Klinik-Management

Länger im Krankenhaus wegen Medikationsfehlern

Mangelhafte Organisation, hochgradige Arbeitsteilung mit der Tendenz zu Kommunikationsbrüchen, Fehler bei Abläufen und Unwissen führen an den Kliniken immer wieder zu Komplikationen bei der Medikation.

Von Bülent Erdogan Veröffentlicht:
Mit 14 Indikatoren des Aktionsbündnisses Patientensicherheit können Ärzte "ganz banale" Medikationsfehler vermeiden.

Mit 14 Indikatoren des Aktionsbündnisses Patientensicherheit können Ärzte "ganz banale" Medikationsfehler vermeiden.

© Foto: Franz Pflueglwww.fotolia.de

BERLIN. Etwa 14 Prozent der durchschnittlichen Verweildauer an Deutschlands Kliniken gehen auf unerwartete Arzneimittelwirkungen (UAWs) zurück. Zehn bis 15 Prozent der Klinik-Einweisungen von Patienten über 70 Jahren sind durch Arzneimittelfehler induziert. Diese Zahlen nannte der Leiter des Centrums für Krankenhaus-Management der Universität Münster, Professor Wilfried von Eiff, vergangene Woche auf dem 3. Nationalen Qualitätskongress Gesundheit in Berlin. "Das würde bedeuten, wir halten eigentlich 14 Prozent unserer Bettenkapazität und auch unserer sonstigen Ressourcen dafür vor, um die Konsequenzen aus UAWs in den Griff zu bekommen", so von Eiff.

Als Gründe nannte er eine "nicht narrensichere", mangelhafte Organisation, eine hochgradige Arbeitsteilung mit der Tendenz zu Kommunikationsbrüchen, Fehler bei Abläufen und fehlendes Wissen von Ärzten über unerwünschte Arzneimittelwirkungen. So seien 80 Prozent aller Medikationsfehler auf ärztliche Verordnungsfehler zurückzuführen gewesen. Bei fünf Prozent der Patienten führten diese Fehler zu schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen bis hin zum Tod.

Um Abhilfe zu schaffen, regt von Eiff die Anstellung von klinischen Pharmazeuten an. "Es muss darum gehen, Spezialisierungsvorteile auszunutzen." Der klinische Pharmazeut auf Station müsse Standard werden, ärztliche Verordnungen im Idealfall durch ihn, wenigstens aber durch eine Verordnungssoftware freigegeben werden. Derzeit kommen auf 100 Klinikbetten in Deutschland 0,31 hauseigene Pharmazeuten, in Estland sind es knapp zwei.

Zudem, so der Wissenschaftler, gelte es, Prozesse durch technische Systeme "idiotensicher" zu machen. Eine Möglichkeit hierzu sieht er in einer computerisierten Bestellaufnahme von Medikamenten und der Ausgabe von in Einzeldosen verblisterten Präparaten aus speziellen Arzneimittelschränken, wie dies in den USA, Kanada, Großbritannien oder den Niederlanden bereits Standard sei.

Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ), Dr. Wolf-Dieter Ludwig, zog ein gemischtes Fazit der bisherigen Anstrengungen zur Steigerung der Arzneimitteltherapiesicherheit in Deutschland und Europa. So sei der Anteil der Klinikeinweisungen nach UAWs in Frankreich, das über ein weitaus besseres Pharmakovigilanzsystem als Deutschland verfüge, seit 1997 stabil und liege bei circa vier Prozent. "Wir reden schon so lange über Arzneimittelsicherheit und auch über Arzneimitteltherapiesicherheit, und es tut sich nichts", sagte Ludwig, dessen Kommission den Aktionsplan Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) der Bundesregierung koordiniert.

Dabei könnten Ärzte schon heute "ganz banale" Fehler vermeiden, wenn sie sich an die 14 Patientensicherheitsindikatoren des Aktionsbündnisses für Patientensicherheit zur AMTS halten. Das gelte etwa für die Gabe von Beta-Blockern beim Verlassen des Krankenhauses oder die Frage nach Allergien. "Wenn diese 14 Indikatoren bei jedem deutschen Arzt, der häufig Arzneimittel verordnet, so im Kopf wären, hätten wir schon einen großen Schritt nach vorne gemacht."

Ludwig forderte die Pharmahersteller dazu auf, intensiver mit den Akteuren des Aktionsplans zusammenzuarbeiten, etwa um Spritzen verwechslungssicherer zu kennzeichnen. Anfang März 2010 soll der fortgeschriebene Aktionsplan vorgestellt werden. Nachtrag (08.12.2009):

Indikatoren werden im März 2010 veröffentlicht

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) mit Sitz in Bonn hat 14 Indikatoren für eine sicherere Arzneimitteltherapie erarbeitet. Anders als oben berichtet, sind diese Hinweise allerdings noch nicht veröffentlicht, sondern sollen Teil des fortgeschriebenen Aktionsplans Arzneimittelsicherheit des Bundesgesundheitsministeriums werden. Nach Angaben des Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ), Professor Wolf-Dieter Ludwig, soll der weiterentwickelte Aktionsplan im März 2010 vorgestellt werden. Die AKdÄ koordiniert den Aktionsplan.

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