Kolumne „Hörsaalgeflüster“

Der Kanzler spricht von Aufbruch – aber für wen?

Bundeskanzler Friedrich Merz kündigt in seiner Neujahrsansprache „Aufbruch“ 2026 an. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden wundert sich: Sie erleben eher Krisenstimmung oder Sparkurs im Gesundheitswesen. Was zuvor an Investitionen versäumt wurde, wird sich nun rächen, ist Giulia Ritter von der bvmd überzeugt.

Giulia RitterVon Giulia Ritter Veröffentlicht:
Friedrich Merz vor der Kamera

Frontmann mit Landesfahne: Bundeskanzler Friedrich Merz bei seiner Neujahrsansprache im Fernsehstudio.

© Kay Nietfeld / dpa/dpa-Pool / picture alliance

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland wünscht Ihnen im Namen von mehr als 116.000 Medizinstudierenden ein frohes neues Jahr 2026! Zwischen der Nostalgie, die Silvesterabende und -partys begleitet, lautem Feuerwerk und leisem Schnee, der Anfang Januar vom Himmel rieselt, steht ein Gefühl von „Aufbruch“; zumindest für unseren Bundeskanzler.

Ein interessantes Wort, wie ich finde, und eines, das mir nicht unbedingt als Beschreibung der aktuellen Situation einfallen würde. Stattdessen wären es Begriffe wie Krisenstimmung oder Sparkurs.

Die Nachrichten überschlugen sich in den vergangenen Monaten mit Meldungen zu sozialen Kürzungen, sei es die Rente, der Pflegegrad 1 oder das ehemalige Bürgergeld (jetzt Grundsicherung). Der Kanzler gibt Aussicht auf „grundlegende Reformen, damit unsere Sozialsysteme auf Dauer finanzierbar bleiben“.

Wie soll so eine Fairness aussehen?

Er legt damit ganz zu Recht den Finger in die Wunde und führt fort: „Unsere Gesellschaft wird älter, die geburtenstarken Jahrgänge werden jetzt in die verdiente Rente gehen. Deshalb wird es im kommenden Jahr ganz wesentlich darauf ankommen, eine neue Balance in unseren sozialen Sicherheitssystemen zu schaffen, mit der die Anliegen aller Generationen fair in Einklang gebracht werden“.

Doch wie soll so eine Fairness aussehen? Verspätete Lösungsansätze kommen oft mehr schlecht als recht. Sie wirken wie eine Notbremse, richten vielleicht ein wenig Kollateralschaden an und schaffen es höchstens, dass der Karren nicht komplett an die Wand fährt.

Genau so erscheint mir jetzt die Debatte um die Finanzierung unseres Sozialsystems. Seitdem ich mich erinnern kann und zur Schule gehe, lerne ich vom demografischen Wandel unserer Gesellschaft.

Davon, dass der Generationenvertrag nicht mehr funktionieren wird und bereits damals merkten die Lehrer*innen an, sich nicht vorstellen zu können, dass es für uns noch zu einer guten Rente reichen würde. Dabei lernen wir spätestens seit der Klausuranmeldung: Wer zu spät kommt, den beißen die Hunde.

Fairness Fehlanzeige

Verlernt man das im Bundestag? Es wird Zeit für eine Reform, das ist allen, auch unserer jungen Generation,bewusst. Besonders wir, die wir unser Studium der Medizin widmen, bereits Ausbildungen im Gesundheitssystem abgeschlossen haben oder nebenbei in der Pflege arbeiten, wissen, dass Reformen unserer Sozialsysteme überfällig sind.

Doch wie man hier von Fairness sprechen kann, ist mir wirklich ein Rätsel. Jeder Euro, der in dringende Reformen für unser Sozialsystem gesteckt wird, die bereits vor Jahrzehnten hätten auf den Weg gebracht werden müssen, ist ein Euro weniger, der in Innovation investiert werden kann.

Innovative Ausbildung, mehr Praxisnähe, Kleingruppenunterricht, PJ-Aufwandsentschädigung, höhere BAföG-Sätze, bei jeder Diskussion lautet die Antwort sofort: Dafür sei kein Geld da.

Warum müssen wir für unsere Politiker*innen nachsitzen? Wie soll also diese faire Verteilung aussehen? Wie sollen längst überfällige und zweifelsohne wichtige Reformen umgesetzt und dabei zugleich Fairness denjenigen entgegengebracht werden, auf deren Schultern diese Reformen in Zukunft zu tragen kommen?

Vielleicht ist jegliche Fairness, die in dieser Situation erreicht werden kann, alleine das Zugeständnis, sich nicht rechtzeitig gekümmert zu haben und nun nur noch die Notbremse ziehen zu können.

Hoffen ist erlaubt

Doch Fairness könnte auch eine Investition in die Zukunft bedeuten: Keine Notlösung, sondern eine Reform, die nachhaltige Ziele ins Zentrum stellt.

Auf das Gesundheitssystem bezogen beispielsweise bessere Arbeitsbedingungen für weniger „Abwanderung“ von Fachkräften, ein gesichertes Finanzierungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung, Fokus auf den Nachwuchs! Nicht nur Masse, sondern Klasse in der Ausbildung und andere Ideen, die nicht als schnelle Lösung funktionieren, sondern Zukunftsfähigkeit im Blick behalten.

Also vielleicht kommt alles anders und die aktuelle Regierung schafft das Unmögliche, das Herr Merz in seiner zuversichtlichen Neujahrsansprache verspricht, sodass 2026 tatsächlich ein „Moment des Aufbruchs werden“ kann.

Giulia Ritter ist Vizepräsidentin für Kommunikation bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd).

Der Beitrag ist Teil der Kolumne „Hörsaalgeflüster“, in der die bvmd regelmäßig in der Ärzte Zeitung Entwicklungen im Gesundheitswesen aus Sicht der künftigen Ärzt*innen-Generation betrachtet.

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