehalten werden. In Halle gibt es pro Jahr etwa 40 Absolventen im Bereich Zahnmedizin, von denen aber häufig nur wenige bleiben.

Gesundheitsministerium sieht Kommunen in der Pflicht

Das Gesundheitsministerium sieht deshalb die Kommunen gefordert, Ärzten verstärkt bei der Suche nach Praxisräumen, einem Kitaplatz, einer Wohnung oder eines Baugrundstückes zu helfen. Auch über die Einführung einer Landzahnarztquote war zuletzt diskutiert worden - Absolventen sollen sich also verpflichten, nach dem Studium in Sachsen-Anhalt tätig zu sein. Auf diese Weise kann aber nur ein Teil der Studienplätze in Halle vergeben werden.

Die KZV bindet Nachwuchsmediziner bereits jetzt über Stipendien an das Land. Dies geschieht über eine Kooperation mit der ungarischen Universität Pécs mit bis zu 12 Förderplätzen jährlich. Die Studentinnen und Studenten müssen anders als in Deutschland kein Top-Abitur mitbringen – auch mit einem Notendurchschnitt von bis zu 2,6 ist ein Studium möglich. Im Gegenzug verpflichten sich die Stipendiaten, nach dem Studium mindestens fünf Jahre in Sachsen-Anhalt als Zahnärzte zu arbeiten.

„Wir brauchen jede bohrende Hand“, sagte die stellvertretende KZV-Vorsitzende Dorit Richter. In Ungarn gebe es weitere Kapazitäten. Die Landesregierung müsse das Programm deshalb unterstützen und zudem weitere Maßnahmen in die Wege leiten. In anderen Bundesländern hätten die Landesregierungen den großen Bedarf bereits erkannt und würden entschlossener handeln, so Richter. (dpa/sa)

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