Berechnung der Ersatzkassen

Zuschläge bremsen Eigenanteile im Pflegeheim kaum ab

Seit Januar zahlen Kassen Zuschläge, um die Eigenanteile Pflegebedürftiger zu drosseln. Richtig spürbar werden die Entlastungen aber nur bei längerem Heimaufenthalt. Pflegeanbieter fordern derweil einen Inflationsausgleich von 25 Prozent.

Thomas HommelVon Thomas Hommel Veröffentlicht:
Pflegefall Altenpflege: Kassen, aber auch Anbieter warnen vor einer Kostenlawine, die bei den Eigenanteilen voll durchschlage.

Pflegefall Altenpflege: Kassen, aber auch Anbieter warnen vor einer Kostenlawine, die bei den Eigenanteilen voll durchschlage.

© js-photo / stock.adobe.com

Berlin. Trotz Zuschüssen der Kassen steigen die Eigenanteile in der stationären Pflege weiter an. Die seit Januar dieses Jahres geltende Regelung, wonach sich die Pflegekassen mit einem nach Aufenthaltsdauer gestaffelten Zuschlag an den Pflegekosten beteiligen müssen, bringe nur bei längeren Heimaufenthalten spürbare Entlastung, teilte der Verband der Ersatzkassen (vdek) am Mittwoch mit.

Der vdek verwies dazu auf eine aktuelle Auswertung von Daten aus Vergütungsvereinbarungen mit den Pflegeeinrichtungen für den Zeitraum Januar bis Ende Juni 2022 hin.

Pflegebedürftige, die bis zu zwölf Monaten in einem Heim leben und denen somit ein Zuschlag von fünf Prozent bei den Pflegekosten zusteht, mussten demnach zum 1. Januar 2022 einen durchschnittlichen Eigenanteil von bundesweit 2133 Euro zahlen. Ein halbes Jahr später betrug der Eigenanteil bereits wieder 2200 Euro.

Effekt verpufft schnell wieder

Bei einem Aufenthalt von 12 bis 24 Monaten – in diesem Fall wird ein Zuschlag von 25 Prozent bei den Pflegekosten gewährt – stieg der Eigenanteil von 1951 Euro auf 2007 Euro. Bei einem Heimaufenthalt ab 24 Monaten und einem Zuschlag von 45 Prozent kletterte die Zuzahlung von 1769 auf über 1814 Euro und ab 36 Monaten und einem Zuschlag von 70 Prozent von 1541 auf 1573 Euro im Monat (siehe nachfolgende Tabelle).

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Die Eigenanteile, die die rund 800.000 Altenheimbewohner in Deutschland aus der eigenen Tasche berappen müssen, setzen sich aus Aufwendungen zur Pflege, Zuzahlungen zu Unterkunft und Verpflegung sowie zu anfallenden Investitionskosten zusammen. In den vergangenen Jahren hatten die privaten Zuzahlungen ständig neue Rekordhöhen erreicht.

In Reaktion auf die Entwicklung hatte die Große Koalition 2020 die Einführung von Zuschüssen durch die Pflegekassen beschlossen. Die Ampel-Parteien haben angekündigt, bei den Eigenanteilen für weitere Entlastung sorgen zu wollen.

„In der Gesamtschau weiter zu hoch“

Die ist nach Ansicht der Ersatzkassen dringend geboten. „Die Eigenanteile sind in der Gesamtschau weiterhin zu hoch“, sagte vdek-Vorstandsvorsitzende Ulrike Elsner. Gründe für die Kostensteigerungen bei Pflegebedürftigen und Angehörigen lägen in der Refinanzierung höherer Löhne sowie gestiegener Lebenshaltungs- und Energiekosten. Der gesetzliche Zuschlag beziehe sich nur auf pflegebedingte Aufwendungen, nicht auf Kosten für Unterkunft und Verpflegung oder für anfallende Investitionskosten.

Pflegebedürftigkeit stelle weiter ein „Armutsrisiko“ dar, warnte Elsner. Es brauche daher „dringend“ eine nachhaltige politische Lösung. Dabei stehe nicht nur der Bund in der Verantwortung. Würden die Bundesländer endlich die Investitionskosten für die Heime übernehmen, könne das die Pflegebedürftigen um durchschnittlich knapp 470 Euro pro Monat entlasten.

AGVP-Chef Greiner: Altenpflege droht Kosten-Tsunami

Vor einem „Kosten-Tsunami“ warnte am Mittwoch auch der Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege (AGVP), Thomas Greiner. Die Kosten für die rund 13.000 Alten- und Pflegeheime stiegen derzeit „massiv“ an.

Passiere nichts, müssten die Einrichtungen die Ausgaben weiterreichen. Allein die Kostensteigerungen für Pflegebedürftige und deren Familien könnten sich dann auf 600 bis 1000 Euro monatlich summieren. Auch auf die Kommunen rolle eine Kostenlawine zu, warnte der AGVP-Chef. Dem Verband gehören eigenen Angaben zufolge mehr als 950 Pflegeeinrichtungen mit rund 80.000 Beschäftigten an.

Greiner forderte vom Bund einen Inflationszuschuss von 25 Prozent für höhere Kosten etwa bei Unterkunft und Verpflegung. Das entlaste nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Pflegebedürftigen. Vielen der Bewohner könne ein Abrutschen in die Sozialhilfe erspart bleiben.

Heute schon seien 30 Prozent der Pflegebedürftigen auf Hilfe zur Pflege angewiesen – in denen nächsten Jahren drohe sich die Zahl zu verdoppeln. In manchen Teilen Ostdeutschlands könnten 90 Prozent der Pflegebedürftigen die anfallenden Kosten schon nicht mehr mit eigenen Mitteln stemmen.

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