Kommentar

Zuverlässigkeit sieht anders aus

Von Jürgen Stoschek Veröffentlicht:

Den Zorn der Hausärzte - nicht nur in Bayern - kann man gut verstehen. Endlich hat sich bei den Politikern die Erkenntnis halbwegs durchgesetzt, dass die hausärztliche Versorgung in einer älter werdenden Gesellschaft jetzt und in Zukunft große Bedeutung hat, da will die Bundesregierung die ganze Entwicklung aus kurzfristigen Überlegungen mit einem Federstrich wieder zurückdrehen.

Zwar soll für bestehende 73 b-Verträge auch im Hinblick auf eine bessere Vergütung Bestandsschutz gelten. Aber auch diese Verträge werden irgendwann einmal auslaufen. Und jene Krankenkassen, die sich bislang einem Vertragsabschluss verweigert haben, werden sich in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Das könnte das baldige Ende der hausarztzentrierten Versorgung bedeuten.

Sollte das jetzige Eckpunktepapier zur Gesundheitsreform tatsächlich in Gesetzestext gegossen werden, hätte die Koalition die Perspektive einer auf Dauer angemessenen Vergütung hausärztlicher Tätigkeit fürs Erste begrenzt. Das Versprechen einer langfristigen Planbarkeit und Zuverlässigkeit sieht anders aus. Ob unter solchen, sich ständig ändernden politischen Rahmenbedingungen junge Mediziner motiviert werden, als Hausarzt tätig zu werden, muss bezweifelt werden.

Lesen Sie dazu auch: Bayerns Hausärzte laufen Sturm gegen Reformpläne Hoppenthaller: "Ich verstehe die Welt nicht mehr!" Rösler kappt Honorar bei Hausarztverträgen

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Angemessenheit oder Geschäftsmodell

Ob das Einkommen eines Arztes angemessen ist oder nicht, ist eine interessante Frage, wenn mann Vergleiche mit anderen Berufsgruppen anstellt. Ob der Arbeitsaufwand angemessen ist bezüglich der Bürokratie ist eine zweite relevante Vergleichsgöße, da von 100% der Zeitgröße nur 40% beim Patienten ankommt und 60% bei Verwaltung und Fortbildung hängen bleibt. Das Unternehmen Arztpraxis hat allerdings nur bedingt etwas mit dem Markt von Angebot und Nachfrage zu tun, sondern mit einem geschützten Raum, wo der Preis für die Leistung definiert ist, die Nachfrage über die Zeitkosten gehemmt wird, das Risiko der Insovenz aber trotzdem sehr klein bleibt, gemessen an den Insolvenzen des Gewerbes oder der Industrie. Wenn die Summe aller Nachfrager, das Nachfrageverhalten an den Preis koppeln und auf der Angebotsseite ein Überangebot besteht, wohin geht dann der Preis? Bei manchen Funktionären nach oben, womit wir bei dem Geschäftsmodell Hausarztverträge sind. Die Uneigennützigkeit der Beteiligten an der Mangementgesellschaft zur Abwicklung der Hausarztverträge unter Beteiligung der Apotheker über die ARZ GmbH ist ein Geschäftsmodell mit dem sich zielsicher viel Geld verdienen läßt. Um so verständlicher ist das Getöse, wenn man dieses Geschäftsmodell politisch in Frage stellt. Der Angebotstrigger für die Marktteilnehmer Hausärzte ist ein höheres Honorar ohne Mehraufwand, bei einem Nebenprodukt, das das Einkommen von Herr Hoppenthaler und Weigeldt und seiner Intima in die Höhe schnellen läßt. Bei einer Gesellschaft die es gewohnt war und ist, überall und zu jederzeit medizinische Versorgung nachfragen zu können ohne sich über die Kosten im klaren zu sein, wird es zum Umdenken kommen müssen.Das gilt für die Beitragsleister und die Mitversicherten, für die Angebotsseite und die Versicherer in gleichem Maße. Denn in diesem Beziehungsdreieck gibt es schon lange keine Verlässlichkeit mehr, außer die der wechselseitigen Übervorteilung im Sinne des Moral Hazard.


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