Ärzte Zeitung, 25.02.2005

HINTERGRUND

"Die Symptome paßten sehr gut zu einer Drogenpsychose"

Von Nicola Siegmund-Schultze

Hypoxischer Hirnschaden, Zustand nach Reanimation, Polytoxikomanie und Verdacht auf Myokarditis: Diese Befunde waren auf dem Leichenbegleitschein vermerkt, als Pathologen der Universitätsklinik Mainz Mitte Februar eine Organspenderin untersuchten, die mit dem Tollwutvirus infiziert war (die "Ärzte Zeitung" berichtete). Anamnese oder Informationen über Auslandsaufenthalte und Ergebnisse der Laboruntersuchungen lagen nicht vor. Ein gravierender Mangel, kritisieren Pathologen.

"Generell ist die Krankengeschichte für die Pathologie sehr wichtig, und gerade in Zeiten des Massentourismus auch das Wissen darüber, welche Fernreisen aus den letzten Monaten von dem oder der Toten bekannt sind", sagt Dr. Jürgen Bohl, Neuropathologe an der Universitätsklinik Mainz. Er hat zunächst das Gehirn, später auch das Herz der Spenderin untersucht. Für die - wenn auch sehr seltene - Diagnose einer Tollwutinfektion sei normalerweise die Symptomatik das Entscheidende, erläuterte Bohl der "Ärzte Zeitung".

Der Pathologe hatte im Gehirn der Spenderin Negri-Körperchen gefunden und als erster den Verdacht geäußert, die Frau könne mit Tollwutviren infiziert sein. So kam der Fall ins Rollen, denn fast zeitgleich traten bei drei Organempfängern Symptome auf, die unter anderen zu einer Tollwutinfektion paßten. Später fand Bohl Entzündungszeichen an den Nerven des Herzens, die ebenfalls zum Neurotropismus des Rhabdovirus paßten. "Bei der Myokarditis hätte man vielleicht zunächst an Coxsackieviren gedacht", sagt Bohl. Herzsymptome sind für Tollwutvirusinfektionen nicht charakteristisch.

Die Spenderin war vor Eintreten des Hirntods in verschiedenen Kliniken gewesen wegen starker Kopfschmerzen und Bewußtseinstrübungen. Auch ein für die Frau untypisches aggressives Verhalten und Fieber sollen aufgetreten sein. "Die psychiatrisch-neurologischen Symptome paßten sehr gut zu einer Drogenpsychose", sagt Professor Peter Galle, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik I der Universität Mainz, wohin die Spenderin bereits im Koma liegend, eingeliefert wurde. Man habe auch an "ein infektiöses Geschehen im Gehirn gedacht", so Galle zur "Ärzte Zeitung". Deshalb sei mehrfach Liquor untersucht worden - ohne auffälligen Befund. Auf Tollwutviren wurde nicht getestet. Galle: "Das ist einfach zu selten". Auch der Verdacht Myokarditis habe sich zunächst nicht belegen lassen.

Aber sollten Organe übertragen werden von Spendern, die möglicherweise eine ungeklärte Infektionskrankheit haben? "Wir würden kein Organ annehmen, wenn auch nur der Verdacht auf ein unklares infektiöses Geschehen besteht", sagt Privatdozent Dr. Peter Sauer von der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg, der einem jungen Mann die Leber der Spenderin eingepflanzt hat. Sauer: "Aber es gab keinen Verdacht". Galle hält diese Aussagen für wenig realitätsnah. Es würden wegen des Organmangels auch Menschen mit ungeklärter Infektion als Spender akzeptiert. Der Empfänger der Leber in Heidelberg hat großes Glück: Er war gegen Tollwut geimpft.

Tollwut durch gespendete Organe - die Chronologie

Dezember 2004: Einer 26jährigen Organspenderin werden in Mainz Lunge, Nieren, Pankreas, Leber und Scleren entnommen. Im Oktober hatte sie Indien bereist.

16. 02.: Es wird bekannt: In Deutschland könnten sechs Organempfänger mit Tollwut infiziert sein.

19. 02.: Eine mit Tollwut infizierte Patientin (MHHannover), Empfängerin der Lunge, stirbt.

21. 02.: Ein zweiter Patient, Empfänger einer Niere, stirbt in Hannoversch Münden.

22. 02.: Der symptomfreie Empfänger der Leber (Heidelberg) war gegen Tollwut geimpft. Zwei Hornhautempfängern (Mainz) geht es gut.

24.02.: (bei Redaktionsschluß): Ein weiterer Patient, der eine Niere und das Pankreas bekommen hat, schwebt in Marburg weiterhin in Lebensgefahr. (eb)

Lesen Sie dazu auch den Hintergrund:
Wegen des Organmangels werden immer mehr Organe auch von intoxikierten Spendern akzeptiert

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