Klinik-Ratingreport

So schlecht steht es um die Krankenhäuser

Die Insolvenzgefahr steigt, rund 200 kleinere Kliniken stehen vor dem Aus: Dieses düstere Bild zeichnet der Klinik-Ratingreport 2015, der am Donnerstag auf dem Hauptstadtkongress vorgestellt wurde. Aber es gibt auch Lichtblicke.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Das Klinikum in Offenbach: Die Investition in den Neubau hatte die Kommune überfordert , das Klinikum wurde privatisiert.

Das Klinikum in Offenbach: Die Investition in den Neubau hatte die Kommune überfordert , das Klinikum wurde privatisiert.

© Dedert / dpa

BERLIN. Mehr als jedes sechste Krankenhaus in Deutschland (16 Prozent) ist von Insolvenz bedroht. Fast alle dieser deutlich mehr als 300 Krankenhäuser stehen in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Bremen, Bayern und Hessen.

In den neuen Ländern zeigt sich der stationäre Sektor nach den harten Strukturreformen der 1990er-Jahre wirtschaftlich gefestigt.

Das ist ein Ergebnis des aktuellen Krankenhaus-rating-Reports von RWI, der Stiftung Münch und der Philips GmbH. Der Report beruht auf einer Stichprobe von rund 750 Jahresabschlüssen der Jahre 2012 und 2013. Er wurde am Rande des Hauptstadtkongresses in Berlin vorgestellt.

30 Prozent machen Miese

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Auf Konzernebene hätten 30 Prozent der Krankenhäuser Verluste geschrieben, berichtete Dr. Sebastian Krolop von Philips. 2012 seien es noch 33 Prozent gewesen. Über alle Häuser sei eine Umsatzrendite von 1,2 Prozent erwirtschaftet worden.

Die Unterfinanzierung besteht dennoch fort. Den jährlichen Investitionsbedarf beziffern die Autoren des Reports auf 5, 3 Milliarden Euro. Derzeit bezahlen die dafür zuständigen Länder jedoch nur rund 2,7 Milliarden Euro im Jahr. Inzwischen sei ein Investitionsstau von mindestens zwölf Milliarden Euro aufgelaufen, sagte Krolop.

Ändere sich daran nichts, steige der Anteil von Krankenhäusern mit erhöhter Insolvenzgefahr in den kommenden fünf Jahren auf 27 Prozent. Die Konsequenz: In den alten Bundesländern wäre dann mehr als jedes zweite Krankenhaus tief in den Miesen.

Um den stationären Sektor zu sanieren, seien Produktivitätssteigerungen und Marktaustritte nötig, sagte Dr. Boris Augurzky vom RWI.

Das Institut habe hochgerechnet 205 kleinere Krankenhäuser ausgemacht, die geschlossen werden könnten, ohne dass es zu Versorgungsengpässen komme.

Das sind zehn Prozent der noch 2000 Häuser, allerdings deutlich weniger, wenn man die Zahl der Betten zu Grunde legt. Etwa 700 Millionen Euro im Jahr ließen sich damit einsparen.

Die Schließung solle ein aktiver Strukturfonds betreiben, eine Art "Bad Bank", schlägt Augurzky vor. Dieser Fonds könne Kliniken abwickeln, wenn für einen Träger weder eine Sanierung noch ein Verkauf in Frage komme.

Fonds aus Bundesmitteln

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Der Fonds solle aus Bundesmitteln gespeist werden. Benötigt werde dafür eine Anfangsdotierung von 2,7 Milliarden Euro. Dem stünden Erlöse aus dem Handel mit den freiwerdenden Casemix-Punkten gegenüber.

Die Alterung der Gesellschaft fordere Effizienzverbesserungen zur Vermeidung von Rationierung im Gesundheitswesen. Die seien nur in integrierten, nationalen und regionalen Verbünden erzielbar, so Augurzky.

Ein weiteres Ergebnis des Reports: Der ärztliche Dienst hat die Pflege als größten Posten der Personalkosten in Krankenhäusern abgelöst. Demnach entfielen im Jahr 2013 rund 31 Prozent der Personalkosten auf die Ärzte.

Diese Entwicklung werde die Kliniken zu tief greifenden Änderungen der Arbeitsorganisation zwingen. "Delegation und Substitution sowie die Digitalisierung der Prozesse müssen vorangetrieben werden", sagte Krolop.

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Kommentare
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Dr. Wolfgang P. Bayerl

gute Kommentare!

Des Pudelskern sowohl bei Politik wie auch bei der DKG ist die ökonomische Dominanz der Akteure.
In der Politik mit schönen Worten verschleiert, im Krankenhaus (und natürlich den "Kostenträgern") ganz unverschleierte Realität.
Was kann so ein dummer Ökonom am besten?
Personal einsparen! Damit ist schon so manches Krankenhaus in die Knie gegangen.
Musterbeispiel die Zerstörung der ehemals operativen internationalen Spitzenklinik Uni-Mannheim, ein Trauerspiel.
Ärztlicher Sachverstand und damit letztlich die Behandlungsqualität bleibt auf der Strecke.

Die dritte, vielleicht gar die wichtigste Säule, das Risikoverhalten des "Patienten" wird von Politik und Medienöffentlichkeit konsequent ausgeblendet. Das machen andere Länder besser!

Pseudomedizin macht sich breit

Dr. Ilona Köster

Fokussierung auf Verluste verkennt Versorgungsbeitrag

Die Überlegung, dass in Deutschland zu viele Krankenhäuser existieren, ist nicht neu. Auch nicht, dass durch Konzentration und Reduktion Kosten gespart werden können. Was in dieser Diskussion und auch im Artikel aber zu kurz kommt, ist die Frage, ob die Tatsache, dass ein Haus Verluste aufweist, gleichbedeutend damit ist, dass genau dieses Haus überflüssig ist. Angesichts der Schieflagen in der Vergütung, die bestimmte, insbesondere planbare Leistungen bevorzugt, dürfen Zweifel angemeldet werden. Vor allem, da wir gerade in diesen Leistungsbereichen auffällige Mengenentwicklungen in Deutschland haben.

Eine unreflektierte neoliberale Vorgehensweise, die ausgerechnet die notwendigen Versorger in Insolvenz und assistierte Auflösung treibt, wäre demnach mit Blick auf die Versorgungssicherheit der Patienten fatal. Vor diesem Hintergrund ist der Ansatz im KHSG zielführender, zunächst festzulegen, welche Versorgung gebraucht wird, und jene Häuser zu unterstützen, die wegen ihrem Engagement in diesen besonders versorgungsrelevanten Leistungsbereichen in die roten Zahlen geraten. Bleibt nur zu wünschen, dass das auch effektiv umgesetzt und nicht durch Lobbyinteressen verwässert wird.


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