Krankenhausplanung

Wenn Mami weit fahren muss

Im Kreis Vulkaneifel schloss die letzte Geburtshilfe-Station. Besonders in ländlichen Gebieten müssen werdende Mütter bundesweit immer weitere Wege in Kauf nehmen. Dabei kann die Entfernung zum Risiko werden.

Von Lydia Schumacher Veröffentlicht:
Demo für den Erhalt der Geburtsstation im Dauner Krankenhaus. Der Unmut ist groß. Die Wege für werdende Mütter sind jetzt lang.

Demo für den Erhalt der Geburtsstation im Dauner Krankenhaus. Der Unmut ist groß. Die Wege für werdende Mütter sind jetzt lang.

© Helmut Gassen

Tina Böhm (38) aus Prüm hatte die Geburt ihres ersten Kindes genau geplant. Es sollte Anfang Februar im nächstgelegenen Krankenhaus mit einer Geburtsstation zur Welt kommen: im Maria-Hilf-Krankenhaus in Daun. „Mein Frauenarzt ist dort Belegarzt, er hätte die Geburt also betreut.

Auch die Hebamme, die mich in der Vor- und Nachsorge begleitet, arbeitet dort und wäre an meiner Seite gewesen.“ Würde der Winter zu hart für die Entfernung von fast 40 Kilometern, hätte sie sich bei ihren Eltern fußläufig zum Krankenhaus einquartieren können.

Doch Mitte November durchkreuzte eine Meldung in den sozialen Medien ihre Pläne: Das Krankenhaus in Daun schließe die Geburtshilfe zum Jahresende, hieß es. Böhm hielt das für einen „schlechten Scherz“, bis sie es schwarz auf weiß in der Tageszeitung lesen konnte.

 Jetzt muss sie ein anderes Krankenhaus finden – der Weg dorthin wird deutlich weiter sein. Und sie wird sich auf eine fremde Umgebung sowie unbekanntes Personal einstellen müssen.

Ohne Übergangsphase, ohne Vorgespräche mit den Verantwortlichen der Region – die Entscheidung des Krankenhausträgers war endgültig.

 Eine Interview-Anfrage der „Ärzte Zeitung“ lehnte die Geschäftsführung in Daun ab mit der Begründung, alle Informationen seien auf der Homepage des Hauses nachzulesen.

Dort teilte man mit, dass geburtshilfliche Leistungen ab dem 1. Januar 2019 nicht mehr erbracht würden, wovon 17 Hebammen betroffen seien. Man bedauere den Schritt, weil man den Anspruch habe, die Familien in der Region ganzheitlich zu betreuen. Aber 400 Geburten pro Jahr seien zu wenig und der Mangel an Fachärzten lasse dem Haus keine andere Wahl.

Immer in Rufbereitschaft

Tatsächlich waren die beiden niedergelassenen Gynäkologen Gottfried Steinle und Dr. Nezih Dizdar als Belegärzte neben ihren Praxen in Daun stets abwechselnd in Rufbereitschaft. Dr. Dizdar hatte Anfang der 80er Jahre in diesem Krankenhaus gearbeitet. Damals handelte es sich noch um eine Hauptabteilung.

Als diese sich nicht mehr rechnete, wurde sie in eine Belegarzt-Abteilung umgewandelt. Dizdar ließ sich in Daun nieder und verbrachte fortan so manche Stunde statt in Freizeit im Kreißsaal und half Kindern auf die Welt. Inzwischen ist er 70 Jahre alt.

 Obwohl er immer noch topfit ist, hat er bereits einen Nachfolger gesucht – ohne Erfolg: „Junge Ärzte wollen nicht aufs Land kommen. Und der Belegarzt ist ein Auslaufmodell. Ich hatte ja immer Dienst, das wollen die jungen Leute nicht mehr“, sagt Dizdar. Hinzu kämen die hohen Kosten für die Haftpflichtversicherung bei jungen Ärzten in der Geburtshilfe.

