Disease Management Programme

Von wegen „Kochbuchmedizin“

Beim Start vor knapp zwei Jahrzehnten wurden sie als „Kochbuchmedizin“ angeprangert: Heute sind Disease Management Programme wie die zu Diabetes aus dem Versorgungsalltag nicht mehr wegzudenken. Dennoch sehen Ärzte Nachbesserungsbedarf.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 11.04.2020, 07:02 Uhr
Von wegen „Kochbuchmedizin“

Strukturiert zu besserer Versorgungsqualität– das ist Ziel der DMP.

© fovito / stock.adobe.com

Berlin. Als die rot-grüne Bundesregierung 2002 die Disease-Management-Programme (DMP) im Zuge einer Reform des Risikostrukturausgleichs (RSA) zwischen den Krankenkassen auf den Weg brachte, war das Entsetzen unter Deutschlands Ärzten groß. Die Rede war von Eingriffen in die Therapiefreiheit und einer von den Kassen mit langer Hand gesteuerten „Kochbuchmedizin“.

Noch 2004 stellten die Delegierten des Deutschen Ärztetags in einer Entschließung fest, die DMP dienten vor allem dem wirtschaftlichen Benefit der Kassen im Rahmen des Finanzausgleichs. Ob die in den Programmen eingeschriebenen Patienten davon profitierten, sei dagegen „völlig offen“.

Die Aufregung hat sich gelegt

Heute, knapp 20 Jahre nach Einführung der ersten DMP, haben viele Haus- und Fachärzte ihren Frieden mit den sogenannten Chronikerprogrammen gemacht. Das gilt auch für die DMP zu Diabetes.

Sowohl das 2002 eingeführte Programm für an Diabetes-Typ-2 erkrankte Menschen wie auch das 2003 nachgeschobene DMP für Typ 1-Diabetiker hätten die Versorgungsqualität betroffener Patienten weiter verbessert, stellte etwa jüngst die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) auf ihrer Jahrespressekonferenz fest. Die Aufregung um die DMP hat sich spürbar gelegt.

Aktive Teilnahme

Wirft man einen Blick auf die reinen Zahlen, dann kann für beide Diabetes DMP eine positive Bilanz gezogen werden: Bundesweit sind aktuell etwa 4,3 Millionen Menschen mit Typ 2-Diabetes und rund 225 000 Menschen mit Diabetes Typ 1 in einem der beiden Programme eingeschrieben.

Das seien etwa 75 Prozent aller Versicherten mit Diabetes mellitus, rechnet Dr. Bernd Hagen, Leiter des Fachbereichs „Evaluation und Qualitätssicherung“ am Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI), vor.

Daten aus der Region Nordrhein zeigten, dass die Patienten im Schnitt acht Jahre in den Programmen eingeschrieben seien und sich die meisten daran auch „aktiv“ beteiligten.

Große Geschlechter-Unterschiede

Betrachtet man die Geschlechter, so weisen die Statistiken einen deutlicher Unterschied bezüglich der Therapietreue der Patienten aus. Frauen nähmen nicht nur etwas länger daran teil als Männer. Ihr Engagement sei auch größer, berichtet Zi-Experte Hagen. Ganz konkret heiße das: Frauen versäumten weniger Untersuchungs- oder Schulungstermine.

Dadurch erreichten sie auch ihre Therapieziele schneller und dauerhafter. Frauen hätten dadurch bessere Langzeitblutzuckerwerte und litten in Folge deutlich seltener an Begleit- und Folgeerkrankungen.

Bei einem Typ 2-Diabetes hätten Männer ein etwa anderthalbfach höheres Risiko für das Neuauftreten eines Herzinfarktes oder Schlaganfalles sowie das Eintreten einer Dialysepflicht. Zudem wiesen Männer ein mehr als ein doppelt so hohes Risiko für eine Amputation aus. „Das Geschlecht ist statistisch gesehen durchaus ein Faktor für den Therapieerfolg“, sagt Zi-Experte Hagen.

Weniger Folgekomplikationen

Insgesamt sei seit der Einführung der DMP ein deutlicher Rückgang der Erkrankungshäufigkeit vor allem von schwerwiegenden diabetischen Folgekomplikationen wie Amputationen, Erblindungen oder Dialysepflicht zu beobachten, heißt es seitens der DDG.

„Sicherlich muss man dabei auch den positiven Einfluss der Behandlungsleitlinien, der verbesserten medikamentösen Versorgung und der technischen Möglichkeiten der Stoffwechselkontrolle berücksichtigen“, sagt DDG-Präsidentin Professor Monika Kellerer. Aber zu einer besseren Versorgung bei Diabetes hätten die DMP allemal beigetragen.

Ärzte fordern integriertes DMP

Ingrid Dänschel, Schriftführerin beim Deutschen Hausärzteverband, stimmt dem grundsätzlich zu. „Chronic Care Management oder – wie es der Gesundheits-Sachverständigenrat beschreibt – eine Sektor verbindende, populationsbezogene, integrierte Versorgung ist die derzeit beste Option, die Versorgung chronisch Kranker zu organisieren“, sagt die Hausärztin aus Sachsen. Doch sie sieht auch Nachbesserungsbedarf.

„Trotz aller Forderungen nach einem integrierten, einheitlichen DMP für kardiovaskuläre Erkrankungen, existieren die DMP für Diabetes mellitus und Koronare Herzkrankheit (KHK) weiter parallel nebeneinander.“

Das führe in der Praxis dazu, dass Patienten nicht umfassend bezüglich aller Risikofaktoren stratifiziert werden oder mit unsinnigem bürokratischem Aufwand parallel in mehreren DMP geführt würden.

Kassen sehen keine Notwendigkeit

Vertreter der Kassen sehen das anders. „Wir können die Forderung nach einem einheitlichen DMP für kardiovaskuläre Erkrankungen nicht unterstützen“, sagt Dr. Katrin Krämer, Leiterin der Abteilung Versorgungsmanagement beim AOK-Bundesverband.

Insbesondere die Kritik, Patienten würden nicht umfassend bezüglich aller Risikofaktoren stratifiziert, sei nicht nachvollziehbar, so Krämer. Sowohl im DMP Diabetes Typ 2 als auch im DMP KHK solle das kardiovaskuläre Risiko vom Arzt individuell bestimmt und die Therapie darauf aufbauend individuell geplant werden.

„Auf Basis der individuellen Risikoabschätzung und der allgemeinen Therapieziele werden in den DMP gemeinsam mit den Patienten individuelle Therapieziele vereinbart.“

Die Kritik am bürokratischen Aufwand könne man dagegen „teilweise“ nachvollziehen, betont Krämer. „Hier sollten weitere Vereinfachungen für behandelnde Ärzte umgesetzt und die Möglichkeiten der Digitalisierung in den DMP künftig noch stärker genutzt werden.“ Ansonsten verweist die AOK-Expertin auf die Beratungen zur Aktualisierung des DMP zu Diabetes mellitus Typ 2.

Die Gespräche dazu seien im Januar 2020 gestartet. Jeder, der Änderungswünsche habe, könne diese in das Stellungnahmeverfahren einbringen.

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