Berufspolitik

Verbandsgerangel um die besten Hausärzte

Der Berufsverband der Internisten bringt sich als Problemlöser für den Hausarztmangel in Stellung. Doch Allgemeinmediziner zweifeln, ob die Begründung sticht.

Von Raimund Schmid Veröffentlicht: 05.11.2011, 05:00 Uhr
Verbandsgerangel um die besten Hausärzte

(links) Professor Ferdinand Gerlach, Präsident der DEGAM (rechts) Dr. Wolfgang Wesiack, Präsident des BDI

© DEGAM | BDI

MÜNCHEN. Auch in der Ärzteschaft ist umstritten, wie der Mangel an Hausärzten gemildert werden kann. Der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) hat dafür nun eine aus seiner Sicht einfache Lösung ins Spiel gebracht. Man müsste, so BDI-Präsident Dr. Wolfgang Wesiack beim Bayerischen Internistenkongress, die Hausarzt-Internisten stärken.

Die Zahl der hausärztlich tätigen Internisten nehme kontinuierlich zu und liege bei annähernd 23 Prozent. Begleitet sehen will Wesiack die Aufwertung der Hausarzt-Internisten mit einer gesonderten Vergütung für besonders qualifiziert erbrachte internistische Leistungen. Hausarzt-Internisten seien für die Hausarztversorgung prädestiniert, weil in der Hausarztpraxis die internistischen Fälle dominierten, so Wesiack.

Guter Mediziner heißt noch nicht guter Hausarzt

Dies sieht der Deutsche Hausärzteverband anders. Internisten seien keinesfalls gut für die Hausarztpraxis gewappnet, da ihnen häufig die zweijährige Weiterbildungsphase in der Praxis komplett fehle, moniert Eberhard Mehl, Hauptgeschäftsführer des Hausärzteverbandes.

Die Internisten seien zwar gute Mediziner, weil sie in der Klinik zu internistischen Spezialisten ausgebildet werden. Deshalb "sind sie aber noch lange keine guten Hausärzte", sagte Mehl der "Ärzte Zeitung".

Diese Nachteile könnten sie auch nicht mit speziellem Know-how in der Inneren Medizin kompensieren. Falsch sei zudem die Behauptung, die meisten Patientenanliegen in der Hausarztpraxis seien internistischer Natur.

Seit 2003 Studien zu internistischen Erkrankungen

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) hat zu diesem Thema mehrere seit 2003 laufende Studien ausgewertet. Danach liegt der Anteil internistischer Erkrankungen in hausärztlichen Praxen zwischen 32 und 40 Prozent, sagte DEGAM-Präsident Professor Ferdinand Gerlach aus Frankfurt.

Die breiteste und aktuellste Datenbasis liefert zu dieser Debatte das so genannte Content-Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und an der Universität Heidelberg ausgewertet worden ist. In die Auswertung der Jahre 2006 bis 2009 sind 100.000 Patienten aus hausärztlichen Praxen einbezogen worden.

Danach liegt der Anteil internistisch zurechnender Anlässe in der Hausarztpraxis noch bei 32 Prozent (Orthopädie 26, Pädiatrie 14, Psychologie 9, Dermatologie 8, Chirurgie 7 und Neurologie 6 Prozent).

Doch auch das zweite vom BDI vorgetragene Argument, Fachärzte für Innere Medizin seien aufgrund ihrer Weiterbildung auf die Herausforderungen der hausärztlichen Praxis besonders gut vorbereitet, hält nach Darstellung von Gerlach einer Überprüfung nicht stand: So fehlten Internisten selbst bei internistischen Erkrankungen im engeren Sinne wichtige und - unter den speziellen Bedingungen der hausärztlichen Praxis - notwendige Kompetenzen und Erfahrungen.

Internisten: Nicht vorbereitet auf chronisch Kranke?

Die Weiterbildung in Kliniken, wo die durchschnittliche Liegedauer sechs bis acht Tage betrage, bereite nicht auf die zentrale Aufgabe der Langzeitversorgung chronisch Kranker vor. Auch für die Bedingungen bei Hausbesuchen oder in Alten- und Pflegeheimen seien Internisten ohne Praxiserfahrung nicht geschult.

Gleiches gelte für Prävention und Früherkennung sowie für viele Erkrankungen (Infekte, Befindlichkeitsstörungen), die in der Primärversorgungspraxis häufig, in Kliniken aber kaum mehr vorkommen.

BDI-Chef Wesiack hält diesen Vorhaltungen entgegen, dass auch in der Facharztweiterbildung zum Internisten den angehenden Internisten Wissen für die Praxis vermittelt wird. Gerade bei multimorbiden Patienten seien die meisten Grunderkrankungen wie etwa Bluthochdruck oder Diabetes zunächst internistischen Ursprungs, aus denen dann weitere Erkrankungen resultierten.

Allerdings räumt Wesiack ein, dass es "wünschenswert und sinnvoll" ist, wenn alle angehenden Hausärzte eine längere Praxisphase durchlaufen. Für Gerlach ist die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin die "logische sowie mit weitem Abstand beste Vorbereitung auf die besonderen Bedingungen der ambulanten Primärversorgung."

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