Hintergrund

"Wir könnten sofort bis zu 10 000 Pflegekräfte einstellen"

Gegen den Fachkräftemangel in der Pflege wirkt der Ärztemangel wie ein Sturm im Wasserglas. In den kommenden zehn Jahren müssen in Deutschland 300.000 zusätzliche Pflegefachkräfte her. Die aber fehlen, warnen Experten. Die Suche um das beste Konzept hat begonnen.

Thomas HommelVon Thomas Hommel Veröffentlicht:
Der Bedarf in der Pflege wächst, doch der Markt an Fachkräften ist praktisch leer gefegt.

Der Bedarf in der Pflege wächst, doch der Markt an Fachkräften ist praktisch leer gefegt.

© imagebroker / imago

BERLIN. Pflegekräfte aller Welt erinnern in diesen Tagen an den 100. Todestag von Florence Nightingale. Die als "Lady with the lamp" berühmt gewordene Krankenschwester ist so etwas wie die gute alte Dame der Pflege. Im Krimkrieg (1854 bis 1856) organisierte sie die medizinische Versorgung verwundeter Soldaten. Später baute sie das erste Ausbildungssystem für die Krankenpflege auf, das sich rasch über die ganze Welt ausbreiten sollte.

Heute plagen den Berufsstand Pflege ganz andere Sorgen. Vor allem in der Altenpflege herrscht akuter Fachkräftemangel, gegen den sich der Ärztemangel wie ein Sturm im Wasserglas ausnimmt. "Allein in den nächsten zehn Jahren benötigen wir 300 000 zusätzliche Pflegekräfte. Aber der Markt an Fachkräften ist praktisch leer gefegt", sagt Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Der Verband vertritt etwa 6500 Heime und Pflegedienste mit rund 200 000 Beschäftigten.

Das Problem des Personalmangels sei flächendeckend, berichtet Meurer. "Auch in den Ballungszentren finden Pflegeeinrichtungen nicht das Personal, das sie brauchen. Wir könnten sofort bis zu 10 000 Pflegekräfte einstellen. Sie sind aber nicht da."

Dass sie nicht da sind, hängt nach Einschätzung von Rolf Höfert, Chef des Deutschen Pflegeverbandes, vor allem mit dem massiven Abbau von Ausbildungsplätzen zusammen. Allein in den vergangenen zehn Jahren seien rund 200 000 Ausbildungsplätze in der Pflege abgebaut worden. "Die Folgen dieser sozialwirtschaftlichen Panne bekommen wir nun zu spüren", so Höfert.

Thomas Meißner vom Vorstand des Berliner Anbieter-Verbands AVG hat noch einen anderen Grund ausgemacht, warum Heimen und Pflegediensten zunehmend Pflegefachkräfte fehlen oder abhanden kommen. "Seit Inkrafttreten der Pflegereform ist der Fachkräftebedarf rings herum um den Arbeitsplatz Pflege gewachsen." MDK, Kranken- und Pflegekassen sowie Pflegestützpunkte suchten ebenfalls Pflegefachkräfte "und finden sie, weil sie attraktivere Arbeitsplatzbedingungen bieten: ein besseres Gehalt, kein Schichtsystem, keine Dienste an Wochenenden und keine Negativschlagzeilen".

Für Meißner steht denn auch fest: "Solange Kontrolle von Pflege besser bezahlt wird als fachpflegerische Leistungen, werden sich Menschen nur für Kontrolle, nicht aber für die Versorgung kranker Menschen entscheiden."

"Wir müssen bei den Schulabgängern stärker für den Pflegeberuf werben", fordert bpa-Chef Meurer. Das allein reiche aber nicht aus, um den Fachkräftemangel in den Griff zu kriegen. Denn realistisch betrachtet müsste sich spontan etwa jeder dritte Schulabgänger für die Pflegeausbildung entscheiden. "Das ist illusorisch." Deshalb müssten über den Weg der Umschulung und über eine Greencard für ausländische Pflegekräfte "mehr Menschen in die Pflege geholt werden".

Voraussetzungen für eine Arbeitserlaubnis als Pflegekraft seien fachliche Qualifikation und gute Deutschkenntnisse. "Wir wollen hoch qualifizierte Fachkräfte für die Pflege gewinnen. Alles andere nützt uns nichts", betont Meurer. Darüber hinaus sieht der bpa-Chef die Politik am Zug. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse das Thema Pflege schnellstens zur Chefsache erklären und alle beteiligten Akteure an einen Tisch holen. "Wir brauchen einen Pflege-Gipfel, der Lösungskonzepte erarbeitet", fordert Meurer.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Herr Rösler, was ist mit der Pflege?

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