Rotstiftgedanken

Belegarzt im Norden organisiert Widerstand

Ein Gutachten empfiehlt die Reduzierung der geburtshilflichen Angebote in Schleswig-Holstein. Ein potenziell von der Schließung seiner Abteilung betroffener Belegarzt geht gegen diesen Rat politisch in die Offensive.

Dirk SchnackVon Dirk Schnack Veröffentlicht:
Fallen weitere Geburtshilfen in Schleswig-Holstein dem Rotstift zum Opfer.

Fallen weitere Geburtshilfen in Schleswig-Holstein dem Rotstift zum Opfer.

© Falko Matte

NIEBÜLL. In der Diskussion um die geburtshilflichen Standorte im Norden haben belegärztliche Abteilungen wegen ihrer geringen Fallzahlen einen schweren Stand. Auch die Abteilung im nordfriesischen Niebüll steht auf der Kippe. Die vom niedergelassenen Belegarzt Dr. Assem Hossein geführte Abteilung steht in einem Gutachten, das der Landkreis zur Umstrukturierung des Klinikums Nordfriesland in Auftrag gegeben hat, auf der Streichliste.

Vor der politischen Entscheidung wehrt sich der niedergelassene Arzt - und scheut dabei auch nicht die Konfrontation mit Geschäftsführung und Landrat.

Im zehnten Jahr arbeitet der zuvor in Hessen niedergelassene Hossein inzwischen an der dänischen Grenze als Belegarzt. Die Abteilung in Niebüll war stets klein und bewegt sich bei den Geburten in einem Größenbereich zwischen 200 und 300. Zusammen mit der größeren Abteilung im benachbarten Husum und der inzwischen geschlossenen Abteilung in Wyk auf Föhr kommt das Klinikum Nordfriesland auf 900 bis 1000 Geburten im Jahr.

Rund 125 Geburten pro Arzt und Jahr

Kein Standort ist groß genug, um ein höheres als Level vier zu erreichen. Hossein kann aber weder qualitative noch wirtschaftliche Gründe erkennen, die für eine Schließung der Abteilung in Niebüll sprechen:

Die Zahl von rund 250 Geburten ist zwar gering. Da aber ausschließlich Hossein oder sein angestellter Kollege bei diesen Geburten ärztliche Hilfe leisten, kommen auf jeden Arzt rund 125 Geburten im Jahr. An anderen Standorten, argumentiert Hossein im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung", sei die Zahl der Geburten je Arzt zum Teil deutlich niedriger.

Diese gelte auch für Husum. Die Erfahrung sei also ein Plus der Niebüller Abteilung, von geringerer Qualität könne keine Rede sein.

Die Abteilung hat nach seinen Angaben Einnahmen von 691.000 Euro im Jahr für das Krankenhaus erbracht, die Kosten inklusive Personal liegen nach seiner Darstellung bei rund 350.000 Euro - ein Überschuss von rund 340.000 Euro im Jahr.

Warum aber sollte ein Träger, der seit Jahren mit hohen Defiziten zu kämpfen hat, ausgerechnet eine so gewinnbringende Abteilung schließen wollen? "Ganz klar, die wollen Husum mit allen Mitteln retten", vermutet Hossein, der das Gutachten in Medien als "irrelevant und unqualifiziert" beurteilte.

 Der Gutachter sei eingesetzt worden, um politisches und Managementversagen "zu verschleiern", behauptet Hossein, der seine Praxisräume in der Klinik gemietet hat und damit dem Klinikträger neben den Erlösen über die Arbeit der Abteilung auch Mieteinnahmen beschert.

Hossein ist nicht der erste Arzt aus Niebüll, der schweres Geschütz gegen Klinikmanager auffährt. Zuvor hatte schon der Ärzteverein Südtondern, dem niedergelassene und Klinikärzte angehören, in einem offenen Brief eine einseitige Leistungskonzentration auf den Standort Husum kritisiert und der Geschäftsführung vorgeworfen, das Niebüller Krankenhaus aktiv zu ruinieren.

 Die Ärzte fragen in dem Brief auch nach der Verantwortung der politischen Kontrolle für das Klinikum in Kreisträgerschaft, da nach ihrer Ansicht in einer "insolvenznahen Situation" millionenschwere Investitionsentscheidungen für den Standort Husum getroffen worden seien, während an anderen Standorten gekürzt werde.

Landrat: Defizite in Niebüll

Zum Klinikum Nordfriesland zählen neben der Zentrale in Husum Standorte in Niebüll, Tönning und Wyk auf Föhr. Für Tönning empfiehlt das Gutachten eine Umwandlung in eine Tagesklinik. Der Landrat hatte sich als Reaktion auf den offenen Brief vor den Klinikmanager gestellt. Nach dessen Darstellung arbeiten Tönning und Niebüll defizitär. Nicht umsonst habe sich das Klinikum um einen Sicherstellungszuschlag für Niebüll bemüht.

Mehr zum Thema

Viele Operationen verschoben

Nach IT-Problemen: Klinikum Stuttgart wieder voll in Betrieb

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Weniger Verlangen nach Alkohol

Schützt Semaglutid vor Alkoholmissbrauch?

Rheumatologe gibt Tipps

So geht die Spondyloarthritiden-Therapie von heute

Studie aus Deutschland

34 neue genetische Erkrankungen identifiziert

Lesetipps
In Großbritannien oder Dänemark werden süße Softdrinks seit Jahren stärker besteuert.

© Scott Karcich / stock.adobe.com

Update

Hohe Prävalenzen bei Diabetes und Adipositas

Ärzte fordern Zuckersteuer auf süße Limonaden

Vincenzo Venerito und Florenzo Iannone resümieren, dass das Modell konsistent Wörtern hohe Aufmerksamkeitsgewichte zuwies, die mit ausgedehnten Schmerzen, Müdigkeit, depressiver Stimmung und Dysästhesie in Zusammenhang stehen, und erfasste so genau die linguistischen Schlüsselmerkmale des FMS. Dennoch betonen sie, dass eine umfassende klinische Bewertung weiterhin nötig ist, um alternative Diagnosen auszuschließen und ein FMS zu bestätigen.

© Premium Graphics / stock.adobe.com / generated AI

Diagnose mit künstlicher Intelligenz

KI-Sprachmodell unterstützt bei der Fibromyalgie-Diagnose

Die STIKO empfiehlt RSV-Vorsorge mit dem Antikörper Nirsevimab für alle Neugeborenen und Säuglinge – ungeachtet konkreter Risikofaktoren.

© Christoph Soeder / dpa / picture alliance

Vergütung der RSV-Vorsorge

KBV zur RSV-Prophylaxe: Mehrarbeit „nicht zum Nulltarif“