Institut für Geschichte der Medizin

Vorbehalte gegen das Impfen: Was der Rückblick lehrt

Seit 100 Jahren wird am Würzburger Institut die Medizingeschichte erforscht. Ein Blick in die Vergangenheit kann für Ärzte und Gesellschaft lehrreich sein – auch hinsichtlich der Corona-Impfdebatte.

Von Michaela Schneider Veröffentlicht:
Georg Sticker (1860-1960) gründete das Institut für Geschichte der Medizin im Jahr 1921.

Georg Sticker (1860-1960) gründete das Institut für Geschichte der Medizin im Jahr 1921.

© Leo Gundermann / Wellcome Library

Würzburg. Sie erschließen frühneuzeitliche Ärztebriefe, erforschen die anatomische Lehre im Padua des 16. Jahrhunderts oder untersuchen, wie die gelehrte Medizin über vier Jahrhunderte auf beleibte Menschen blickte: Das wissenschaftliche Team am Institut für Geschichte der Medizin an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) in Würzburg um dessen Leiter Professor Michael Stolberg hat sich auf die Erforschung der Medizingeschichte in der frühen Neuzeit spezialisiert.

In diesem Jahr feiert es sein 100-jähriges Bestehen, Institutsbegründer war 1921 der Hygieniker und Seuchenforscher Georg Sticker. Nach Leipzig handelt es sich damit um das zweitälteste medizinhistorische Institut in Deutschland. Es verfügt über umfangreiche medizinhistorische Sammlungen, darunter zahlreiche Instrumente des 19. Jahrhunderts und Wachsmoulagen. Die eigentlich für diesen Herbst geplante Jubiläumsfeier soll 2022 nachgeholt werden.

Institutsleiter in den Schlagzeilen

In die Schlagzeilen geriet das Institut 2004 durch Michael Stolbergs direkten Vorgänger Gundolf Keil: Der Verdacht kam auf, dass der Medizinhistoriker und Altgermanist Zahlungen für die Ausgabe von Dissertationen und wesentliche Hilfeleistungen angenommen habe.

Zunächst ging die Universität den Vorwürfen nach, dann wurde der Vorgang an die Staatsanwaltschaft übergeben. Keil wurde wegen Vorteilsnahme zu 90 Tagessätzen verurteilt und erhielt 2009 einen Strafbefehl in Höhe von 14.400 Euro. In zwei Fällen erkannte die Universität drei Jahre später Doktorgrade ab.

Heute arbeiten am Institut neben Medizinhistoriker Michael Stolberg mit Sabine Schlegelmilch und Alexander Pyrges zwei fest angestellt wissenschaftliche Mitarbeiter, mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter in Drittmittelprojekten kommen dazu.

155 Tausend

historische Arztbriefe, die bis in die Frühneuzeit zurückreichen, befinden sich in der Datenbank des Medizinhistorischen Instituts. Erst 60.000 sind erschlossen.

In seinen frühen Forscherjahren hatte sich Stolberg intensiv mit der Seuchen- und Umweltgeschichte des 19. Jahrhunderts beschäftigt – und sieht hier durchaus Parallelen zur Gegenwart: Als Bayern im August 1807 als erstes Land weltweit eine Impfpflicht gegen Pocken einführte, formierten sich sehr schnell auch die Impfgegner.

„Hätte man zurückgeschaut, hätte man mit Widerständen gegen die Corona-Impfung rechnen können“, sagt der 64-Jährige. Seit Ende der 1990er Jahre beschäftigt er sich vor allem mit der Medizin-, Körper- und Geschlechtergeschichte der Frühen Neuzeit sowie seit 2005 mit der Geschichte von Palliativmedizin und Medizinischer Ethik.

155 000 historische Arztbriefe

Das bislang längste und größte Akademieprojekt am Institut läuft seit 2009 über insgesamt 15 Jahre, das Team um Stolberg erschließt dabei die zahlreichen Briefe frühneuzeitlicher Ärzte aus dem deutschsprachigen Raum. In die Datenbank aufgenommen sind inzwischen rund 155.000, erschlossen um die 60.000.

Bleibt die Frage: Was bringt dem Mediziner der Blick in die Geschichte? Wisse man nicht, wo man herkommt, wisse man nicht, wer man sei, sagt Stolberg. So reicht zum Beispiel die Historie der Sprechstundenpraxis weit zurück. Auch im 16. Jahrhundert traten Patienten und ihre Angehörigen sehr selbstbewusst auf und forderten die Aufklärung über Krankheiten ein.

Der Begriff des autonomen Patienten ist also so neu nicht. Ebenso wurden Fragen um das Sterbenlassen bereits in früherer Zeit diskutiert. Eine Tabuisierung bestimmter medizingeschichtlicher Themen, wie sie Stolberg mit Blick auf die NS-Zeit oder auch die Kolonialmedizin selbst noch erlebte, gebe es heute nicht mehr, sagt der 64-Jährige.

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