Geldanlage

Schnäppchenjäger haben Großbritannien bereits im Visier

Die turbulenten Brexit-Verhandlungen belasten seit Jahren die Kursentwicklung britischer Aktien. Nach der vollzogenen Scheidung von der EU sehen Experten nun Potenzial bei Papieren von Unternehmen auf der Insel.

Von Richard Haimann Veröffentlicht:
London und sein Big Ben sind normalerweise ein Touristenmagnet. Nun ruft das Vereinigte Königreich immer mehr Aktionäre auf den Plan.

London und sein Big Ben sind normalerweise ein Touristenmagnet. Nun ruft das Vereinigte Königreich immer mehr Aktionäre auf den Plan.

© Daniel Kalker / dpa / picture al

Neu-Isenburg. Die Scheidung ist Großbritannien scheinbar gar nicht gut bekommen: Nach der endgültigen Trennung von der Europäischen Union zu Jahresbeginn wirkt die Wirtschaft im Vereinigten Königreich angeschlagen. Im Januar sind die Exporte von der Insel in die EU um 40,7 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres eingebrochen, weil viele Zollregularien nicht geklärt waren. Die Arbeitslosenrate ist auf 5,1 Prozent gestiegen – und damit auf den höchsten Stand seit 2016.

Das schlägt sich auch am Aktienmarkt nieder. Der britische Leitindex FTSE 100, der die Kursentwicklung der 100 größten börsennotierten Unternehmen der Insel widerspiegelt, hinkt in der Kursentwicklung seit dem Austritts-Referendum vom 23. Juni 2016 den übrigen europäischen Aktienmarkt-Barometern hinterher. Auf Sicht der vergangenen drei Jahre war der FTSE diese Woche noch immer 5,6 Prozent im Minus.

Britische Aktien auf Talfahrt

Hingegen ist der deutsche Leitindex Dax in diesen 36 Monaten um 17 Prozent gestiegen, trotz des tiefen Einbruchs zu Beginn der Corona-Pandemie. Der Euro Stoxx 50, der die Kursentwicklung der 50 größten europäischen Konzerne abbildet, hat in dieser Zeit knapp zwölf Prozent gewonnen.

Die unterdurchschnittliche Kursentwicklung der britischen Aktien lockt nun aber erste Schnäppchenjäger. In den vergangenen drei Monaten ist der FTSE 100 in der Spitze um mehr als vier Prozent gestiegen. Und einige Experten meinen, dass es bald noch deutlich kräftiger nach oben geht, sobald der Handel erneut rund läuft. „Der britische Aktienmarkt ist für Anleger wieder einen Blick wert“, sagt Marco Jansen, Gesellschafter der Vermögensverwaltung Oberbanscheidt & Cie in Kleve. „Viele britische Unternehmen werden derzeit an der Börse zu sehr niedrigen Kursen gehandelt“, sieht Sue Noffke, Leiterin britische Aktien bei der Fondsgesellschaft Schroders, Erholungspotenzial.

Was viele Investoren bislang von britischen Aktien ferngehalten hat, waren die turbulenten Verhandlungen zwischen Brüssel und London, um die Details des Scheidungsvertrags. „Das hat für andauernde politische und wirtschaftliche Unsicherheiten gesorgt“, sagt Jansen. „Dabei ist aber vergessen worden, dass im britischen Leitindex zahlreiche weltweit agierende Champions zu finden sind.“ Der Erdölkonzern Royal Dutch Shell wandele sich gerade zum größten Akteur am Markt für erneuerbare Energien. Der Bergbaugigant Rio Tinto sei einer der größten Rohstoffförderer der Welt und profitiere massiv von der Erholung der Weltwirtschaft. HSBC sei seit Jahren eine der führenden Banken in Großbritannien und Asien. Vodafone sei nach Mobile China der zweitgrößte Telekommunikationsdienstleister der Welt mit einem Umsatz von knapp 45 Milliarden Euro. Unilever sei einer der weltweit bedeutendsten Nahrungsmittelproduzenten. Diageo wiederum zählt zu den größten globalen Herstellern alkoholischer Getränke.

Milliarden für die Konjunktur

Die Aktienkurse all dieser britischen Unternehmen dürften in den kommenden Monaten deutlich steigen, sagt Jansen. „An den Börsen der Welt findet gerade eine große Branchenrotation von Wachstums- hin zu sogenannten Value-Aktien statt.“ Investoren trennen sich von Technologiewerten, deren Kurse in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind, die aber kaum Dividenden ausschütten. Stattdessen setzen sie auf Unternehmen, die mit lang etablierten Geschäftsmodellen langsam, aber stetig Umsatz und Gewinn steigern – und ihre Aktionäre mit attraktiven Dividendenzahlungen am Erfolg beteiligen. „Mit der konjunkturellen Erholung nach der Pandemie kommen diese Value-Werte stärker ins Blickfeld“, sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt bei der Hamburger Privatbank M.M. Warburg & CO.

Für zusätzlichen Schub an der Börse könnten die milliardenschweren Konjunkturprogramme sorgen, mit denen die Regierung in London die Insel aus der Corona-Rezession ziehen will. „Es wird alles getan, was für die Gesundung des Landes nötig ist“, hat Finanzminister Rishi Sunak gerade verkündet.

Über börsennotierte Indexfonds, kurz ETF genannt, können Anleger direkt auf die weitere Entwicklung des FTSE 100 setzen. ETF bilden passiv einen Index nach. Dadurch fallen nur minimale Verwaltungsgebühren an. Bei den günstigsten ETF auf den FTSE 100 betragen sie nur 0,07 Prozent pro Jahr. Auf dem aktuellen Kursniveau der FTSE-100-Indexfonds beträgt die Rendite der an die Anleger weiter gereichten Dividenden 3,1 Prozent.

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