Vernetzung

Bayern schmiedet Bündnis gegen Krebs

Vision Zero, also die Vision von null Krebstoten, ist das Ziel vieler Wissenschaftler und Ärzte. In Bayern hat ein neues Bündnis den Kampf gegen Krebs aufgenommen.

Von Thorsten SchüllerThorsten Schüller Veröffentlicht:
Vernetzung ist für die Gesundheitsexperten beim Bayerischen Bündnis gegen Krebs das Mittel der Wahl.

Vernetzung ist für die Gesundheitsexperten beim Bayerischen Bündnis gegen Krebs das Mittel der Wahl.

© vege / Fotolia

NÜRNBERG. Schnellere Genehmigungsverfahren, mehr Kommunikation und eine bessere Vernetzung unter Ärzten, Krankenkassen sowie Pharma- und Diagnostikunternehmen – das wäre nötig, um die Behandlung von Krebspatienten weiter voranzubringen. So lautete das Ergebnis der Auftaktveranstaltung des bayerischen Bündnisses gegen Krebs in Nürnberg.

Vision Zero – die Vision von null Krebstoten – ist das Ziel vieler Wissenschaftler und Mediziner. Ob sie auf mittlere Sicht wirklich erreichbar ist, darüber gehen die Ansichten der Experten auseinander.

Nachdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kürzlich die Prognose wagte, dass Krebs in zehn bis 20 Jahren besiegbar sei, haben sich nun Fachleute in Bayern vorgenommen, mit einem neu ins Leben gerufenen Bündnis den Kampf gegen Krebs zu intensivieren, medizinische Innovationen schneller zugänglich zu machen und bessere Ergebnisse für die Patienten zu erzielen.

Unter der Schirmherrschaft von Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) diskutierten in Nürnberg sieben Fachleute Mittel und Wege dahin.

Vision Zero in der Onkologie

Die Bündnispartner

Das Bayerische Innovationsbündnis gegen Krebs wurde auf Anregung des Medical Valley EMN (einem Netzwerk aus Wirtschaft, Forschung und Gesundheitsversorgung in der Metropolregion Nürnberg), von Siemens Healthineers und Novartis gegründet.

Das Ziel: Das Bündnis will Kräfte aus Politik, Wirtschaft, Ärzteschaft, Krankenkassen und Patientenvertretern bündeln und damit Bayern zum Impulsgeber der „Nationalen Dekade gegen Krebs“ machen.

Laut bayerischem Gesundheitsministerium erkranken im Freistaat jährlich rund 64.000 Menschen neu an Krebs.

Eine anschauliche Möglichkeit, den Kampf gegen den Krebs zu verstärken, zeigte dabei Professor Christof von Kalle, Leiter der Abteilung Translationale Onkologie im Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg, auf, indem er eine Parallele zum Verkehr zog.

Während es hierzulande Anfang der 1970er Jahre noch etwa 24.000 Verkehrstote pro Jahr gab, ist deren Zahl mittlerweile auf knapp 3200 gesunken. Das, so Kolle, beruhte nicht auf einzelnen Schritten, sondern sei nur mit einem Bündel an Maßnahmen gelungen.

Ähnlich müsse man in der Onkologie vorgehen, um die Vision Zero auch auf diesem Gebiet zu realisieren. Dabei gibt es allerdings mehrere Hürden zu überwinden.

Schnellere Verfahren wünschenswert

Eine Kritik der Diskutanten ging dahin, dass bei schwer erkrankten Patienten, deren Behandlung möglichst schnell beginnen sollte, oft wertvolle Zeit mit ambulant durchgeführten molekularen Tests vergehe. Wünschenswert wäre, dass Kliniken über die finanziellen Mittel verfügten, selbst die aktuellen Diagnosen vornehmen zu können.

Kritik wurde auch an langen Bearbeitungs- und Entscheidungszeiten des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) laut. So wies Professor Matthias W. Beckmann vom Comprehensive Cancer Center Erlangen darauf hin, dass in den USA seit zehn Jahren der molekularbiologische diagnostische Test Oncotype eingesetzt werde.

Hierzulande habe der GBA hingegen neun Jahre für die Prüfung gebraucht. In dieser Zeit seien 70.000 Frauen mit einer Chemotherapie behandelt worden, die sie gar nicht benötigt hätten.

Ministerin Huml stimmte zu, dass schnellere Verfahren wünschenswert wären, gab aber auch zu verstehen, dass die Entscheidungen des GBA auf wissenschaftlich hinterlegten Daten beruhten. Im Übrigen brauche Forschung manchmal ihre Zeit.

Eine Kernforderung der Gesundheitsexperten ging auch dahin, die Verfügbarkeit relevanter Patientendaten für die behandelnden Ärzte deutlich zu verbessern. Dies wäre beispielsweise mit Hilfe einer Data Box möglich, bei der der Patient Eigentümer eines Datenraums ist, den er für bestimmte Kreise, unter anderem Ärzte, freigibt.

An den Schnittstellen hakt es

Auch die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Sektoren im Gesundheitswesen identifizierten die Gesundheitsexperten als Hürde. Oft könnten Daten nicht übertragen werden, weil unterschiedliche IT-Systeme nicht miteinander kompatibel seien. Teilweise würden Ärzte heute untereinander noch per Fax miteinander kommunizieren.

Dr. Michael Eckart vom Berufsverband der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland drückte sein Unverständnis darüber aus, dass er Patientendaten immer wieder vom Digitalen ins Analoge übertragen müsse, nur damit diese Daten bei einem anderen Arzt wieder digitalisiert würden. Eckart: „Ich bin bereit, alle Daten digital zu teilen, wenn das gesetzlich legalisiert ist.“

Sollte ein besserer Datenaustausch gelingen, halten die Gesundheitsfachleute große Qualitätssprünge in der Krebsbehandlung für möglich. Fortschritte in dieser Richtung erwarten sie sich auch von der Einführung der elektronischen Patientenakte.

Fraglich ist laut Beckmann allerdings, ob das neue bayerische Bündnis tatsächlich seinen Beitrag zu einer besseren Versorgung Krebskranker leisten wird. Er verwies darauf, dass etwa alle zehn Jahre derartige Initiativen gegründet würden. Immerhin: „Wenn wir eine Reduktion der Krebstoten um 90 Prozent schaffen, ist auch viel gewonnen.“

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