Die könnten oberhalb von 50.000 Euro pro Jahr liegen und das rechne sich nicht. „Höchstens 300 Euro pro Geburt für einen Belegarzt sind vor dem Hintergrund ein Witz. Selbst ein Schlosser, der am Wochenende eine zugefallene Haustür öffnet, bekommt mehr. Entweder muss die Prämie übernommen oder das Honorar erhöht werden.“

Aus Dizdars Sicht ist das alles aber genau so gewollt: Bundesregierung und Kassen wollen aus seiner Sicht Angebote zentralisieren. Das sei für Spezialthemen wie Hirn- oder Herz-Chirurgie der richtige Weg.

Aber in der Geburtshilfe sei das nur für Mehrlingsgeburten und andere Risiken die Lösung: „Wir kannten die Frauen und hatten ihren gesamten Schwangerschaftsverlauf im Blick. Deshalb haben sie sich bei uns sehr wohl gefühlt und wollten nicht in Großkliniken.“

Weitere Wege für Schwangere

Mit der Geburtshilfe-Station in Daun wurde zum Jahreswechsel die letzte im gesamten Kreis Vulkaneifel geschlossen. Jetzt werden die Wege weiter, und es geht aus den Dörfern und Städtchen bis nach Trier, Bitburg, Wittlich oder sogar ins nordrhein-westfälische Mechernich. Heinz-Peter Thiel, Landrat des Kreises Vulkaneifel, hatte den Eindruck, dass vor seinen Augen das Gesundheitssystem kollabiert: „Das ist ein herber Schlag für eine Region, die sich in zahlreichen zukunftsorientierten Projekten gerade dafür einsetzt, dass junge Menschen und Familien im Landkreis bleiben, dort leben und arbeiten.“

Vor allem brauche es Zeit, um in der Versorgung der Gebärenden mit dem Blick auf die Gesundheit von Mutter und Kind Sicherheit zu schaffen. Auf den langen, kurvenreichen und witterungsbeeinflussten Fahrten zu den verbleibenden Geburtskliniken kämen auf sie 40 bis 50 Minuten angstbesetzte Fahrtzeiten zu.

Thiel: „Auch die umliegenden Kliniken sind derzeit bereits voll ausgelastet. Sie sind technisch und personell nicht vorbereitet und brauchen eine Übergangszeit.“

Dabei hat es nicht nur die Geburtshilfe-Station in der Vulkaneifel erwischt. Schon seit Jahren lässt sich ein Trend zur Schließung solcher Abteilungen beobachten: Laut DESTATIS gab es im Jahr 1991 noch 1187 Krankenhäuser, die Entbindungen vornahmen, 2017 waren es nur noch 672.

Das ist ein Rückgang von mehr als 40 Prozent. Auch wenn sich hinter den Zahlen ein paar Zusammenlegungen von Geburtshilfe-Stationen verbergen, wird der Weg in den Kreißsaal grundsätzlich immer weiter.

Spitzenreiter bei den Schließungen sind das Saarland mit 56 Prozent, Baden-Württemberg mit 45 Prozent, Rheinland-Pfalz mit 44 Prozent und Mecklenburg-Vorpommern mit 43 Prozent.

In keinem Bundesland wurden so wenige Kreißsäle geschlossen wie in Sachsen: 22 Prozent. Dabei steigen die Geburtenzahlen bundesweit kontinuierlich: Im Jahr 2011 wurden laut GKV-Spitzenverband insgesamt 665.072 Lebend- und Totgeburten gezählt; im Jahr 2016 waren es 795.409 Lebendgeburten.

Probleme nicht nur auf dem Land

Das Bundesgesundheitsministerium teilt auf Anfrage der „Ärzte Zeitung“ mit, die Bundesländer seien für die Krankenhausplanung zuständig. Und dass die demografische Entwicklung Anpassungen des Versorgungsangebotes notwendig machen könnte.

Laut BMG wäre es auch unter Qualitätsgesichtspunkten nicht sinnvoll, von jedem Krankenhaus die Vorhaltung einer Geburtsstation zu fordern. Wo wenige Kinder zur Welt kämen, sollten stattdessen Schwerpunkte gebildet werden.

