Berufspolitik

Sparschweine der Nation

Ärzte, Pfleger, Klinikgeschäftsführer gingen am Freitag in Kiel auf die Straße. Ihre einmütige Klage: Unterfinanzierung der Klinik. Ziel ihrer Kritik ist Berlin.

Von Dirk Schnack Veröffentlicht: 27.08.2011, 11:43 Uhr
Sparschweine der Nation

Vom Rathausplatz zum Landeshaus Kiel zogen am Freitag Ärzte, Pfleger und Klinikchefs. Auch Kassenchefs und Politiker hatten dafür Verständnis.

© Dirk Schnack

KIEL. Die Hand des Passanten zuckt zurück, seine Miene ist fast so sauer, wie die Frucht, die er nicht entgegen nehmen mag: Eine Zitrone mit Fähnchen von einer Dame mit Trillerpfeife nimmt nicht jeder, der dem Protestzug der Klinikmitarbeiter in Kiel begegnet.

Andere greifen zu und lesen sich durch, was auf den Fähnchen steht: "Wenn Sie diese Zitrone ausgedrückt haben, dann wissen Sie, wie sich Klinikbeschäftigte in Schleswig-Holstein fühlen."

Auf dem Weg vom Rathausplatz zum Landeshaus, wo sie Politikern ihre Verärgerung demonstrieren, erreichen die Klinikmitarbeiter zahlreiche Passanten in der Landeshauptstadt.

Die Parteien im Land hatten zuvor Solidaritätsbekundungen an die Protestler geschickt, was denen allerdings nicht ausreichte. "Wir haben alles, nur keine Geduld mehr", machten Redner auf dem Rathausmarkt klar. Verständnis hat hier niemand mehr dafür, dass Klinikleistungen deutlich unter dem Niveau anderer Länder bezahlt werden.

Dr. Henrik Herrmann, Chefarzt im kleinen Krankenhaus von Brunsbüttel, hat eine stundenlange Autofahrt auf sich genommen, um für den Marburger Bund dabei sein zu können.

Er wünscht sich, dass von Kiel ein Signal ausgeht für weiteren öffentlichen Druck: "Sonst bewegt sich Politik nicht." Während Herrmann Ärzte, Pflegekräfte und andere Klinikmitarbeiter in einem Boot sieht, kritisiert etwa der DGB-Redner eine Bevorzugung von Ärzten durch die FDP.

Die Arbeitnehmervertretungen verlangen neben einer schnellen Angleichung der Landesbasisfallwerte auch eine dauerhafte Regelung der Personalbemessung in der Pflege. Denn die Finanzlage in den Kliniken hat dazu geführt, dass die einzelne Pflegekraft immer mehr Leistungen erbringen muss.

Solche "Pflege im Laufschritt" führt nach Befürchtung der Krankenhausgesellschaft (KGSH) über kurz oder lang zu nicht mehr zu kompensierenden Einbrüchen. "Wir sind an die Grenzen der Belastung gegangen - viele auch darüber hinaus", sagt die KGSH-Vorsitzende Petra Thobaben.

Sie kündigt an, dass die Klinken ihre Leistungen einschränken müssen, weil das finanzielle Problem sich nicht mehr durch Optimierung oder Abbau lösen lässt.

Sparschweine der Nation

Symbolträchtige Botschaft für die Bürger von Kiel. Ärzte und Pfleger sind am Ende.

© Dirk Schnack

Für die Forderung nach gerechter Bezahlung gibt es im Norden einen breiten Konsens, der auch Klinik-Geschäftsführer, Kassenvertreter und Politiker umfasst. Verwaltungschefs sind in Kiel dabei und bedauern, dass nicht mehr Personal mitmarschieren kann - denn einen Leistungsausfall wegen des Protestes kann sich im Norden keine Klinik leisten.

Dr. Johann Brunkhorst, Leiter der Techniker Krankenkasse, verweist auf den Widerspruch zwischen unterschiedlichen Preisen und bundesweit einheitlichem Beitragssatz: "Beides passt einfach nicht zusammen. Die unterschiedlichen Fallwerte widersprechen der Systematik des Gesundheitsfonds."

Auch Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg macht noch am gleichen Tag im Landtag deutlich, dass er für eine schnellere Angleichung eintritt. Seine bisherigen Bemühungen wurden auf Bundesebene aber nicht im erhofften Maße umgesetzt.

Weil in Kiel niemand die Angleichung herbeizaubern kann, wird es wohl nicht bei Protesten an der Ostsee bleiben. Die Drohung auf dem Kieler Rathausplatz, dass bundesweit ein Potenzial von über zwei Millionen Beschäftigten in der Pflege für ihre Interessen eintreten könnten, ist nach Berlin gerichtet - dort darf man sich schon auf Zitronen freuen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Strafe für gutes Wirtschaften

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