Ärzte Zeitung online, 16.04.2018

DGIM arbeitet Vergangenheit auf

Internisten, Nazizeit und junge Demokratie

Die DGIM arbeitet weitere Etappen ihrer Geschichte auf – von der Nazizeit bis hin zu den 68ern.

Von Christoph Fuhr

Internisten, Nazizeit und junge Demokratie

Erläuterte die Geschichte der DGIM: Professor Ulrich R. Fölsch.

© Sebastian Dunkel

Die Botschaft beim Internistenkongress 2015 war eindeutig und unmissverständlich: "Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin ist beschämt, weil sie 70 Jahre hat verstreichen lassen, bis ihr Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich untersucht und öffentlich gemacht wurde."

Mit Blick auf diese offen eingeräumten Defizite stellte die DGIM vor drei Jahren umfangreiche Forschungsergebnisse zur Nazizeit vor – und kündigte zugleich weitere historisch Analysen an.

Jetzt haben die Internisten in Mannheim zusätzliche Ergebnisse der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit veröffentlicht. Die gemeinsam mit Historikern fortgesetzten Untersuchungen umfassen die Zeit von 1933 bis 1970. DGIM Generalsekretär Professor Ulrich R. Fölsch stellte in Mannheim Ergebnisse und ein zum Kongress erschienenes Buch vor.

Zur Erinnerung: Alles begann im Jahr 2011. Die DGIM entschloss sich damals, ein Forschungsprojekt auf den Weg zu bringen, um die Rolle von Internisten in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten – die der Täter und der Opfer.

"Dabei ging es von Anfang an nicht darum, einzelne Personen zu brandmarken oder pauschal zu verurteilen. Vielmehr war es die Absicht, das in den eigenen Reihen nur verschwommen erhalten gebliebene historische Wissen schärfer zu konturieren", erklärt Fölsch das Anliegen der Fachgesellschaft.

Transparenz erwünscht

Wunsch des Vorstands war es, Transparenz herzustellen, um zu klären, wie es passieren konnte, dass sich auch eine Fachgesellschaft wie die DGIM sehr weitgehend einem Unrechtsregime unterworfen hat – mit fatalen Folgen für Kolleginnen und Kollegen: Jüdischen Ärzten wurde systematisch die Existenzgrundlage genommen – durch Entzug der Approbation, durch Drangsalierung und Vertreibung.

Die aktuelle Veröffentlichung bietet nach dem Auftakt vor drei Jahren Informationen über Aktivitäten der Fachgesellschaft vor und während des zweiten Weltkriegs und den Nachkriegsjahren. Dazu gehören auch die Konflikte in der Aufarbeitung der NS-Zeit durch Mitglieder der DGIM bis zu den 1968er-Jahren.

"Im Vorstand der DGIM war es uns ein Anliegen, es nicht bei einem Schlaglicht auf die Kriegsjahre zu belassen, sondern die bei der Fachgesellschaft liegende Verantwortung auch über die Jahrzehnte danach genau zu analysieren, durch Quellenrecherche aufzuarbeiten und für die Öffentlichkeit einsehbar zu belegen", sagt Kongresspräsident Professor Cornel Sieber.

Nach den ersten Forschungsarbeiten wurde die höchste Auszeichnung der Fachgesellschaft umbenannt. Sie trägt nicht mehr den Namen des in das NS-Regime verstrickten Gustav von Bergmann, sondern den des jüdischen Internisten Leopold Lichtwitz.

Ralf Forsbach/Hans-Georg Hofer: Internisten in Diktatur und junger Demokratie. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin 1933-1970. MWV Medizinisch-Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. Berlin 2018. ISBN 978-3-95466-373-6

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