Ärzte Zeitung, 01.07.2008

Patientin mit Genitalverstümmelung - wie reagieren?

Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes will Ärzte informieren / Thema soll in Studium und Fortbildung berücksichtigt werden

KÖLN (las). Begegnen Ärzte das erste Mal in der Praxis Patientinnen, deren Genitalien verstümmelt wurden, könnten sie überfordert sein. So erging es auch der Frauenärztin Dr. Edith Bauer: "Ich war völlig konsterniert und überrumpelt." Eine 18-jährige Frau aus Somalia hatte die Medizinerin in ihrer Praxis aufgesucht, da sie ungewollt schwanger geworden war.

Bei der Untersuchung der Genitalien erschrak die erfahrene Gynäkologin. Die junge Frau war infibuliert: Ihre Genitalien waren entfernt und die Vagina bis auf eine kleine Öffnung zugenäht worden. "Ich war damals völlig unvorbereitet, was eigentlich nicht passieren darf", sagt Bauer. Seitdem leistet sie engagiert Aufklärungsarbeit, unter anderem für die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes.

In Deutschland leben nach Berechnungen von Terres des Femmes mehr als 20 000 Frauen, deren Genitalien verstümmelt wurden und rund 4000 Mädchen, die von Genitalverstümmelung bedroht sind. Die Menschenrechtsorganisation startet im November dieses Jahres eine Kampagne gegen die genitale Verstümmelung bei Mädchen und Frauen. Teil der Kampagne sind die Wanderausstellung ‚Sie versprachen mir ein herrliches Fest...‘ und die Performance "Liebe die Rose".

In Deutschland gibt es vermutlich über 20 000 betroffene Frauen.

Niedergelassene Ärzte will die Organisation gezielt ansprechen. "Den Medizinern fehlen Informationen", glaubt Franziska Gruber von Terre des Femmes. Die Menschenrechtsorganisation fordert die Aufnahme des Themas in die Aus- und Weiterbildung von Ärzten. "Zur Fortbildung kommen nur die Interessierten, im Studium müssen dagegen alle teilnehmen", erklärt Bauer. Ein bis zwei Vorlesungen genügten, um angehende Ärzte für die Praxis zu sensibilisieren.

Die gesundheitlichen Probleme nach der Genitalverstümmelung reichen von chronischen Schmerzen und Infektionen bis hin zu Inkontinenz und Unfruchtbarkeit. Im schlimmsten Fall stirbt die Betroffene an den Folgen des Eingriffs. Hinzu kommt, dass Patientinnen schwere psychische Traumata erlitten haben. Frauenärzte sollten das Thema bei der Anamnese ansprechen, um Beschwerden im Zusammenhang zu problematisieren, empfiehlt Bauer.

Generell sollten Ärzte beim Gespräch mit Betroffenen den Begriff "Beschneidung" vorziehen. "Stammt die Patientin aus einem afrikanischen Land, in dem es eine hohe Verstümmelungsrate gibt, kann der Arzt ganz undramatisch sagen, dass ihm die Beschneidung von Frauen in dem Land bekannt ist", sagt Bauer. "Und dann nachfragen, ob die Patientin auch beschnitten wurde."

Hausärzte sollten sich langsam an das Thema herantasten

Hausärzte können durch den langjährigen Kontakt mit Patienten junge Mädchen vor einer Beschneidung bewahren. "Wenn ein Arzt beispielsweise eine Somalierin mit zwei kleinen Töchtern behandelt, kann er sich über alltägliche Fragen an das Thema herantasten", empfiehlt Bauer. Durch Fragen zur Dauer des Aufenthalts, dem Wohnort der Großeltern und schließlich zur Einstellung zum Thema Genitalverstümmelung, könnte der Arzt einschätzen, ob für die Töchter der Patientin eine Gefahr besteht. "Das muss natürlich geübt werden, damit man nicht mit hochrotem Kopf herumstottert", so Bauer.

Terre des Femmes bietet eine mehrsprachige Aufklärungsbroschüre zum Thema an. Niedergelassene Ärzte können sie kostenlos bestellen und in der Praxis auslegen. Haben Mediziner Behandlungsfragen, rät Bauer, Kontakt zu Terre des Femmes oder der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe aufzunehmen.

Weitere Informationen im Internet unter www.terre-des-femmes.de

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