Neues Sicherheitstraining für Ärzte

Was Cockpit und OP gemeinsam haben

Im Notfall müssen Ärzte schnelle Entscheidungen treffen, die für Patienten lebenswichtig sind. Ähnlich geht es Piloten. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie legt darum jetzt ein neues Sicherheitstraining auf.

Von Susanne Werner Veröffentlicht:
Ausbildung beim Lufthansa Flight Training – von hier gewonnenen Erkenntnissen profitieren auch Ärzte.

Ausbildung beim Lufthansa Flight Training – von hier gewonnenen Erkenntnissen profitieren auch Ärzte.

© Alexandra Vosding

BERLIN. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) startet ein neues Training, um die Patientensicherheit zu optimieren. Der Kurs "IC - Interpersonal Competence" soll insbesondere die Kommunikation und Entscheidungsfähigkeit im Team trainieren.

Das Format orientiert sich an den Human Factors Trainings in der Luftfahrt und wurde gemeinsam mit Experten des Lufthansa Flight Training (LFT) entwickelt. Der zweitägige Kurs wird von einem Mediziner und einem "Human Factors"-Experten der Lufthansa Flight Training geleitet und findet im Trainingszentrum der Lufthansa in Seeheim-Jugenheim statt.

Zentrales Konzept der Fortbildung

"Jeder Mensch macht alle 30 Minuten einen Fehler. Die Crews lernen, eigene Fehler und die von anderen frühzeitig zu erkennen und die Fehlerkette vor dem Erreichen eines kritischen Zustandes zu durchbrechen", erläuterte LFT-Geschäftsführer Christian Korherr das zentrale Konzept der Fortbildung.

Sein Kollege Martin Egerth, Produktmanager bei der 100-prozentigen Tochtergesellschaft der Lufthansa, verwies auf Ähnlichkeiten zwischen Medizin und Luftfahrt. So seien beide Berufsfelder durch starke Hierarchien geprägt. Hier wie dort komme es im Ernstfall darauf an, richtig zu entscheiden und gut miteinander zu kommunizieren.

In den Trainings lernten die Teilnehmer, die eigenen Stärken und Schwächen zu reflektieren und neue Verhaltensweisen einzuüben. "Wir machen ihnen die Abläufe bewusst und arbeiten mit konkreten Fällen aus dem eigenen Unternehmen, um sie auch emotional zu erreichen", sagte Egerth. "Der Faktor Mensch spielt in der Luftfahrt wie in der Medizin eine entscheidende Rolle", bestätigte auch Professor Reinhard Hoffmann, stellvertretender Generalsekretär der DGOU.

Das Sicherheits-Training in der Luftfahrt ist seit Jahrzehnten gesetzlich vorgeschrieben. Jährlich müssen mehrtägige Auffrischungen absolviert werden, alle sechs Monate werden die Kompetenzen geprüft. Geschult werden nicht nur die Piloten, sondern auch alle anderen Beteiligten - von der Kabinenbesatzung bis zum Bodenpersonal, vom Techniker bis zum Flugdienstberater (Dispatcher).

Die Unfallchirurgen haben bereits einige Qualitätsinstrumente aus der Luftfahrt übernommen - die Checklisten für den OP beispielsweise oder auch das Fehlermeldesystem CIRS. In einer aktuellen Studie hat das Junge Forum der DKOU nach zentralen Fehlerquellen in Chirurgie und Orthopädie geforscht.

80 Prozent der Befragten nannten demnach Zeitdruck als Ursache, 70 Prozent mangelnde Kommunikation, 67 Prozent Personalmangel und 62 Prozent Stress.

Lücke in Ausbildung schließen

Professor Bertil Bouillon, Mitglied des DKOU-Vorstands und Unfallchirurg, will mit dem Training nun Abhilfe schaffen und eine Lücke in der Ausbildung schließen: "Das Medizinstudium betont das Wissen und die Fertigkeiten, der Rest ist Erfahrung und somit dem Zufall überlassen. Gute Kommunikation, Führungsverhalten und Entscheidungskompetenz aber kann man lernen."

Die Ärzte sollen nicht zu "perfekten Robotern" gemacht werden, vielmehr müsse ihnen vermittelt werden, dass sie "mit dem, was ihnen durch den Kopf geht, nicht allein sind." Das Training werde vor allem ein problematisches Kommunikationsverhalten bewusst machen. Dabei gehe es nicht um einen einzelnen Fehler, sondern um die Haltung, mit der Ärzte ihren Mitarbeitern und Patienten gegenüber treten.

"Bei der Visite verspricht man schnell etwas, das man später unter dem Zeitdruck auf den Stationen gar nicht einhalten kann", sagt Bouillon. Ärzte müssten zudem darauf achten, dass sie nicht Erwartungen erzeugten, die - falls sie später nicht eingelöst werden - zu Frust und Enttäuschung führen.

Zentraler Baustein des Kurses ist ein Fünf-Punkte-Programm, mit dem die Teilnehmer unter anderem lernen, sich auf ein Gespräch vorzubereiten, die Sorgen ihres Gegenübers ernst zu nehmen und darauf empathisch zu reagieren.

Aktuell findet jeden Monat ein Kurs statt, mit dem vor allem Assistenzärzte geschult werden. Langfristig sollen Klinikärzte in allen Hierarchiestufen und auch die niedergelassenen Fachärzte erreicht werden. Etwa 30 bis 40 Prozent einer Abteilung müssten geschult werden, so Bouillon, damit das Erlernte in den Abteilungen umgesetzt wird und sich die Team- und Fehlerkultur ändert.

Mehr zum Thema
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Impfzentrum der Marke Eigenbau in Peine.

© Dr. Lars Peters

COVID-19-Impfung im früheren Getränkemarkt

Hausarzt richtet Corona-Impfzentrum ein – auf eigene Kosten

IT-Sicherheit in der Praxis: Als „die Atemschutzmaske des Computers“ titulierte der Heidelberger Cyberschutz-Auditor Mark Peters die Firewall.

© Michaela Schneider

Cyberschutz für Arztpraxen

Vom Passwort als Desinfektionsmittel