Versorgungsforschung

Notdienststandorte: Zahlen sollen sprechen, nicht Politiker

Das Bundesforschungsministerium fördert ein Projekt, das die optimalen Standorte für die Notfallversorgung in Deutschland unter Einsatz mathematischer Methoden berechnen soll.

Von Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht: 07.03.2018, 12:23 Uhr

BERLIN. Wo befinden sich vor allem in ländlichen Regionen die optimalen Standorte von Notarztdiensten und Notdienstapotheken? Wie können die Wartezeiten bei Krankentransporten minimiert werden? Das sind drängende Fragen, deren Beantwortung nicht unbedingt vom Gutdünken und Wahlkampfmodus einzelner Abgeordneter abhängig sein sollte. Die Mathematik – und damit harte Zahlen – sollen als Entscheidungsgrundlage dienen, so das Bundesforschungsministerium. Deshalb fördert dieses mit etwa 1,1 Millionen Euro das Verbundprojekt "HealthFaCT" – um eine entsprechende Assistenzsoftware zu entwickeln.

Auch Kosten im Blick

Hintergrund des Forschungsvorhabens ist laut Ministerium, dass bei der medizinischen Versorgung auf dem Land in vielen deutschen Regionen ein dramatischer Mangel droht: Zehntausende Ärzte gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand, Nachwuchsmediziner zieht es in die Städte, die Anzahl von Apotheken sinkt jährlich und auf Notärzte oder Krankentransporte müssen Patienten oft lange warten. Das könne dazu führen, dass das Leben eines Unfallopfers vom Standort der nächstgelegenen Rettungswache abhängt.

Das im Zuge von "HealthFaCT" zu entwickelnde Computersystem soll hier Abhilfe schaffen. "Im Gesundheitswesen gibt es viele komplexe Prozesse, die mit Mathematik verbessert werden können", verdeutlicht Professor Sven Krumke vom Fachbereich Mathematik der Technischen Universität Kaiserslautern, die sich am Verbundprojekt beteiligt. Dazu zähle auch die medizinische Versorgung der Menschen fernab der Großstädte: "Unser Ziel ist es, diese Versorgung für alle Beteiligten zu verbessern und gleichzeitig die Kosten für das Gesundheitssystem gering zu halten", erläutert Krumke.

In einem ersten Schritt sollen die Wissenschaftler Daten aus Unfall- und Notfallstatistiken auswerten. So fänden sie heraus, wie viele Rettungseinsätze es in der Vergangenheit in bestimmten Regionen, Landkreisen oder Ortschaften gegeben habe. Diese Daten können dann nach Ministeriumsangaben in mathematischen Modellen verwendet werden, um eine optimale Verteilung der Rettungsstellen und die benötigte Anzahl von Ärzten zu berechnen. Dabei werde in den Modellen sichergestellt, dass jeder Notfall in angemessener Zeit erreicht werden könne.

Tests zeigen: Optimierung möglich

Die Forscher sprechen dabei von einem mathematischen Optimierungsproblem: Planen sie für den schlimmsten Fall, also das Maximum an Notfällen in allen Regionen, brauchen sie viele Ärzte – das lässt die Kosten steigen. Planen sie für das Minimum, sind die Kosten gering – doch es droht eine Unterversorgung. "Das Problem ist, dass die genauen Anzahlen der Notfälle für die Zukunft unbekannt ist", erklärt Krumke.

Die mathematische Herausforderung sei es daher, Modelle auf Basis der "robusten Optimierung" zu erstellen, die trotz dieser Unsicherheiten bestmögliche Lösungen liefern. "Daher erlauben wir in unseren Modellen in jeder einzelnen Region den schlimmsten Fall – jedoch nicht, dass dieser überall gleichzeitig eintritt", erklärt Krumke. Damit decken die Mathematiker immer noch Extremfälle ab, vermeiden aber die unrealistischen Szenarien, die in der Planung übermäßig viele Ressourcen benötigen würden. Wie erste Tests ihres Systems zeigten, könne man die ambulante Versorgung deutlich verbessern, ohne die Kosten für das Gesundheitssystem übermäßig zu erhöhen.

Um den optimalen Standort der Rettungswachen herauszufinden, geben die Mathematiker vor, wie schnell ein Notarzt am Unfallort ankommen muss. "Aus der Antwortzeit ergibt sich der Radius, den eine Wache abdecken kann", so Krumke. Kombiniert mit den Unfall- und Notfalldaten berechne das System dann die bestmöglichen Standorte. Ähnlich sei die Herangehensweise für Apotheken und Wartezeiten bei Krankentransporten.

Mehr zum Thema

Tipps von Ärzten

So lässt sich die Formular-Flut bewältigen

Webinarreihe zur Niederlassung

Gründen Frauen anders?

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Pflegekräfte versorgen einen Patienten auf der Intensivstation im Operativen Zentrum II des Universitätsklinikums Essen.

COVID-19-Versorgung

Intensivstationen: Das Personal ist der Flaschenhals

Logo der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat am Freitag noch einmal die Bedeutung der Organisation beim Kampf gegen Pandemien hervorgehoben.

Videoschalte der Gesundheitsminister

EU drängt auf rasche Reform der WHO

Blutgefäß mit Erythrozyten und Sauerstoff-Molekülen: Bei einem kardiogenen Schock kommt es zu einer Schädigung von Endothelzellen, die die innere Gefäßwand auskleiden. Das daraus resultierende „vascular leakage“, also die erhöhte Durchlässigkeit der Gefäße, führt dazu, dass das Gewebe schlechter mit Sauerstoff versorgt wird. Ein neuer molekularer Antikörper soll jetzt die pathophysiologische Kaskade durchbrechen.

Sterberisiko senken

Neuer Therapie-Ansatz bei kardiogenem Schock