Niedrigschwelliges Angebot

Obdachlose zu versorgen, ist gar nicht so einfach

Der Mediziner Mark Oette behandelt ehrenamtlich Menschen, die auf der Straße leben. Was für eine optimale Versorgung Wohnunsloser wichtig ist und wo das System an seine Grenzen gerät, berichtete er auf dem DGIM-Kongress.

Kathrin HandschuhVon Kathrin Handschuh Veröffentlicht:
Obdachlose im Behandlungszimmer

Um Obdachlose adäquat versorgen zu könnne, ist ein niedrigschwelliges Angebot wichtig.

© Tim Wegner / epd-bild / picture alliance

Wiesbaden. Damit Obdachlose adäquat versorgt werden können, muss das medizinische Angebot niedrigeschwellig sein. Das betonte Professor Mark Oette in einem Vortrag beim DGIM-Prozess in Wiesbaden. Der ehemalige Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Gastroenterologie und Infektiologie im Kölner Severinsklösterchen behandelt seit rund 30 Jahren ehrenamtlich Patienten, die auf der Straße leben.

Gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen leitet er die „Caya“-Praxis (Come as you are) in Köln-Mülheim. Dort werden die sozial Benachteiligten – zu denen neben Wohnungslosen auch viele Geflüchtete gehören – in einem etwa 20 Quadratmeter großen Container untersucht. „Die Praxen müssen dort sein, wo diese Menschen leben“, weiß er aus Erfahrung.

Anonymer Krankenschein kaum praktikabel

Laut statistischem Bundesamt haben rund 61.000 Menschen in Deutschland keine Krankenversicherung, 16 Prozent der Bevölkerung sind von Armut bedroht, in NRW gilt dies laut Oette sogar für jeden Fünften. Die Krankheitslast in niedrigen sozialen Schichten sei viel höher. Denn Männer und Frauen auf der Straße können sich nur unzureichend gegen Kälte, Hitze und Feuchtigkeit schützen, auch ihre Ernährung ist überwiegend minderwertig.

Warum suchen Obdachlose so selten normale Hausarztpraxen auf? „Sie sind nicht wartezimmertauglich“, erklärte der Arzt. Die meisten röchen streng, seien betrunken oder fielen durch aggressives Verhalten auf. Das würden Praxisinhaber ihren anderen Patienten nicht zumuten wollen. Häufig schämten sich die Betroffenen auch selbst für ihren desolaten Zustand, mit der Konsequenz, dass sie schließlich gar nicht mehr zum Arzt gingen.

Kontinuität ist wichtig

Hinzu kommt: Nicht immer finden sie Ärzte und Kliniken, die sie tatsächlich behandeln wollen. „Es ist eine große Herausforderung, unversicherte Patienten angemessen zu versorgen“, betonte der Mediziner. Vor allem hochpreisige Eingriffe ließen sich kaum organisieren.

Er berichtete von eine obdachlosen Frau mit Harnblasentumor, die mit aus dem Körper heraushängenden Schläuchen zurück auf die Straße geschickt wurde. Außerdem hätten nicht alle Hilfsmaßnahmen Erfolg. So gebe es zwar in einigen Kommunen den anonymen Krankenschein, doch sei dieser durch bürokratische Hürden in der Breite kaum praktikabel.

Die Caya-Praxis hat sich daher auf die besondere Bedürfnisse wohnungsloser Menschen eingestellt: Das niedrigschwellige Angebot soll eine kontinuierliche Betreuung ermöglichen, obendrein arbeiten die dortigen Ärzte und MFA eng mit dem Sozialen Dienst zusammen.

Wichtig sei auch der wertschätzende Umgang. Augrund der hohen Zahl Geflüchteter spielten Tools wie Google Translator eine große Rolle, um Sprachbarrieren zu überwinden.

Finanziert wird das Projekt komplett über Spenden. Und Einrichtungen, die ihre Dienste kostenfrei zur Verfügung stellen, so wie beispielsweise ein Labor oder ein PVS-Anbieter. Dadurch könne das Team nach vielen Jahren Arbeit mit Papierakten nun endlich auf elektronische Dokumentation umstellen, so Oette.

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