Chart-Analyse

Lukrative Anlagehilfe oder Spielzeug?

Was den Nutzen der Chart-Analyse angeht, sind Experten geteilter Meinung. Privatanleger sollten sich in jedem Fall vor Investmententscheidungen gut in die Methodik einarbeiten.

Von Richard Haimann Veröffentlicht:

NEU-ISENBURG. Für die einen ist es pure Kaffeesatzleserei, für die anderen eine sinnvolle Methode, um Anlageentscheidungen zu treffen: Die Chart-Analyse entzweit das Lager der Investmentprofis.

Die einen bezweifeln, dass sich am bisherigen Kursverlauf einer Aktie ablesen lässt, ob das Papier künftig steigen oder fallen wird. Die anderen schwören auf diesen Weg, der auch bei Privatanlegern immer mehr Anhänger findet.

Nützlich oder überfleißig?

Sie tragen Namen wie Guidants, ProRealTime, TC 2000 oder Tradingview – Software-Programme, die Anleger zum Teil kostenlos nutzen können, um anhand des bisherigen Kurses einer Aktie oder eines ganzen Indexes zu ermitteln, wie sich der Einzelwert oder das Börsenbarometer künftig entwickeln.

Verschiedene immer wieder auftretende Muster wie sogenannte Wimpel, Flaggen, Schulter-Kopf-Schulter- oder Untertassen-Formationen sollen dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit anzeigen, ob der Kurs in den kommenden Wochen oder Monaten steigt oder fällt.

Die meisten Investmentbanken und Fondsgesellschaften beschäftigten speziell ausgebildete Analysten, die über die Betrachtung der Charts jene Werte herauspicken sollen, die besonders hohes Zuwachspotenzial versprechen – und zugleich jene Aktien im Depot identifizieren sollen, deren Kurse einzubrechen drohen.

Auch zahlreiche Anlageberater sind von der Methode überzeugt. "Die Charttechnik hat durchaus ihre Existenzberechtigung", sagt Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Kölner Vermögensverwaltung z-invest. "Oftmals können die Muster helfen, eine Anlageentscheidung zu treffen."

Studien schüren Zweifel

Dagegen haben diverse Studien von Finanzwissenschaftlern bislang allerdings immer wieder gezeigt, dass die Chartanalyse die künftige Entwicklung von Aktienkursen nicht verlässlich vorherzusagen erlaubt. Professoren der Massey University in Neuseeland etwa untersuchten 2010 mehr als 5000 unterschiedliche, auf der Chartanalyse beruhende Handelsstrategien, die Profiinvestoren in 49 Industrie- und Schwellenländern anwenden.

Das Resultat: Die langfristig erzielten Gewinne – oder Verluste – waren nicht größer als bei einer rein zufälligen Wertpapier-Auswahl.

Für Martin Weber, Professor für Finanzen an der Universität Mannheim, ist die Chartanalyse deshalb ein "teurer Irrglaube". Er spottet: "Da malen erwachsene Männer mit Bleistift und Lineal die Kursverlaufslinien von Wertpapieren mit Wimpeln, Trendlinien und allen möglichen anderen Figuren, in der Erwartung, auf diese Weise schnellstmöglich reich zu werden."

Dieser Ansicht ist auch Thomas Freiberger, Inhaber der Thomas Freiberger Vermögensverwaltung in München: "Fundamentale Daten wie betriebswirtschaftliche Kennzahlen werden bei der Chartanalyse nicht berücksichtigt."

Deshalb schade diese Vorgehensweise bei Investmententscheidungen "langfristig dem Anleger", so Freiberger. "Sie sollte deshalb keine Bedeutung bei der Strukturierung des privaten Vermögens haben."

Hingegen rät Markus Buchmann, Anlageexperte bei der Vermögensverwaltung Falcon in Invest in Frankfurt am Main, "gerade bei kurz- und mittelfristigen Investmententscheidungen die Chartanalyse nicht außer Acht zu lassen".

Einflussfaktor Herdentrieb

Aus einem einfachen Grund: "Viele Marktakteure beachten sie und handeln danach." Durch diesen Herdentrieb beeinflusse die Methodik zumindest für einen kürzeren Zeitraum die Kursentwicklung von Aktien und Indices durchaus doch.

In einem sind sich die Experten immerhin einig: Privatanleger, die Chartanalyse-Software für ihre Investmentstrategie nutzen wollen, sollten nicht vorschnell auf die computergenerierten Kauf- oder Verkaufssignale reagieren.

Die Methodik basiere auf mehreren, "teils unübersichtlichen Analyseinstrumenten", sagt Victor Cullmann, Anlageexperte der Zürcher Finanz Konzept. "Anleger sollten sich deshalb zunächst gründlich einarbeiten."

Mehr zum Thema
Kommentare
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden »Kostenlos registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Das Aufbewahren und Zwischenlagern von Impfstoff im Praxiskühlschrank ist eigentlich Routine für Praxen. Dass nun das  Bundessozialgericht in der Frage, ob Ärzte dafür haften müssen, wenn wegen eines Kühlschrankdefekts teurer Impfstoff unbrauchbar wird, einen Regress in fünfstelliger Höhe bestätigt hat, lässt viele Ärztinnen und Ärzte  jedoch ratlos und verärgert zurück.

© Sina Schuldt / picture alliance/dpa

Impfstoff-Verfall

Pädiater üben scharfe Kritik an Kühlschrank-Urteil

Bei einer Pneumonie können Prognosemarker helfen, Über- und Untertherapien zu vermeiden.

© Minerva Studio / stock.adobe.com

WONCA-Kongress

Drei Prognosemarker bei Pneumonie