Interview mit dem Marburger Bund

„Sparen können Sie in der Klinik nur noch bei den Ärzten“

Der Helioskonzern will in seinen Kliniken Arztstellen abbauen. Wegen der Pandemie seien weniger Patienten stationär versorgt worden und zudem würden immer mehr Behandlungen ambulant erbracht. MB-Vize Dr. Andreas Botzlar vermutet im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ ganz andere Motive.

Von Christiane BadenbergChristiane Badenberg Veröffentlicht:
Krankenhäuser müssten für die Vorhaltung bezahlt werden und nur zu einem ganz geringen Teil für die am Ende erbrachte Leistung, fordert MB-Vize Dr. Andreas Botzlar.

Krankenhäuser müssten für die Vorhaltung bezahlt werden und nur zu einem ganz geringen Teil für die am Ende erbrachte Leistung, fordert MB-Vize Dr. Andreas Botzlar.

© Marburger Bund

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Botzlar, der Marburger Bund führt zur Zeit Tarifverhandlungen mit Helios. Man hört, da rumpelt es etwas. Und jetzt hat Helios-Vorstandschef Francesco De Meo angekündigt, in den Kliniken des Konzerns Arztstellen abbauen zu wollen. Ist das in einer Zeit grassierenden Ärztemangels für Sie nachvollziehbar?

Dr. Andreas Botzlar: Nein, das ist widersinnig, aber wir erleben gerade so etwas wie den Beginn einer neuen Ära. Die Pflegepersonalkosten sind aus den DRG ausgegliedert worden, das ist gut und richtig so. Die Kostenoptimierer einer Klinik können jetzt aber nur noch sparen, wenn sie den ärztlichen Dienst ausdünnen. Der Helios-Konzern ist da vielleicht etwas schneller im Erkennen von veränderten Rahmenbedingungen als andere. In Helios-Kliniken werden Stellen nicht mehr nachbesetzt oder teilweise aktiv abgebaut. Oder Ärzten wird nahegelegt, in Teilzeit zu gehen. Das passiert zu einer Zeit, in der die Ärztinnen und Ärzte, die bereits da sind, schon am Anschlag arbeiten. Jetzt sagt man ihnen: „Ihr müsst das in Zukunft noch mit ein paar Leuten weniger schaffen.“

Unsere Forderungen in den Tarifverhandlungen sind deshalb natürlich darauf gerichtet, die Belastung der Kollegen zu senken. Die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben soll besser gelingen, als dies bisher der Fall war.

In der öffentlichen Debatte, von Verbänden hört man derzeit, dass Ärzte am Belastungslimit sind. Wo sind Kapazitäten frei?

Es sind keine weiteren Kapazitäten frei. Aber die einzige Möglichkeit, mit der Sie momentan Profit im Krankenhaus erzielen können, besteht darin, zusätzliches Personal abzubauen. So denken diese Leute. Ganz gleich, ob die Ärzte bis zum Anschlag arbeiten.

Bisher hieß es aber doch immer, dass die Ärzte den Krankenhäusern das Geld bringen, weil sie Leistungen erbringen, die lukrative Erlöse erzielen.

Die Leistungen, die sie abrechnen, müssen auch weiterhin erbracht werden. Nur der Einzelne soll jetzt noch mehr machen. Da haben wir historische Beispiele. Wir hatten ja vor rund 25 Jahren noch eine sogenannte Ärzteschwemme. Die Realität sah allerdings so aus: Die einen sind Taxi gefahren und die anderen haben bis zum Umfallen gearbeitet. Es gab also kein Zuviel an ärztlicher Arbeitskraft, sondern einen Mangel an ärztlichen Arbeitsstellen. Je weniger ärztliches Personal Sie als Klinik bezahlen müssen, umso größer ist der Gewinn.

Die Aufgabe eines Krankenhauses ist es nicht, Renditen zu erwirtschaften, sondern Gesundheit zu erhalten.

Francesco De Meo sagt, in der Pandemie sei die Zahl der Krankenhausbehandlungen stark zurückgegangen und außerdem würden immer mehr Eingriffe ambulant erbracht. Deshalb brauche man weniger Klinikärzte. Das klingt doch nachvollziehbar?

Das wäre ja nur eine Verlagerung der ärztlichen Arbeit. Herr De Meo will aber in den Kliniken und in den ambulanten Helios-Einrichtungen Stellen abbauen. Das heißt, die gleiche Arbeit muss von weniger Leuten erbracht werden. Herr De Meo muss die Erwartungen seiner eigenen Anteilseigner befriedigen. Und genau betrachtet sieht man, dass die Behandlungen zum Beispiel leichter Herzerkrankungen zwar abgenommen haben, die der irreversiblen haben aber zugenommen.

Im Krankenhaus müssen Leistungen vorgehalten werden. Wenn die Feuerwehr so funktionieren würde wie derzeit vielfach das Krankenhaussystem, dann würde sie ja auch nur für Brände bezahlt, die sie gelöscht hat. Meine feste Überzeugung ist: Krankenhäuser müssen für die Vorhaltung bezahlt werden und nur zu einem ganz geringen Teil für die am Ende erbrachte Leistung. Wenn man das so macht, hat man auch nicht mehr die Diskussion über zu viele Operationen, nur weil noch Erlöse generiert werden müssen; oder darüber, dass jemand nicht operiert wurde, weil sonst ein Mehrleistungsabschlag droht. Die Aufgabe eines Krankenhauses ist es nicht, Renditen zu erwirtschaften, sondern Gesundheit zu erhalten.

