Gastbeitrag

Warum eine Zucker-Fett-Steuer notwendig ist

Übergewicht und Diabetes breiten sich in Deutschland seit Jahren rasant aus. Oft liegt es an der falschen Ernährung. Aufklärung allein hält die Verfettung der Gesellschaft nicht auf, finden unsere Gastautoren. Sie fordern: Her mit einer Zucker-Fett-Steuer - und erklären warum.

Von Dietrich Garlichs und Tobias Effertz Veröffentlicht:
Lecker, aber viel zu fettig: Burger und Pommes Frites.

Lecker, aber viel zu fettig: Burger und Pommes Frites.

© luiscarceller / fotolia.com

Die während der letzten Koalitionsverhandlungen diskutierte Steuer auf kalorienreiche Lebensmittel hat heftige Reaktionen hervorgerufen. Von "Strafsteuer" und "Zwangsdiät" war die Rede.

In einem kürzlich erschienenen Artikel spricht die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml von "Strafsteuern auf Cola, Chips und Schokolade".

Die Autoren

Dr. Dietrich Garlichs ist Geschäftsführer der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, Dr. Tobias Effertz arbeitet am Institut für Recht und Wirtschaft der Universität Hamburg

Sie will "die Menschen mit hilfreichen Informationen davon überzeugen, dass jeder selbst Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen muss". Dazu brauche es "keine staatliche Zwangssteuer, sondern allenfalls Hilfe zur Selbsthilfe".

Natürlich ist es richtig, dem Einzelnen die Verantwortung für seine Gesundheit nicht abzunehmen. Allerdings sind wir mit dieser Strategie grandios gescheitert.

Die Übergewichtsepidemie entwickelt sich seit drei Jahrzehnten nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren; die Diabeteserkrankungen sind nach den aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts binnen zehn Jahren um 38 Prozent auf über sechs Millionen gestiegen - überwiegend nicht (!) aufgrund der Alterung der Bevölkerung (Eine Grafik zu Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen siehe unten).

Angesichts dieser katastrophalen Entwicklung ist es schwer zu verstehen, dass Gesundheitspolitiker weiter allein auf eine nachweislich gescheiterte Strategie setzen.

Viel Werbung, wenig Aufklärung

Kann hier eine Zucker-Fett-Steuer helfen? Einer Veränderung der Preise durch Steuern, die Lebensmittel mit hohem Fett-, Zucker- und Salzanteil teurer machen, können sich Verbraucher - das belegen viele Studien - kaum entziehen.

So haben die drastischen Tabaksteuererhöhungen den Zigarettenkonsum von Jugendlichen in den letzten zehn Jahren halbiert, Alkopops sind nach Einführung einer Steuer praktisch vom Markt verschwunden. Aufklärungsmaßnahmen an Schulen haben hingegen nach Untersuchungen des Krebsforschungszentrums Heidelberg kaum Wirkung erzielt.

In anderen Ländern wird inzwischen mit der Besteuerung adipogener Lebensmittel Ernst gemacht - und erste Wirkungen zeigen sich bereits. Das Argument, Dänemark habe seine Fettsteuer wegen Erfolglosigkeit wieder abgeschafft, ist nicht richtig.

Die dänische Fettsteuer wurde abgeschafft, weil dies Bedingung für das Zustandekommen einer neuen Regierungskoalition war. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits erste Erfolge abgezeichnet.

Natürlich muss man den Einwand der Bevormundung des Konsumenten ernst nehmen. Dabei wird aber übersehen, dass bereits eine permanente Steuerung des Konsumentenverhaltens stattfindet: Für Süßwaren stehen hundert Mal höhere Werbebudgets zur Verfügung wie für Obst und Gemüse.

Ähnlich ist das Verhältnis zwischen Aufwendungen für Aufklärung und Werbung. Dieser massiven Beeinflussung des Konsumentenverhaltens ein Korrektiv entgegenzusetzen, ist keine "Bevormundung", wie manche Politiker meinen, sondern notwendige Gefahrenabwehr und klassische Aufgabe des Gesetzgebers.

Aber würde dann das gute Olivenöl nicht durch minderwertige Fette ersetzt, hört man die Kritiker fragen? Viele Verbraucherstudien zeigen, dass ärmere Haushalte - gezwungenermaßen - äußerst preissensibel sind. Da wird kein teures Olivenöl konsumiert.

Eine entsprechende Steuer würde aber dazu führen, dass insgesamt sparsamer und somit gesünder mit Fett umgegangen wird. Gesundheitsbewusste Haushalte der Mittel- und Oberschicht werden sich auch durch eine Steuer nicht vom Olivenöl abbringen lassen. Auch könnte man, wie die Dänen, nur gesättigte Fettsäuren besteuern.

