E-Health

Digitale Diabetes-Prävention – in Amerika Alltag, in Deutschland in den Kinderschuhen

Bringt Digital Health mehr Effizienz in die Diabetes-Therapie? Anzeichen dafür gibt es. Doch auf neue Produkte warten im GKV-Markt hohe Hürden.

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:

BERLIN. Patienten mit Diabetes-Risiko frühzeitig erkennen und ihnen eine digitale Präventionsstrategie zur Seite stellen, manifesten Diabetes effektiver behandeln, Adhärenz durch Gesundheits-Apps erhöhen und Spätkomplikationen vermeiden – das scheint möglich.

Über Tests in den USA und Großbritannien und Hürden für digitale Innovationen auf dem GKV-Markt diskutierten Experten bei einem von Boehringer Ingelheim organisierten Workshop in Berlin.

Unter Digital Health werden multimediale, interaktive, zeit- und ortsunabhängige Kommunikationsmethoden verstanden. In den USA, so Dr. Holger Bartos, Direktor für Health Care-Innovationen bei Boehringer Ingelheim, sei dafür inzwischen ein Markt von mindestens fünf Milliarden Dollar entstanden.

1400 qualifizierte Anbieter

Derzeit seien rund 30 Millionen Prä-Diabetes-Patienten in ein Präventionsprogramm eingeschlossen. 1400 Anbieter hätten sich qualifiziert, Medicare und Medicaid einen Erstattungsmarkt für Produkte zum Patienten-Coaching geschaffen. An 15 Pilotprojekten sei Boehringer beteiligt.

In Deutschland, so Bartos, sei 2014 in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Telemedizin und dem Diabeteszentrum Düsseldorf ein Lebensstilprogramm für Diabetiker gestartet worden, das Selbstdiagnostik, Bewegung und Ernährung der Probanden aufzeichnet.

Ergebnisse: Nach einem Jahr sank der HbA1c-Wert um 1,1 Prozent, nach dem zweiten Jahr um weitere 0,8 Prozent; im ersten Jahr sank das Gewicht um 6,2 Kilo, die Insulindosis konnte reduziert werden. Nun sei eine umfassende gesundheitsökonomische Studie mit vielen Patienten geplant.

Doch abgesehen von einzelnen Modellversuchen ist Digital Health in Deutschland noch weit von der Breitenanwendung entfernt. "Die Medizin tut sich schwer, die Vorteile zu erkennen", beklagt Privatdozent Dr. Erhard Siegel von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft.

Dabei bestehe die Chance, aufgrund der großen Patientenzahlen durch Digital Health so große Datenmengen zu generieren, dass die Diagnostik automatisiert und daraus eine patientenindividuelle Therapie maßgeschneidert werden könne. Der Arzt gewinne Zeit für Beratung.

Viele Produkte scheitern

Mehr als 50 Prozent aller Digitalprodukte und -projekte scheitern nach Angaben von Professor Thomas Zahn vom Wissenschaftlichen Institut der AOK Nordost an mangelnder Akzeptanz aufgrund zu hoher technischer Hürden. Gerade deshalb seien Wettbewerb und Produktvielfalt nötig. Einigkeit bestand hinsichtlich staatlicher Aufgaben:

  • Ausbau der digitalen Infrastruktur,
  • Novellierung des Datenschutzrechts auf der Basis der neuen 2018 in Kraft tretenden Datenschutz-Verordnung der Europäischen Union,
  • Nutzenbewertung oder Zertifizierung als Voraussetzung für die Erstattung im GKV-Markt und schließlich
  • Einbeziehung der Pflege, wie Hedwig Francois-Kettner vom Aktionsbündnis Patientensicherheit forderte.
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