Kongress, 17.04.2009

Interdisziplinarität: Das A und O der Internisten

Ohne Interdisziplinarität funktioniert die ganze Innere Medizin nicht, betont Professor Rainer Kolloch im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Das Kongress- Thema "Komorbiditäten" trifft hier ins Schwarze.

"Interdisziplinarität ist ein Thema, das gerade für die jungen Kollegen besonders attraktiv ist." Kongresspräsident Professor Rainer Kolloch

Foto: sbra

Ärzte Zeitung: Interdisziplinarität und vernetztes Arbeiten sind auch beim diesjährigen Internistenkongress wieder große Themen - Themen mit zunehmender Bedeutung?

Professor Rainer Kolloch: Durchaus! Denn wir beobachten eine zunehmende Subspezialisierung in der Inneren Medizin. Durch starke Fokussierung auf schmale Segmente dieses Fachgebietes droht das vernetzte Denken in den Hintergrund zu geraten. Damit fällt es immer schwerer, über den eigenen Bereich hinaus zum Beispiel zu berücksichtigen, welche Ursachen abseits der Standarddiagnose bestimmte Symptome hervorrufen können. Die Subspezialisierung bedeutet also eine Herausforderung für eine funktionierende Vernetzung einzelner Schwerpunktdisziplinen, um eine angemessene und kompetente Versorgung von Patienten mit Komorbiditäten zu gewährleisten.

Der klassisch integrative Ansatz des Kongresses soll dazu beitragen, dieses vernetzte Handeln der Internisten zu fördern. Ohne interdisziplinär zu denken und vernetzt zu arbeiten funktioniert die ganze Innere Medizin nicht!

Ärzte Zeitung: Mit den Themen "Komorbiditäten" und "Besonderheiten der Diagnostik und Therapie bei Älteren" als zwei der Schwerpunkthemen des diesjährigen Internistenkongresses treffen Sie hier genau ins Schwarze ...

Kolloch: Die demografische Entwicklung mit einer steigenden Zahl älterer und multimorbider Patienten unterstreicht die Notwendigkeit für eine verstärkte, systematische Beschäftigung mit dem Thema der Komorbiditäten.

Ältere sind aber nicht nur häufiger als Jüngere mehrfach erkrankt. Bei ihnen kommt dazu, dass es kaum evidenzbasierte Daten zur Therapie aus klinischen Studien gibt, dass Leitlinien nicht unbedingt auch für sie gültig sind, dass bei Ärzten hier solide spezielle pathophysiologische und pharmakologische Kenntnisse gefragt sind. Diagnostische Besonderheiten, Interaktionen mit veränderten Wirkungs- und Nebenwirkungsprofilen von Medikamenten oder modifizierte Zielgrößen bei der Therapie führen nicht selten zu Unschärfen bei einer leitlinienorientierten Behandlung von Patienten mit mehreren Erkrankungen.

Ärzte Zeitung: Welche Beispiele zum Thema Komorbiditäten und deren praktische Konsequenz fallen Ihnen spontan ein?

Kolloch: Ein Beispiel für die Beeinflussung von Prognose und Therapie sehr unterschiedlicher Krankheitsbilder im Zusammenhang mit Komorbiditäten ist das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom. In den vergangenen Jahren ist in epidemiologischen Studien zunehmend auf die unabhängige Assoziation von obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom, Hypertonie, koronarer Herzkrankheit, Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, Schlaganfall und metabolischem Syndrom hingewiesen worden. Umgekehrt haben randomisierte Studien ergeben, dass eine CPAP-Therapie bei obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom nicht nur den Blutdruck senkt, sondern auch Frühveränderungen der Atherosklerose reduziert und bei Patienten mit Herzinsuffizienz die Pumpfunktion verbessert.

Ein anderes Beispiel: Bei Patienten mit Herzinsuffizienz gehört die Anämie mit einer Prävalenz von 12 bis 55 Prozent zu den häufigsten Komorbiditäten. Sie ist ein unabhängiger Prädiktor für erhöhte Morbidität, Mortalität und auch erhöhte Hospitalisationsrate.

Ärzte Zeitung: Ihnen liegen aber noch ganz andere Dinge am Herzen, was die Betreuung älterer und betagter Patienten betrifft?