Adipositas - ein Unterschichten-Phänomen

Wenn Gesundheitspolitiker den Tsunami der chronischen Krankheiten weiterhin allein "mit hilfreichen Informationen" aufhalten wollen, übersehen sie auch, dass die modernen Lebensstilkrankheiten, die wir in den letzten Jahrzehnten durch die massive Einschränkung körperlicher Bewegung und ein stark verändertes Lebensmittelangebot hervorgerufen haben, typische Krankheiten der bildungsfernen Schichten sind.

Fettleibigkeit tritt bei Menschen mit niedriger Bildung doppelt bis dreimal so häufig auf wie bei solchen mit höherem Schulabschluss. Je schlechter die sozioökonomische Situation, desto wahrscheinlicher das Auftreten von Lebensstilkrankheiten. Und das fängt früh an.

In einer Stadt wie Kassel sind laut Schuleingangsuntersuchung 2012 in den wohlhabenden Stadtteilen zwei bis drei Prozent der Kinder übergewichtig, in den ärmeren Stadtteilen 22 bis 23 Prozent!

Diese Problematik gipfelt darin, dass die Lebenserwartung extrem davon abhängig ist, in welche Familie man hineingeboren wird: Die einkommensstärksten 20 Prozent der Bevölkerung leben zehn Jahre länger als die einkommensschwächsten - ein gesundheitspolitischer Skandal.

Wer hier allein auf den Appell an die Verantwortung des Einzelnen setzt, verkennt die Ursachen oder ist zynisch.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Wolfgang P. Bayerl

sehr geehrter Herr Tobias Effertz,

ihre Anti-Raucher- und Anti-Kinder-Marketing-Analysen sind doch ganz hervorragend.
Sie zeigen, was verführerisches Marketing bewirkt. Wenn Sie ehrlich sind, müssen Sie zugeben, dass die Steuererhöhung für die Opfer dagegen nicht viel ausgerichtet hat.
Dagegen sind die Gewinne der Tabakkonzerne weiter gestiegen.
Es geht auch anders, wie das Beispiel Australien zeigt.
Machen Sie erstmal hier Druck auf den Staat und nicht nur bei den Opfern.

Carsten Windt

Was kommt als nächstes?

Wenn die Steuern nicht ziehen, dann muss den Menschen die Möglichkeit genommen werden jederzeit an Nahrung zu kommen. Der Neandertaler hatte immer alles was er bekamm gegessen, man wusste ja nicht wannn es wieder etwas gab. genetisch haben wir uns da nicht weiterentwickelt. Was kommt also als nächstes. Verbot von zusätzlichen Supermärkten? Strafsteuern für den Pizzaservice? Verbot von Restaurantöffnungszeiten nach 19Uhr?

Dr. Rolf Ohlrogge

Sind Strafsteuern praktikabel?

Vermutlich sind sie es aus vielen rechtlichen und formalen Gründen nicht, obwohl es unbestreitbar ist, dass Kosten eine erzieherische Wirkung haben.
Ein Koppelung von Krankenkassenbeiträgen an (selbst zu verantwortende) Risikofaktoren ist hingegen sehr wohl machbar. Der Body Mass Index wäre ein sehr praktikabler Faktor um Krankenkassenbeiträge nach oben wie nach unten zu adjustieren.

Dr. Wolfgang P. Bayerl

wo sind die Argumente einer kollektiven Strafsteuer?

1) Eine Kollektivstrafe ist eine grundgesetzwidrige Bestrafung einer Mehrheit die eine Minderheit treffen soll.
Essen ist lebenswichtig und darf nicht "bestraft" werden!!! Das kann man niicht mit Nikotin vergleichen.
2) Zu viel Reklame für das "falsche"? Warum verbietet man dann nicht die Reklame?
3) Dem Gesetzgeber und den beiden Autoren fehlt die Kompetenz zu beurteilen was gesund ist und was nicht gesund ist, das ließt man auch hier bei den Bemerkungen über Olivenöl oder das lebenswichtige Salz.
4) Die falschen Fette? (gehärtete Pflanzenfette) ????
Der Gesetzgeber hält es ja noch nicht einmal für notwendig, die WIRKLICH gesundheitsschädlichen Produkte zu deklarationspflichtig zu machen, das bleibt jedem Hersteller selbst überlassen.
Hier VERSAGT der Gesetzgeber kläglich.
Das gilt für viele bedenkliche Herstellungsmethoden (Antibiotika "Wachstumsfaktoren", Konservierungsmittel etc.), da sind "Bioprodukte leider NICHT ausgenommen.
Die "Grünen" haben hier jämmerlich versagt, seit sie an der Macht sind.
Das gilt auch für den Vegetarier-Quatsch.
Es fehlt nur noch die Freigabe von Marihuana.

