Psychotherapie

Psychotherapeuten fordern Kooperationsgebot

Die Deutsche PsychotherapeutenVereinigung fordert eine strukturierte Zusammenarbeit mit den somatischen Kollegen – und möchte ambulante Angebote stärken, um in der stationären Versorgung „Drehtüreffekte“ zu verhindern.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 01.04.2020, 13:16 Uhr
Laut Report nimmt nur knapp jeder fünfte Mensch mit einer psychischen Diagnose eine ambulante Therapie in Anspruch.

Laut Report nimmt nur knapp jeder fünfte Mensch mit einer psychischen Diagnose eine ambulante Therapie in Anspruch.

© VadimGuzhva / stock.adobe.com

Berlin. Bis zu 50 Prozent der Menschen mit chronischen Erkrankungen leiden auch unter behandlungsbedürftigen psychischen Belastungen. Diese Aussage aus dem am Mittwoch veröffentlichten „Report Psychotherapie 2020“ der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung haben DPtV-Vertreter zum Anlass genommen, eine „fachgruppen- und sektorenübergreifende Zusammenarbeit“ bei somatischen Erkrankungen zu fordern.

Psychotherapeuten sollten frühzeitig in Diagnostik und Behandlung einbezogen werden. Psychische Begleiterkrankungen würden zu selten erkannt.

Der Report weist auf Unterversorgung hin. Nur knapp jeder fünfte Mensch in Deutschland mit einer psychischen Diagnose nehme auch tatsächlich eine ambulante Therapie in Anspruch. Etwa ein Viertel der psychisch Erkrankten gelangten gar nicht in Behandlung. Die DPtV sieht dringenden Bedarf für psychotherapeutische Versorgungsforschung.

Ambulante Angebote verhindern „Drehtüreffekte“

Lediglich 2,5 Milliarden Euro pro Jahr flössen in die ambulante Psychotherapie. Insgesamt würden für die Behandlung psychischer Erkrankungen gut 44 Milliarden Euro im Jahr ausgegeben. Von den rund 340 Milliarden Euro, die die Kostenträger im Jahr für die Behandlung von Krankheiten aufwenden, entfallen somit mehr als 13 Prozent auf die Behandlung seelischer Störungen. Nur die Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbuchen mehr direkte Kosten.

Der Grundsatz „ambulant vor stationär“ müsse daher wieder ernster genommen werden, fordert die DPtV. Ambulante Angebote könnten „Drehtüreffekte“ in der stationären psychotherapeutischen Versorgung verhindern helfen.

Psychisch Schwerkranke sterben früher

Zudem seien psychische Erkrankungen nach DPtV-Angaben heute schon die häufigste Ursache für Frühverrentungen. Der Berufsverband fordert daher einen Ausbau der psychotherapeutischen Rezidivprophylaxe. Betriebspsychotherapeutische Sprechstunden und mehr psychotherapeutische Prävention in den Lebenswelten sollten gesetzlich vorgeschrieben werden.

Ausweislich des Reports leidet, statistisch betrachtet, mehr als jeder vierte erwachsene Mensch in Deutschland (27,8 Prozent) einmal im Jahr an einer psychischen Erkrankung. In absoluten Zahlen sind 17,8 Millionen Menschen ab 18 Jahren betroffen. Zu den häufigsten psychischen Erkrankungen zählen die Angststörungen, die knapp zehn Millionen Menschen in Deutschland einmal im Jahr betreffen, und affektive Störungen (6,3 Millionen).

Die Auswirkungen psychischer Erkrankungen sind nicht banal. Schwer betroffene Menschen sterben laut Report im Schnitt zehn Jahre früher als die Allgemeinbevölkerung. Deren Lebenserwartung liegt laut Statistischem Bundesamt für Männer aktuell bei 79,1, für Frauen bei 84,1 Jahren. (af)

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