Kolloch: Das ist richtig. Ein Stichwort ist hier zum Beispiel der Erhalt von Autonomie und Selbstbestimmung. Deshalb geht es auch in einem Vortrag bei einem Symposium am Samstag speziell um die rechtliche Situation älterer, kognitiv eingeschränkter Patienten im Krankenhaus.

Ärzte Zeitung: Als spezielle Patientengruppe, der Sie beim Kongress auch ein eigenes Symposium widmen, sind Ihnen aber auch die Behinderten wichtig?

Kolloch: Ja, wobei klar sein muss, dass aus ärztlicher Sicht der Begriff der Behindertenmedizin nicht eindeutig definiert oder als eigener Schwerpunkt mit vorgegebenem Curriculum etabliert ist. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann die Behindertenmedizin allenfalls als ein virtueller medizinischer Schwerpunkt angesehen werden, bei der es auf eine besondere Kompetenz und Erfahrung im Umgang mit behinderten Patienten sowie die Kenntnis der diagnostischen und therapeutischen Besonderheiten bei der Versorgung ankommt. Ansonsten gelten natürlich die etablierten Grundlagen einer sinnvollen interdisziplinären Kooperation und Vernetzung mit verschiedenen Schwerpunktfächern.

Ärzte Zeitung: Gibt es denn Daten speziell zur medizinischen Versorgung behinderter Patienten?

Kolloch: Der Bereich der Behindertenmedizin ist - weltweit - durch Unterversorgung und Qualitätsdefizite charakterisiert. Behinderte Patienten mit Herzinfarkt kriegen zum Beispiel weniger herzwirksame Arzneien; es werden auch weniger Herzkatheteruntersuchungen und weniger notfallmäßige Ballondilatationen und Bypass-Operationen bei ihnen vorgenommen. Neue Studien belegen, dass die Sterberate nach Herzinfarkt bei Patienten mit geistiger Behinderung um 19 Prozent, bei Patienten mit Schizophrenie um 34 Prozent höher liegt als in Vergleichskollektiven. Dabei korreliert die erhöhte Sterberate eindeutig mit der verminderten Qualität der medizinischen Versorgung. Auch bei der Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen lassen sich Defizite erkennen. Klassische Risikofaktoren für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Hypertonie sind bei geistig Behinderten einerseits doppelt so häufig nachweisbar. Andererseits wurde bei Patienten mit geistigen Behinderungen in 88 Prozent nicht mit fettsenkenden, in 30 Prozent nicht mit Diabetes- und in 62 Prozent nicht mit antihypertensiven Medikamenten behandelt.

Ärzte Zeitung: Mit dem Programm des Internistenkongresses sprechen Sie wieder speziell die jungen Kollegen an ...?

Kolloch: Die Interdisziplinarität ist ein Thema, das gerade für die jungen Kollegen besonders attraktiv ist. Die jungen Kollegen wollen sich in der Regel erst einen Überblick über die Innere Medizin verschaffen, bevor sie sich für eine Spezialisierung entscheiden. Einen solchen Überblick bekommen sie in Wiesbaden perfekt präsentiert. Abgerundet werden die Angebote für die jungen Kollegen etwa durch die Veranstaltung "Chances", wo es ja um Themen wie Praxisniederlassung, integrierte Versorgung oder um andere aktuelle berufspolitische Fragen geht.

Ärzte Zeitung: Der Internistenkongress zieht die jungen Kollegen ja auch an, wie man jedes Jahr feststellen kann...

Kolloch: ... wobei das wissenschaftliche Programm das Eine ist. Das Andere: Für viele junge Kollegen ist der Internistenkongress zum jährlichen Treffpunkt geworden: Da ist was los, man trifft sich bei der Kunstoase, beim "Get together" am Dienstagabend. Das ist Party im positiven Sinne. Ich kenne Kollegen, die freuen sich jetzt schon drauf, am Dienstagabend in entspannter Atmosphäre einfach mal Spaß zu haben!

Ärzte Zeitung: Können Sie das auch, Herr Professor Kolloch, als Kongresspräsident am Dienstagabend entspannen?

Kolloch: Am Dienstagabend bestimmt! Da liegt dann nur noch ein halber Kongresspräsidenten-Tag, der Mittwochvormittag, vor mir .....

Das Interview führte Marlinde Lehmann

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