Ärzte Zeitung online, 21.11.2016
 

Spielerei oder bessere Vorsorge?

Forscher entwickeln virtuelles Baby-TV

Als könne man das Baby direkt greifen: Mit einer Virtual Reality-Brille sollen Ärzte ein ultra-detailliertes Modell eines Ungeborenen sehen. Kostspielige Sinnlosigkeit oder ein Mehrwert für die Untersuchung?

Forscher entwickeln virtuelles Baby-TV

Mit VR-Brille betrachtbar: das virtuelle 3D-Modell eines Fötus nach Aufnahmen eines MRT.

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Foto: Maureen Morley/ Radiological Society of North America/ dpa

CHICAGO. 3D-Ultraschall-Bilder vom ungeborenen Baby sind für viele werdende Eltern ein Muss. Eine neue Technik geht jetzt noch einen Schritt weiter: Aus Ultraschalldaten und MRT-Aufnahmen entsteht ein virtuelles 3D-Modell des Babys, das mittels Spezial-Brille in Virtual Reality (VR) betrachtet werden kann.

Brasilianische Ärzte wollen das Verfahren demnächst auf dem Jahrestreffen der Amerikanischen Radiologie-Gesellschaft in Chicago vorstellen.

Bessere medizinische Erkenntnisse?

"Das 3D-Fötusmodell kombiniert mit VR-Technologien kann unser Verständnis von den anatomischen Eigenarten des Fötus verbessern, für Lehrzwecke und auch von werdenden Eltern genutzt werden", sagt Heron Werner von der Klinik für diagnostische Bildgebung in Rio de Janeiro.

Aus den im MRT ermittelten Schichtaufnahmen wird dabei ein virtueller Körper aufgebaut, in dessen Profil die Ultraschall-Daten einfließen. Mit einer VR-Brille können Mediziner das Baby-Modell dann im Detail betrachten.

Vor allem die Lungenentwicklung könne so gut beurteilt werden, hieß es. "Das Verfahren bietet Bilder, die schärfer und klarer sind als Ultraschall- und MRT-Bilder auf traditionellen Displays."

Kritik am VR-Baby-TV

Nach Einschätzung von Prof. Eberhard Merz, Vorsitzender der Fetal Medicine Foundation Deutschland und Leiter eines der größten Ultraschallzentren, bietet die Methode kaum Mehrwert.

"Die Fälle, in denen zusätzliche MRT-Daten hilfreich sind, etwa um bestimmte Migrationsstörungen im Gehirn zu untersuchen, liegen im Promille-Bereich", sagt er. Eine solche Untersuchung sei mit 1000 Euro zudem etwa vier- bis fünf Mal so teuer wie ein Ultraschall.

Hinzu komme: Ein MRT in der Röhre bedeutet Stress für Mutter und Kind. Vor den sehr lauten Geräuschen sei das Ungeborene kaum zu schützen, sagt Merz. Zudem bewege sich ein Baby häufig, was MRT-Aufnahmen erschwere.

Während niedergelassene Gynäkologen meist 3D-Schall nutzen, sind an Ultraschallzentren in Deutschland mittlerweile auch sogenannte 4D-Verfahren verbreitet - ein 3D-Schall als Film. Noch bessere Einblicke bietet laut Merz eine Methode, bei dem drei bewegliche Geräte das Kind gleichzeitig aufnehmen. (dpa)

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Gynäkologie (5611)

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