Medizinstudentin Solveig Mosthaf

"Doktorarbeiten - oft eine Farce"

Solveig Mosthaf will Ärztin werden und gerne den Doktortitel mit Stolz führen. Doch die Medizinstudentin findet: Doktorarbeiten werden in Deutschland "fast schon inflationär" geschrieben. Warum allzu oft die motivierte Idee zur Farce verkommt, erläutert sie in ihrem Gastbeitrag für die "Ärzte Zeitung".

Von Solveig Mosthaf Veröffentlicht: 30.06.2016, 05:03 Uhr

Solveig Mosthaf

'Doktorarbeiten - oft eine Farce'

© Konstantin Güldner

Solveig Mosthaf ist 24 Jahre alt und im 10. Studien-/8. Fachsemester in Freiburg.

Zurzeit ist sie an Kinderheilkunde, Frauenheilkunde oder Allgemeinmedizin interessiert. Sie fühlt sich in der sprechenden Medizin wohler als z.B. in der reinen Chirurgie.

Außerdem ist sie aktiv in der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd).

FREIBURG. "Du studierst Medizin? Dann machst du doch bestimmt eine Doktorarbeit" - typischer Smalltalk auf der WG-Party. "Aber eure Doktorarbeit ist ja keine richtige Doktorarbeit, oder?" Punkt. Wunder Punkt. Das kommt darauf an, erkläre ich dann.

Dass medizinische Doktorarbeiten fast schon inflationär geschrieben werden, dass es im Endeffekt nur um zwei Buchstaben vor dem Namen geht, dass die meisten Medizinstudierenden die Promotion während der Studienzeit machen, weil nach dem Studium die Zeit fehlt, wird der Wissenschaft nicht gerecht.

Dass sich die einzelnen Arbeiten untereinander qualitativ und in Sachen Aufwendigkeit so sehr unterscheiden, dass manche dafür ihr Studium um ein Jahr verlängern, unbezahlt Zehn-Stunden-Tage im Labor verbringen und am Ende doch nur den gleichen Titel bekommen, wie diejenigen, die ein paar schon vorhandene Zahlen einfach nur statistisch auswerten, wird den Promovierenden nicht gerecht.

Dass die Benotung der geleisteten Arbeit von Uni zu Uni unterschiedlich ist und zum Beispiel beim Kriterium Erstautorenschaft von der Kulanz der Betreuenden abhängt, wird dem Arbeitsaufwand nicht gerecht.

Ein Jahr ist zu wenig Zeit, um valide Ergebnisse zu erzielen

Ich wollte damals die Grundlagenforschung kennenlernen, wollte wissen, wie Ergebnisse generiert werden, woher die Erkenntnisse kommen, die mir später als Ärztin Basis für mein (Be-)Handeln sein werden.

Doch in einem Jahr kann man nicht nachhaltig forschen, eigene Ideen entwickeln und ausreichend umsetzen. Ein Jahr ist zu wenig Zeit, um valide und signifikante Ergebnisse zu erzielen.

Somit werden die meisten medizinischen Doktorarbeiten zu einer Farce: Aus guter Intention heraus begonnen wird geschuftet und am Ende etwas daraus zusammengebastelt, das möglichst gut aussieht. Am Ende steht ein "Dr." - Ziel erreicht.

Doch befriedigend ist das nicht. Und so gebe ich meinem Gesprächspartner auf der WG-Party gegenüber zu, dass man medizinische Doktorarbeiten nur sehr schwer beurteilen kann und dass es dabei viel unnötige Forschung nur um der Forschung willen gibt, ohne inhaltliche Ergebnisorientierung.

Wünsche mir Vergleichbarkeit

Junge Ärzte in Fokus

Mit einer Themen-Seite will die "Ärzte Zeitung" vermehrt junge Ärzte in Studium und Weiterbildung in den Blick nehmen.

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Eine gute Lösung zu finden ist schwierig. Ich wünsche mir vor allem Vergleichbarkeit, eine faire Bewertung und eine Sicherung der wissenschaftlichen Qualität.

Dann würde der Titel nicht nur besser anerkannt, sondern man könnte ihn guten Gewissens, sogar mit Stolz führen.

