Ärzte Zeitung online, 07.06.2018

Antibiotikaresistenzen

Langfristig mehr Tote als bei Krebs

Gelingt es nicht, neue Antibiotika zu entwickeln, könnten Infektionen den Krebs als eine der wichtigsten Todesursachen ablösen, heißt es auf dem Hauptstadtkongress.

BERLIN. Auch wenn es in Deutschland gelungen ist, den Einsatz von Antibiotika in der Veterinärmedizin zwischen 2011 und 2016 auf 650 Tonnen zu halbieren, und trotz erheblicher Anstrengungen der Ärzte, in der Humanmedizin Antibiotika gezielt und sparsam einzusetzen, werden Infektionen ohne neue Wirkstoffe wieder zu einem tödlichen Risiko.

Sterben derzeit in Europa jährlich 25.000 Menschen an den Folgen einer Infektion, so könnten es nach neuesten Prognosen 390.000 im Jahr 2050 sein, so Professor Petra Gastmeier von der Charité am Donnerstag beim Hauptstadtkongress.

Geradezu dramatisch werde sich die Mortalität in Asien und Afrika entwickeln, weil dort Antibiotika sehr häufig ohne ärztliche Indikation von Patienten eigenverantwortlich eingesetzt werden. Dort wird mit 4,7 und 4,1 Millionen Toten im Jahr 2050 gerechnet.

Schon jetzt viele multiresistente Keime

Neben der Selbstmedikation ist das hohe Vorkommen schon jetzt multiresistenter Keime eine wesentliche Ursache.

Hinzu kommen Umweltverschmutzung und unzureichende Trinkwasserhygiene, weshalb auch Urlaub in Ländern wie China und Indien nicht ohne Risiko seien, so Professor Jochen Maas, Forschungsleiter von Sanofi-Aventis.

Nach jahrzehntelangem Beinahe-Stillstand in der Entwicklung neuer Antibiotika – Ursachen: geringes wirtschaftliches Interesse der Industrie an Akutarzneimitteln, Fehlannahme, dass Infektionen besiegt seien – werden nun neue Anstrengungen unternommen, weitere Antibiotika-Wirkstoffe zu finden.

Derzeit, so Maas, seien 30 neue Präparate in der Entwicklung, sechs davon sind neue Klassen, und zwei Wirkstoffe richten sich gegen gramnegative Erreger.

Das Problem: Über 99 Prozent der neu gestarteten Forschungsansätze scheiden im Zuge der Entwicklung aus und werden nicht marktreif. Als Folge werden die Kosten der Entwicklung auf rund eine Milliarde Euro beziffert. Dies erfordere im normalen Geschäftsmodell der Industrie einen Jahresumsatz von mindestens 600 Millionen Euro.

Absatzmöglichkeiten neuer Antibiotika sehr begrenzt

Die Besonderheit im Fall der neuen Antibiotika: Sie sollen ganz gezielt ausschließlich gegen resistente Keime eingesetzt werden – die Absatzmöglichkeiten sind daher sehr begrenzt. Als Folge dessen sucht die Industrie nach neuen Partnerschaften und auch nach öffentlicher Kofinanzierung.

In die Forschung selbst, so Maas, ist Bewegung gekommen. Zwar engagieren sich nur noch wenige der Big-Pharma-Unternehmen in der Antibiotikaforschung – wer es aber tut, der sucht alle nur denkbaren Kooperationen mit kleineren Spezialisten, Start ups oder auch der nichtindustriellen Forschung.

Eine wichtige Rolle spiele dabei auch die Innovative Medicine Initiative der Europäischen Union. (HL)

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