Studie

Schmerztherapie bleibt Achillesferse in der Versorgung

Eine relativ gute Versorgung chronisch Schmerzkranker wie in Baden-Württemberg ist die Ausnahme. Limitierend wirken die oft zu geringen Versorgungskapazitäten - und die Tatsache, dass die Medizin an ihre Grenzen stößt.

Von Wolfgang van den BerghWolfgang van den Bergh Veröffentlicht:
Chronischer Rückenschmerz: Dafür gibt es bald ein DMP.

Chronischer Rückenschmerz: Dafür gibt es bald ein DMP.

© lofilolo/thinkstock.com

STUTTGART. Mit etwa 250 Therapeuten in Niederlassung und speziellen Einrichtungen kann sich die schmerztherapeutische Versorgung in Baden Württemberg durchaus sehen lassen. Jährliche von der KV durchgeführte stichprobenartige Qualitätsprüfungen belegten zudem, dass die Zahl der Beanstandungen relativ gering ist.

Darauf hat Dr. Michael Viapiano, Leiter des Geschäftsbereichs Qualitätssicherung/Versorgungsmanagement der KV Baden-Württemberg, in Stuttgart hingewiesen.

In der gesundheitspolitischen Impuls-Veranstaltung "Schmerz lass nach" - wie gut sind Schmerzpatienten in Baden-Württemberg versorgt?", die vom Arzneimittelhersteller Mundipharma initiiert worden war, zeigte Viapiano, dass von 150 überprüften Therapeuten 2013 über 100 Therapeuten ohne Beanstandungen waren. Im Jahr zuvor wurde 140 Therapeuten geprüft, knapp 90 blieben unauffällig.

Zu geringe Versorgungsdichte

Trotz der für Baden-Württemberg ermutigenden Zahlen ist die Bilanz für Gesamt-Deutschland eher ernüchternd. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich im Auftrag der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Schmerztherapie in Auftrag gegebenen repräsentativen Studie unter Leitung von PD Dr. Winfried Häuser. Darüber hatte die Deutsche Schmerzgesellschaft informiert.

Nach der Studie berichten etwa 23 Millionen Deutsche über chronische Schmerzen, 95 Prozent davon über chronische Schmerzen, die nicht durch Tumorerkrankungen bedingt seien. Bislang lagen die Schätzung bei 15 bis 18 Millionen Menschen, die über chronische Schmerzen klagen.

In puncto Zufriedenheit sind die Ergebnisse alarmierend: So seien über 24 Prozent der Menschen mit chronischen Schmerzen, die in einer Schmerztherapiebehandlung sind, (sehr) unzufrieden.

Zahlen, die den Böblinger Schmerztherapeuten Dr. Hans-Dieter Zug, nicht überraschen. "Wir haben nicht genügend Einrichtungen, um alle Schmerz-Patienten so individuell zu behandeln, wie es nötig wäre."

Die Situation in Umkreis von Böblingen - hier kümmerten sich fünf Schmerztherapeuten um die Behandlung der Patienten, sei nahezu ideal, aber längst nicht bundesweit übertragbar, so Zug. Problematisch sei zudem, dass Patienten oft mit einem falschen "Heilungsversprechen" an die Therapie herangeführt würden.

Seine Erfahrung aus der Praxis zeige, dass zwei Dritteln aller behandelten Schmerzpatienten gut geholfen werden könne - allerdings führten bei einem Drittel der Patienten selbst modernste Therapiekonzepte nicht zum gewünschten Erfolg.

Welche Hürden überwunden werden müssen, um eine geeignete Schmerztherapie zu erhalten, schilderte der ehemalige Fußballprofi Jörg Dittwar (1. FC Nürnberg). Der heutige Bundestrainer der Fußballer mit intellektueller Beeinträchtigung hatte in den 1990er Jahre erlebt, wie lange es dauert, um nach verschiedenen Operationen schmerztherapeutisch gut versorgt zu sein.

Die Situation sei heute sicherlich besser, dennoch rät er seinen Fußballkollegen, sich nach Verletzungen "kritisch" mit Therapiekonzepten auseinanderzusetzen.

Option Integrationsverträge

Chancen für eine bessere Schmerzversorgung sieht Markus Koffner, Abteilungsleiter der TK Baden-Württemberg, durch eine stärkere Nutzung von Integrationsverträgen. Die TK habe mit interdisziplinären Schmerztherapie-Konzepten bei Rücken und Rheuma gute Erfahrungen gemacht.

Ob sich die Situation der Patienten verbessern werde, wenn es, wie vorgesehen, Disease-Management-Programme für Rücken- und Rheuma-Erkrankungen geben wird, stellte Koffner in Frage. Seine Forderungen für eine bessere Schmerztherapie: frühzeitiges Einbinden aller Fachrichtungen, Förderung der Fortbildung und eine unabhängige Arzneimittelberatung.

"Ohne verlässliche Daten lässt sich Versorgungssteuerung nicht praktizieren", sagte Professor Christel Weiß, Leiterin der Abteilung für Medizinische Statistik, Biomathematik und Informationsverarbeitung der Uniklinik Mannheim.

Dennoch ermöglichten Versorgungsdaten alleine nicht, kausaler Zusammenhänge abzuleiten, geschweige denn eine Entscheidungshilfe für behandelnde Ärzte zu bieten. Notwendig seien vielmehr prospektive Beobachtungsstudien zur Evaluation von Faktoren, die den Therapieerfolg kausal beeinflussen.

Zudem forderte Weiß eine Diskussion über die Auflage randomisierter Studien zum Vergleich des Nutzens zweier Therapieverfahren.

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