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Kommentare
Ulrich Schuler

Natürlich gibt es unterschiede, aber man kann es herausbekommen

... reden Sie mit einem/einer "Dr." nur 5 Minuten über den Inhalt und die Methodik seiner/ihrer Arbeit und Sie werden keine Schwierigkeiten haben zu erkennen, für wen das eine wissenschaftliche Schnellbleiche war und für wen eine Auseinandersetzung mit einem Thema.
Deswegen muss man nicht ein lang tradiertes System in Frage stellen.
Keine Sorge, mit einer flachen statistischen Arbeit werden Sie nicht gleich versehentlich AG-Leiter im MPI.....
Und: auch eine schwache Promotions-Arbeit dokumentiert zumindest Willen, Beharrlichkeit und Orientierung im tradierten Arbeitsumfeld. Das kann man auch durch andere Eigenschaften und Tätigkeit dokumentieren. Aber viele Promotionskritiker dokumentieren stattdessen einfach nur ihre, ja was eigentlich....

Thomas Georg Schätzler

Bevor ich das kommentiere ...

wüsste ich schon gerne, was das mit dem verstaubten Begriff "wider den Flickenteppich" hier zu tun haben soll:
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/junge-aerzte/article/914759/wider-flickenteppich.html

Eine "Farce" ist übrigens
- eine als wichtig dargestellte Sache, anspruchsmäßig aber lächerlich;
- ein überdreht komödiantisches Lustspiel im Theater;
- eine kulinarische Füllung für Fisch, Fleisch, Geflügel etc.

Für fachlich, formal und inhaltlich gute medizinische Dissertationen scheint sich die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) offenkundig kaum zu interessieren. Sie pflegt lieber populär-wissenschaftlichen Populismus?

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Wolfgang P. Bayerl

is ja nicht mehr auszuhalten, dieses Ärztebashing, wer keine Lust dazu hat,

sollte seine Faulheit nicht noch verbrämen mit dummen Sprüchen.
Ehre wem Ehre gebührt.

Dr. Henning Fischer

war bei mir auch mal so: "Doktortitel mit Stolz führen". Das war 1978


nach experimenteller Arbeit in der Lärmforschung.

Sofort Briefpapier drucken und überall mit Doktor anreden lassen.

Dann kam ich 1985 in die Niederlassung. Anfangs ging es noch, dann kam unaufhaltsam der Untergang der Ärzteschaft:

ständiges intensives Bashing durch die gesamte deutsche Presse stempelte die Ärzte als Abzocker, Betrüger und Pfuscher, die Arbeitsbedingungen und das Honorar wurden von Jahr zu Jahr immer schlechter, und irgendwann war es bei mir vorbei mit dem Stolz.

Jetzt benutze ich meinen Doktortitel nur noch und ausschließlich im Berufsumfeld. An meiner Haustür steht "Fischer" und im privaten Bereich gibt es keinen Doktor mehr, auch kein Arztschild im Auto.

Ich schäme mich täglich dafür, daß sich die Ärzteschaft ständig in den Hintern treten und sich von unfähigen Funktionären veräppeln läßt.

Bald gehe ich in den Ruhestand. Dann werde ich wahrscheinlich auch meine Approbation zurückgeben.

p.s.: der Beruf des Allgemeinarztes wäre unter anderen Umständen wirklich super.

Marcella Kühnel

Mutige Aussage!

Gern hätte ich bei manchen Doktoren gewusst, was der Inhalt ihrer Doktorarbeit gewesen ist, ähnlich wie man oftmals erfährt, welch ein
Meisterstück ein Handwerksmeister für seine Meisterprüfung hergestellt hat.
Wäre m. E. so eine Art "Aushängeschild", was Frau oder Herr Doktor in seiner Forschungsarbeit explizit untersucht hat und welchen wissenschaftlichen Beitrag sie/er geleistet hat?
Insider werden das sicher in Erfahrung bringen, aber ob die Doktorarbeit wirklichen einen wissenschaftlichen Wert für die Allgemeinheit hat und welche Konsequenzen daraus weiter abgeleitet werden konnten und wer sich weiterführend mit der aufgeworfenen Thematik beschäftigt hat, bleibt doch eher unbekannt. Insofern gebe ich Frau Mosthaf recht, wenn sie meint: "Doch in einem Jahr kann man nicht nachhaltig forschen, eigene Ideen entwickeln und ausreichend umsetzen. Ein Jahr ist zu wenig Zeit, um valide und signifikante Ergebnisse zu erzielen."
Bleibt eigentlich nur auf vorhandene Forschungsergebnisse zurückzugreifen und diese zu "modifizieren".
Schade eigentlich!; dabei wäre es gar nicht so schwer die wissenschaftliche Qualität und Vergleichbarkeit von Doktorabeiten zu eruieren. Vielleicht ein Thema für eine Doktorarbeit?

Eine gute Zeit & maximale Erfolge!

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