Es gibt die Tendenz bei Helios, sich nur noch auf lukrative Fachgebiete zu konzentrieren, vor allem in den MVZ. Das klappt ja nur, wenn Sie einen Willigen finden, der die weniger attraktiven Fachgebiete auf eigene Kappe betreibt, ansonsten findet die Versorgung am Ende nicht statt.

Wer soll so verrückt sein?

Da gibt es immer niedergelassene Kollegen, die Praxen betreiben, weil ihnen zunächst einmal die Gesundheit der Bevölkerung am Herzen liegt. Die nehmen sich dann in die Pflicht.

Wundert Sie, dass Herr De Meo in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen ganz offen darüber spricht, dass er Arztstellen abbauen will?

Er versucht, das Problem kleinzureden, indem er sagt, es sind ja auch weniger Patienten gekommen. Aber das ist natürlich ein Einmal-Effekt durch die Pandemie. Er verkauft das als moderaten Stellenabbau und sendet so ein Signal an die Anteilseigner. Aber de facto ist es so: Die höhere Dividende zahlen die Mitarbeiter durch größere Arbeitsbelastung. Sie können Personal auch auf Verschleiß fahren. Dann arbeitet der Arzt drei Jahre, bis er ein Burn-out hat und dann müssen Sie auf dem Arbeitsmarkt halt jemand anderen finden, der ihn ersetzt.

Helios sagt zum geplanten Stellenabbau am Herzzentrum Leipzig: Vor der Pandemie hat ein in Vollzeit arbeitender Arzt sechs Entlassfälle pro Monat betreut, jetzt seien es nur noch vier. Da ist es doch nachvollziehbar, wenn reduziert werden soll.

Ich sage aber doch auch nicht an einem schönen Sommertag, „meinen Regenschirm schmeiß ich jetzt weg“, denn irgendwann regnet es doch wieder. Und das Problem aller Krankenhäuser ist ja, dass der Zustrom Kranker oder Verletzter nicht kontinuierlich stattfindet. So etwas ist für einen Kaufmann ein Graus. Ich arbeite selbst in einer Zentralen Notaufnahme. Und wenn schönes Wetter ist, geht es da plötzlich zu wie verrückt. Wenn ich die Belastung der Krankenhäuser reduzieren will, brauche ich keine nächtliche Ausgangssperre, sondern ich muss das Zweiradfahren verbieten. Sie können ja nicht während der Pandemie alle zu Hause einsperren. Was machen die Leute dann? Sie setzen sich aufs Motorrad oder Fahrrad. Da nützt es auch nichts, wenn am Sonntagvormittag in der Klinik tote Hose herrscht. Ich kann ja vorher nicht wissen, dass am Nachmittag die verunglückten Zweiradfahrer in großer Zahl in die Notaufnahme kommen. Ich kann vorher nicht wissen, ob es den Motorradfahrer um 11 Uhr oder um 16 Uhr schmeißen wird.

Im Herzzentrum Leipzig ist offenbar ganzen Fachabteilungen angeboten worden: Wenn alle ihre Arbeitszeit auf 95 Prozent reduzieren, müsse niemand entlassen werden. Kann das funktionieren?

Gemeint ist natürlich damit, dass sie auf fünf Prozent ihres Gehaltes verzichten, aber zu 100 Prozent arbeiten. Wenn es dann noch mit der Arbeitszeiterfassung nicht richtig klappt, ist das ein besonders lukratives Modell aus der Sicht des Krankenhauses.

Sie kandidieren am Mittwoch beim Ärztetag für den Vorstand der Bundesärztekammer. Was ist Ihre Motivation? Sie sind schließlich bereits Zweiter Vorsitzender des Marburger Bundes und Vize der Bayerischen Ärztekammer. Warum jetzt auch diese Kandidatur?

Wir haben bestimmte Positionen in der deutschen Ärzteschaft, die wir in Politik und Gesellschaft zur Geltung bringen wollen. Ein paar sind ja in unserem Gespräch auch deutlich geworden. Zum Beispiel: Dass ein privatwirtschaftliches System überhaupt keine Abwehrkräfte hat, wenn es ausgemolken werden soll. Nach dem Motto, ich mache die lukrativen Sachen, um den Rest sollen sich andere kümmern. Ich will unser Gesundheitssystem und unseren Berufsstand davor schützen, dass sie ausgeweidet werden. Die entscheidende Frage ist ja: Ist der Kandidat in der Lage, das Gesamtbild nach außen gut darzustellen und Ideen voranzubringen? Das wäre zumindest nach meinem Dafürhalten das, was bei der Wahl den Ausschlag geben soll.

Dr. med. Andreas Botzlar

  • seit November 2007 2. Vorsitzender des Marburger Bund Bundesverbandes
  • seit 2008 Mitglied im Vorstand der Bayerischen Landesärztekammer
  • seit Februar 2018 1. Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer
  • Facharzt für Chirurgie, Oberarzt an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau
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