Doch weit mehr Dekubitus-Fälle in Kliniken?

In zwei Studien wurde das Dekubitus-Risiko in Kliniken untersucht. Große Unterschiede gab es bei der Inzidenz. Die Prävalenz war nahezu gleich.

Christian BenekerVon Christian Beneker Veröffentlicht:
Dr. Nils Lahmann, Privatdozent Pflegewissenschaft.

Dr. Nils Lahmann, Privatdozent Pflegewissenschaft.

© Christian Beneker

BREMEN. Deutsche Krankenhäuser untertreiben das Dekubitus-Risiko ihrer alten Patienten. Dagegen sind die Pflegeheime vielleicht besser als ihr Ruf.

Die alte Faustformel, dass zehn Prozent aller Dekubiti in der Klinik, 20 Prozent im ambulanten Bereich und 30 Prozent in den Pflegeheimen erworben werden, ist offenbar falsch.

Das sagte der Berliner Pflegewissenschaftler Privatdozent Dr. Nils Lahmann auf dem Deutschen Wundkongress in Bremen. Zudem sei der Nutzen der seit 2007 verpflichtenden EQS-Erhebung in den Kliniken zweifelhaft.

Bei Prävalenz kein signifikanter Unterschied

Lahmann verglich die Daten der softwarebasierten Kinexus-Studie, die sowohl Prävalenz als auch Inzidenz des Dekubitus bei Patienten im Alter von über 75 Jahren erhoben hatte, mit zwei früheren Studien bei Patienten gleichen Alters.

Dies war die seit 2007 verpflichtende Datenerhebung zur Dekubitusprophylaxe der Bundesgeschäftsstelle für Qualitätssicherung (BQS), die nur die Inzidenz berücksichtigt, sowie eine Erhebung aus der Berliner Charité, die nur die Prävalenz beleuchtete.

Die BQS-Daten werden heute vom AQUA-Institut als einrichtungsübergreifende Qualitätssicherung (EQS) ausgewertet. "Wenn die Kinexus-Studie beides, die Prävalenz und die Inzidenz, misst, müsste sie bei der Inzidenz ungefähr mit den EQS-Daten übereinstimmen und bei der Prävalenz mit den Daten der Charité", lautete Lahmanns Arbeitshypothese.

Tatsächlich trifft diese Annahme aber nur für die Prävalenz zu: Die Dekubitusprävalenz betrug bei der Charité-Studie elf Prozent und bei der Kinexus-Studie 11,8 Prozent. "Kein signifikanter Unterschied", so Lahmann.

Spielen Kliniken das Problem herunter?

Große Unterschiede ergaben sich dagegen bei der Inzidenz des Dekubitus. Die Inzidenz betrug bei den EQS-Zahlen 1,3 Prozent und bei der Kinexus-Studie 6,7 Prozent. "Mit den 6,7 Prozent liegen wir viel näher an den internationalen Zahlen", so Lahmann zur "Ärzte Zeitung".

Die Annahme, dass die alten Klinik-Patienten bereits mit Dekubitus ins Krankenhaus kommen und nur deshalb die Prävalenz der Druckgeschwüre so hoch liege, dürfte mit dem Studienvergleich widerlegt sein, meint Lahmann. "In deutschen Krankenhäusern erwerben also die Patienten offenbar weit mehr Dekubiti als bisher bekannt."

Aber warum liegt die Inzidenzrate laut EQS-Daten so niedrig? Lahmann: "Auch wenn in der Kinexus-Studie nach einer Woche gemessen und die EQS-Daten erst bei der Entlassung aus dem Krankenhaus, so bestreitet doch auch das AQUA-Institut heute nicht mehr das Problem des Underreportings."

Der Nutzen der BQS-Daten sei deshalb fraglich. Kurz: Die Kliniken spielen das Problem herunter.

"Diesem Befund müssen wir uns stellen", erklärte Lahmann, "auch deshalb, weil der Dekubitus nach AIDS, Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen laut holländischen Studien die viertteuerste Erkrankung überhaupt ist."

Und teuer ist die Versorgung von Dekubitus-Patienten auch. Lahmann: "Studien haben gezeigt, dass es mehr als 50.000 Euro kosten kann, bis ein Dekubitus abgeheilt ist."

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