KV Nordrhein

So geht die gemeinsame Betreuung psychisch Kranker

In Nordrhein betreuen niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten gemeinsam Patienten mit neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen. Das Modell hat das Potenzial, Blaupause auch für andere Regionen zu sein.

Von Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht: 08.02.2019, 06:53 Uhr
So geht die gemeinsame Betreuung psychisch Kranker

„Wir binden Hausärzte Zug um Zug in die NPPV ein“: Dr. Frank Bergmann, Vorstand der KV Nordrhein.

© Michaela Illian

KÖLN. Das Projekt der neurologisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung (NPPV), das zurzeit in Nordrhein erprobt wird, könnte zur Blaupause für das gesamte Bundesgebiet werden, glaubt der Vorsitzende der KV Nordrhein (KVNo) Dr. Frank Bergmann. Das Konzept eigne sich aber nicht nur für diese Patientengruppe, sagt Bergmann der „Ärzte Zeitung“. „Es kann auf andere Versorgungsgebiete übertragen werden.“

Bei der NPPV betreuen niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten gemeinsam Patienten mit schweren neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen und einem hohen Versorgungsbedarf. Das im April 2017 gestartete Projekt läuft bis Ende 2021 und wird durch den Innovationsfonds mit knapp 13 Millionen Euro gefördert.

Bislang beteiligen sich mehr als 400 Neurologen, Psychiater und Psychotherapeuten, 800 haben an fachübergreifenden Veranstaltungen und Qualitätszirkeln teilgenommen. Die Netzwerker arbeiten mit verbindlichen Behandlungspfaden und einer elektronischen Patientenakte.

5000 Patienten eingeschrieben

Seit Beginn der Einschreibung Ende 2017 haben sich fast 5000 Patienten für die strukturierte Versorgung entschieden. Stand Oktober 2018 hatten 51 Prozent der Patienten schwere depressive Episoden beziehungsweise rezidivierend depressive Störungsbilder. „In 16 Prozent der Fälle werden die oft schwer erreichbaren Patienten mit den Diagnosen ‚Schizophrenie, bipolare und wahnhafte Störungsbilder‘ eingesteuert“, heißt es im Qualitätsbericht 2018.

Die Patienten haben jeweils einen festen Bezugsarzt oder Bezugstherapeuten. Er koordiniert die Versorgung und bezieht dabei bei Bedarf auch niederschwellige Gruppenangebote und Online-Therapien ein. „Das Prinzip, das einer gegenüber dem Patienten den Hut auf hat, ist einer der Erfolgsfaktoren der NPPV“, sagt KVNo-Chef Bergmann.

Der jeweilige Arzt oder Psychotherapeut stelle sicher, dass der Patient alle erforderlichen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen zeitnah erhält. Bei einer telefonischen Befragung im August 2018 gaben 89 Prozent der Patienten an, dass sie sich von ihrem Bezugsarzt oder -therapeuten sehr gut betreut fühlen und die NPPV weiterempfehlen würden.

Gerade am Anfang der Betreuung dieser Patienten gebe es häufig einen verdichteten Behandlungsbedarf, der Kranke benötige viele Termine, sagt Bergmann, der selbst Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie ist. Durch die Zusammenarbeit im Netzwerk gelinge es, die notwendigen Akuttherapien sicherzustellen. „Wir können den Patienten schnell helfen und dadurch eine Chronifizierung verhindern.“

Integration der Hausärzte läuft an

In den Regionen entwickeln sich informelle Netze und Qualitätszirkel, berichtet er. Sie werden unterstützt von der Managementgesellschaft IVP Networks, die auch die ergänzenden Gruppenangebote koordiniert. „Man kann die Angebote online abfragen und die Patienten eingliedern“, erläutert Bergmann.

Nach seinen Angaben läuft die Integration der Hausärzte in die NPPV jetzt an. Die Hoffnung ist, dass sie frühzeitig erkennen, welche Patienten von der strukturierten Versorgung profitieren würden und sie in das Netzwerk einsteuern. „Wir binden die Hausärzte Zug um Zug ein, damit sie wissen, wo sie ihre Patienten hinschicken können.“ Auch weitere Leistungserbringer sollen in die NPPV integriert werden, etwa die Pflege, Ergotherapeuten und Kliniken. Auch die Betriebsärzte werden über die Inhalte und Ziele des Vorhabens informiert.

Ein Baustein der NPPV sind Online-Selbsthilfeprogramme, und zwar für Patienten mit Depression, Ängsten oder Burnout. Ärzte und Psychotherapeuten verordnen die Programme bei rund 20 Prozent der Patienten, bei Patienten mit einer Depression ist es sogar ein Drittel. „Die Online-Therapie kommt bei den Patienten richtig gut an“, so Bergmann.

Das Interesse an der NPPV ist auch außerhalb von Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie groß. Für den Bereich der Allergologie, das viele Fachgruppen betreffe, sei ein Konzept entwickelt worden, dass sich an das nordrheinische Modell anlehnt.

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