Interview
Uniklinika-Chef Jens Scholz: „Es fehlt ein langfristiges gesundheitspolitisches Zielbild“
Die Herausforderungen an das Gesundheitswesen sind immens. Im Interview plädiert der Vorstandsvorsitzende des Verbands der Universitätskliniken, Professor Jens Scholz, für eine bundeseinheitlich systematisierte Versorgungsstruktur.
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Uniklinika-Chef Jens Scholz: Konsequente High-Tech-Agenda kann schnellere Translation schaffen.
© axentis.de / Lopata
Herr Professor Scholz, was können Universitätsklinika zur Resilienz des Gesundheitswesens beitragen?
Universitätsklinika sind ein zentraler Pfeiler für ein resilientes Gesundheitswesen. Sie sichern hochspezialisierte Maximalversorgung und koordinieren die regionale Versorgung. Die Erfahrungen aus der Pandemie haben gezeigt, dass es in Krisensituationen wichtig ist, Patientenströme, Ressourcen und Versorgungsstrukturen zu steuern.
Was bringen die Uniklinika konkret mit?
Wir verfügen über maßgebliche Infrastrukturen, Forschungskapazitäten und können schnell Personal mobilisieren. Im Krisen-, aber auch im Bündnis- oder Verteidigungsfall werden die Universitätsklinika daher zusammen mit Bundeswehrkrankenhäusern und BG Kliniken zu den zentralen Playern für Versorgung, Koordination und Krisenmanagement. So kann die Versorgung auch unter außergewöhnlichen Belastungen gemeinsam mit allen anderen Akteuren leistungsfähig bleiben.
- Professor Dr. Jens Scholz ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH)
- Seit 2021 ist er erster Vorsitzender des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands (VUD)
- Scholz obliegt zusammen mit Dr. Iris Hauth die wissenschaftliche Leitung des Forums Medizin und Innovation beim Hauptstadtkongress
Wie weit sind die Vorbereitungen der Uniklinika gediehen, zum Beispiel die Anforderungen im NATO-Bündnisfall zu meistern?
Wir haben uns da, wo es selbstständig geht, schon sehr konkret auf den Weg gemacht und es gibt bereits zahlreiche regionale Kooperationsstrukturen. Doch die verschiedenen Ansätze der zivil-militärischen Zusammenarbeit und Vernetzungsmodelle müssen stärker aufeinander abgestimmt werden. Viele Regelungen sind noch nicht verbindlich umgesetzt, insbesondere bei Steuerung oder einheitlicher Lageerfassung – hier besteht noch erheblicher Handlungsbedarf. Das Gesundheitssicherstellungsgesetz wird dazu einiges regeln müssen.
Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2026
Resilienz, Versorgung im Krisenfall und Aspekte einer „Spitzenforschung made in Germany“ sind Themen beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2026. Das Entscheider-Event findet vom 23. bis 25. Juni im hub27 (Messe Berlin) statt. Reformvorhaben bei Gesundheit und Pflege werden einem ersten Lackmustest unterzogen – insbesondere beim Hauptstadtforum Gesundheitspolitik, das die Programmpunkte der Fachkongresse unter dem Dach des Hauptstadtkongresses ergänzt. Erwartet werden mehr als 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Informationen & Anmeldung zum Kongress
(Der Hauptstadtkongress wird veranstaltet von der WISO S.E. Consulting GmbH, die zum Springer Medizin Verlag gehört.)
Anderes Thema: Wie läuft die Umsetzung des Medizinforschungsgesetzes (MFG)? Wird die Fünf-Prozent-Quote an Probanden aus Deutschland erfüllt?
Das Medizinforschungsgesetz ist insgesamt ein richtiger Schritt zur Stärkung der klinischen Forschung in Deutschland. Vor allem wegen der Ziele wie schnellere Studienverfahren, weniger Bürokratie und bessere internationale Wettbewerbsfähigkeit. Wir beobachten noch, ob das Gesetz jetzt tatsächlich Entlastung bringt oder ob durch neue Zuständigkeiten wieder neue Komplexität entsteht. Quoten verstehen wir vor allem als Indikator für die Attraktivität des Standorts Deutschland. Wenn Deutschland sich also mehr in Richtung eines größeren Anteils an internationalen Studien bewegt, ist das ein gutes Zeichen, das aber noch einmal befördert werden sollte.
Deutschland galt einmal als „Apotheke der Welt“ – schaffen wir es zurück nach oben oder ist das illusorisch?
Dazu müsste es den großen Wurf mit einer Vision geben, die ich zurzeit noch nicht recht sehe. Eine konsequente Hightech-Agenda Deutschland könnte dazu beitragen, wenn sie es schafft eine Strategie für schnellere Translation von Forschung in die Versorgung, bessere Nutzung von Gesundheitsdaten und gezielt Schlüsseltechnologien fördert. Doch insgesamt fehlt, wie wir zurzeit am GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sehen, ein langfristiges gesundheitspolitisches Zielbild. Wir bewegen uns trotz der großen Herausforderungen in einer kurzfristigen Steuerungslogik, in der das Rasenmäherprinzip – wie früher die Gießkanne – unabhängig davon eingesetzt wird, wie relevant oder strukturell notwendig Einrichtungen für Innovation, Versorgungssicherheit oder Forschung sind.
Inwiefern wird sich die Rolle der Universitätsklinika im Zuge der Krankenhausreform in den kommenden zehn Jahren ändern?
Nur die Krankenhausreform isoliert zu betrachten, greift in der Perspektive zu kurz. Die Universitätsklinika haben die Intention der ursprünglichen Krankenhausreform befürwortet, um ihrer Rolle noch stärker gerecht werden zu können. Das kann auch gelingen, in einer stärker bundeseinheitlich systematisierten Versorgungsstruktur mit Leistungsgruppen und hinterlegten Qualitätskriterien. Wir müssen uns aber in Zukunft noch viel klarer fragen, wie Leistungen effizienter organisiert und besser gesteuert werden können. Es hängt für die Hochschulmedizin viel vom Mut vor Ort ab, die Reformen konsequent umzusetzen – und perspektivisch vom Mut, Prioritäten zu setzen.
Welche Rolle wird die Steuerung von Patientinnen und Patienten künftig spielen?
Die aktuelle Debatte um das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz und die unzureichende Investitionskostenfinanzierung machen die Reformbedarfe einmal mehr deutlich. Letztlich wird sich die Rolle der Universitätsklinika daran messen lassen, ob es gelingt, die besonderen Stärken der Hochschulmedizin konsequent nutzbar zu machen und eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung mit einer effizienten Steuerung zu verbinden.
Nur wenn diese Transformation gelingt und alle Beteiligten ihre Verantwortung wahrnehmen, kann die Gesundheitsversorgung auch unter den Bedingungen des demografischen Wandels langfristig leistungsfähig bleiben. Wir Universitätsklinika wollen dazu unseren Beitrag leisten. Wenn wir diesem Ziel in zehn Jahren spürbar nähergekommen sind, wäre das ein großer Gewinn für die Versorgung, die Innovationskraft unseres Gesundheitswesens und vor allem für die Patientinnen und Patienten.
Herr Professor Scholz, wir bedanken uns für das Gespräch!














