Ärzte Zeitung, 14.09.2006

Kummerkasten, Prellbock und manchmal auch Lebensretter

Vor 50 Jahren hat der Arzt Klaus Thomas die Telefonseelsorge gegründet / 7000 ehrenamtliche Mitarbeiter / Zwei Millionen Anrufe pro Jahr

HAMBURG (dpa). Sie sind Kummerkasten, Prellbock, Spiegelbild und manchmal Lebensretter. Und ihr Lohn ist der Dank von Menschen, deren Verzweiflung, Angst, Liebeskummer oder Einsamkeit sie hin und wieder lindern können. 7000 ehrenamtliche Mitarbeiter der Telefonseelsorge kümmern sich jährlich um etwa zwei Millionen Anrufer.

Einfühlsame, sensible Zuhörer sind die Mitarbeiter der Telefonseelsorge wie Friederike Jordt in Bremen. Foto: dpa

Sie hören Frauen, Männern und Kindern zu, die keinen anderen Ausweg mehr wissen - anonym, kostenlos, rund um die Uhr und ohne Tabus. Seit inzwischen 50 Jahren existieren in Deutschland die Notfallnummern für Menschen in der Krise. Das Jubiläum wird am 16. September mit einem Festgottesdienst im Berliner Dom gefeiert.

Die 1956 vom Berliner Arzt, Pfarrer und Psychotherapeuten Klaus Thomas gegründete Telefonseelsorge ist längst nicht mehr nur eine "Lebensmüdenbetreuung". In Deutschland existieren 105 Einrichtungen, die meisten davon in gemeinsamer Trägerschaft von evangelischer und katholischer Kirche. Seit die Deutsche Telekom am 1. Juli 1997 die Kosten für sämtliche Gespräche übernommen hat, sind die Anrufe gebührenfrei.

In den Gesprächen am Telefon spiegeln sich die Probleme der Gesellschaft. Psychische Erkrankungen, Partnerschaftskrisen und Einsamkeit sind die häufigsten Themen. "Es ist auffällig, daß immer mehr psychisch Kranke anrufen", sagt Erich Biel, Leiter der Telefonseelsorge in Freiburg. "Die Gesellschaft verlangt ein hohes Maß an Durchsetzungsvermögen. Dem sind viele nicht gewachsen. Manche Menschen fallen durch alle sozialen Netze." Biel, seit 26 Jahren dabei, ist Theologe und Psychologe.

Fast zwei Drittel der Anrufer sind Frauen. Männer haben nicht weniger Probleme, aber sie sind scheuer als Frauen und anders gepolt, wie der 59jährige sagt. "Viele meinen, die Sache wird auch nicht besser, wenn ich darüber rede." Leichter tun sich Männer mit der Kommunikation via Internet. Dieses Angebot wird immer stärker genutzt, 2005 gab es 15 000 Kontakte.

Mit der Handyschwemme Ende der 90er Jahre explodierte die Zahl der Kinder, die sich telefonisch an Seelsorger wenden. "Es gibt sehr viele Kids, die sich einsam fühlen, trotz intakten Elternhauses und cooler Clique", erzählt Pastorin Friederike Jordt, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge in Bremen.

Sich einlassen, aber auch loslassen können - das verlangt Friederike Jordt von den Menschen, die sich als ehrenamtliche Telefonseelsorger ausbilden lassen. Zwölf Monate lang werden die Bewerber auf Herz und Nieren geprüft. "Die Menschen sind das Werkzeug am Telefon. Da ist es gut, wenn sie sich selbst kennen", sagt die 43jährige Ausbilderin.

Mancher hat selbst viel Leid erfahren und will nun helfen, es bei anderen zu lindern. Es sind aber nicht nur Menschen mit sozialen oder pädagogischen Berufen, die 12 bis 16 Stunden ihrer Freizeit pro Monat opfern, um anderen zu helfen. Erich Biel hat beobachtet, daß immer mehr Leute aus technischen Berufen "die andere Seite kennen lernen wollen".

Manche machen sich keine Vorstellung davon, was sie erwartet, sagt Biel. Zwar liege der Anteil suizidgefährdeter Menschen bei unter einem Prozent. "Aber eine Vielzahl der Anrufer gehört zu Hochrisikogruppen." Nicht immer gelingt es, verzweifelte Menschen vom Äußersten abzuhalten. Und das Erlebnis der Hilflosigkeit brennt sich ein.

Die Nummern der Telefonseelsorge: 08 00 / 111 0 111 oder 111 0 222, im Internet: www.telefonseelsorge.de

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