Auf die Frage, wie sich dieser Trend aufhalten lasse, heißt es, der Gemeinsame Bundesausschuss habe im vergangenen Jahr die Einbeziehung der Geburtshilfe in die Sicherstellungszuschläge vereinbart. Außerdem sei im Pflegepersonal-Stärkungsgesetz vorgesehen, dass bedarfsnotwendige Krankenhäuser ab dem kommenden Jahr zusätzliche Mittel in Höhe von jeweils 400.000 Euro erhalten, um eine bessere Versorgung im ländlichen Raum zu gewährleisten.

Entwicklung der Geburtenzahlen

  • 766.999 Kinder wurden im Jahr 2000 in Deutschland geboren
  • 677.947 Kinder kamen 2010 zur Welt
  • 784.884 waren es 2017

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) beobachtet den Trend nicht mehr nur im ländlichen Raum. Aufgrund der Fallpauschalen müsse eine Station auf 500 Geburten kommen, um sich zu rechnen. Auf dem Land lasse sich diese Zahl oftmals nicht erreichen. In den Städten fallen manche der Stationen aufgrund steigender Geburtenzahlen aus der Gewinnzone, weil mit dem Personalbedarf dann wieder die Kosten steigen.

Werdende Mütter hätten deshalb aktuell sogar in der Hauptstadt Probleme, einen Kreißsaal zu finden: „Wir haben dafür gekämpft, dass die Geburtsstationen mit in den Sicherstellungszuschlag aufgenommen werden. Das ist jetzt der Fall. Aber eine Voraussetzung ist zum Beispiel, dass das ganze Krankenhaus im Minus sein muss.

Mit diesen Einschränkungen fährt man das System des Sicherstellungszuschlags vor die Wand und verhindert keine Schließungen von Geburtsabteilungen“, sagt Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der DKG.

Als „besorgniserregend und gefährlich“ beschreibt Susanne Steppat vom Vorstand des Deutschen Hebammenverbandes die Situation der Geburtshilfe in der Eifel und in vielen anderen Regionen Deutschlands. Sie vermutet die Ursache für die Schließungen in der Privatisierung der Krankenhäuser und dem Rentabilitätsgebot: „Mit Geburten lassen sich keine Gewinne erzielen“, so Steppat. Sie fordert die Rückkehr zu einer wohnortnahen Versorgung. Außerdem sollten Geburten raus aus dem System der Fallpauschalen und nach tatsächlichem Aufwand honoriert werden.

Auch der Gynäkologe Dizdar aus Daun beobachtet die Situation der Geburtshilfe in Deutschland mit Sorge: „Das ist die Folge von Kapitalismus im Medizinbereich. Ich bin ja tatsächlich kein Linker, aber hier müsste der Mensch und nicht der wirtschaftliche Erfolg die Hauptrolle spielen.“ Ungeborene Kinder und werdende Mütter hätten offenbar keine Lobby, so Dr. Dizdar.

„Sorgende Gemeinschaften“

Im Kurstädtchen Daun sind weit mehr als tausend junge Eltern gegen die Entscheidung des Krankenhauses auf die Straße gegangen und haben eine Interessengemeinschaft gegründet. Mehr als 10.000 Menschen haben die Petition zum Erhalt der Geburtshilfe vor Ort unterzeichnet. Sozialwissenschaftler Dr. Tim Becker ist Sprecher der Initiative. Wie viele in der Region fürchtet auch er, dass in der Vulkaneifel der Nachwuchs künftig unterwegs im Auto das Licht der Welt erblickt.

Für ihn stand schon während des Studiums fest, dass sich der Staat immer weiter aus der Daseinsvorsorge verabschiedet, weil die demografische Entwicklung Kosten explodieren lässt. „Die da oben können das nicht mehr lösen, deshalb müssen wir hier unten eigene Lösungen für uns finden“, sagt Becker.

Aus seiner Sicht sind „sorgende Gemeinschaften“ vor Ort die richtige Antwort auf diese Herausforderungen. In der Vulkaneifel entstehen sie gerade, weshalb die Politiker aus der Region bereits bundesweit angefragt werden, ihr „Best-Practice-Beispiel“ zu erläutern.

Lesen Sie dazu auch das Interview: Geburtshilfe-Station in Daun: "Uns hat das Vorgehen sehr verwundert"

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