Dr. Thomas Georg Schätzler

Von Kaltem Kaffee, DDG-Elfenbeintürmen und einer fehlenden Merkel-Ampel

Das hatten wir schon mehrfach. Am 20. 11 2013 Koalitionsverhandlungen der GROKO mit dem SPD-Ober-Endokrino..., äh, Ober-Epidemiologen, in der ÄZ:
http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/850243/diabetologen-fordern-steuer-chips-schokolade.html
Am 15. 7. 2014 in der ÄZ:
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/diabetes/article/865274/diabetes-verbaende-fordern-zucker-fettsteuer.html

Denn „allein die Menge macht das Gift“, der bekannteste Spruch von Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim (Paracelsus) besagt "Dosis sola venenum facit". Aber m o n o k a u s a l die steigende Typ-2-Diabetes Prävalenz und Inzidenz ausschließlich auf krasse Fehl- und Überernährung herunterbrechen zu wollen, wie DDG-Präsident, PD Dr. med. Erhard Siegel es bisher versuchte, ist ebenso fehl-einschätzend wie kontra-produktiv.

Denn auch das hier formulierte Echo von Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes-Gesellschaft und Dr. Tobias Effertz vom Institut für Recht und Wirtschaft der Universität Hamburg bringt keine neuen Erkenntnisse. Es verleugnet, dass körperlicher Bewegungs- und Belastungsmangel, der fehlende Wille zum (schmerzhaften) Aufbautraining, sportliche Koordinations- und Geschicklichkeitsschwächen ebenso zur falschen Energiebilanz beitragen. Erst die ABC-Morbidität von Adipositas, Bewegungsmangel und Co-Faktoren wie metabolisches Syndrom, Hyperinsulinismus, endokrine Pankreasinsuffizienz, Insulinresistenz, idiopathische und genetische Faktoren machen z. B. den Typ-2-Diabetes mellitus aus.

Undifferenziert und einseitig Jagd auf Zucker und Fette machen zu wollen stellt sich fast auf eine Ebene mit verwirrten Gesundheits-"Gurus", die heute mal Fleisch ("Veggi-Day"), Milch, Milchprodukte als diabetogen brandmarken, morgen Vollkornprodukte, Kernobst und Wurst auf den glykämischen Index setzten wollen und übermorgen eine Diabetes-Prävention mit Unmengen von Zimt, Koriander, Piment bzw. Hafer-, Reis-, Soja-, Seitan- und Lupinen-Produkten starten möchten.

Ein Umsteuern von Fehl- und Überernährung kann nur verhaltenspräventiv ansetzen:
• Die "all-you-can-eat"-Fress- bzw. die "flatrate"-Sauf-Mentalität muss gestoppt werden, dass derartige Veranstaltungen verboten werden: Jede(r) is(s)t für das verantwortlich, was er/sie is(s)t bzw. trinkt und muss nur so viel bezahlen, wie er an Lebensmitteln tatsächlich verbraucht.
• Fette als Grundnahrungsmittel und Geschmacksverstärker werden in Chips-Tüten, Fertig-Backprodukten und Fertig-Mahlzeiten oder -Snacks manipulierend missbraucht. Sie sind n i c h t gleichzusetzen mit Oliven-, Raps-, Walnuss-, Sesam-, Haselnuss- und Trüffelöl.
• Reiner Kristall-Zucker als versteckte und mit dem Konservierungsstoff Zitronensäure kaschierte Zutat in Cerealien, Gebäck, Kuchen, Süßspeisen, Milch und Milchprodukten, Fertiggerichten, Puddings und Aufläufen ist auch n i c h t gleichzusetzen mit Schokoladenmanufakturen, Konditoreiwaren, Vollwert- und Honigprodukten bzw. begrenztem (Rohr-)Zuckerverbrauch.

Es ist das "Große Fressen", die allgemeine Lethargie und die fehlende Dynamik in der postmodernen, EDV-geprägten, passiv-konsumierend-sitzenden Industriegesellschaft. Bewusstes Einkaufen, Selber-Kochen und dann gemeinsames Essen und Trinken verliert immer mehr an kulturellem Einfluss. Genießen und kommunizieren wird ersetzt durch an-sich-Raffen, in-sich-Hineinstopfen und sinnlosem Verdauen von sinnlosen Produkten, die die Welt nicht braucht. "Und Mutter Merkel blicket stumm, auf dem ganzen Tisch herum!".

Unsere Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel hat es ja noch nicht einmal geschafft, etwas so simples wie die Ernährungsampel zu verinnerlichen, geschweige denn politisch umzusetzen. Effekte einer Zucker-Fett-Steuer werden verpuffen und, wie alles andere, von der Bevölkerung verdaut werden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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