Ärzte Zeitung, 06.02.2004

Frühchen haben heute gute Überlebens-Chancen

Neonatologen sind gegen feste Grenzen bei der Intensiv-Versorgung / Betreuung in spezialisierten Zentren wichtig

Wo ist die Grenze zwischen Leben und Tod bei Frühgeborenen zu setzen? In Nachbarländern wie der Schweiz und den Niederlanden gibt es klare Vorgaben, Frühgeborene nach einer Schwangerschaftsdauer von unter 25 Wochen intensivmedizinisch nicht am Leben zu erhalten. Deutsche Neonatologen sehen dies differenzierter.

Von Ingeborg Bördlein

Eine behutsame Pflege mit Hautkontakt trägt zu einer günstigen Prognose von Frühchen bei. Foto: Uniklinik Heidelberg

Eine feste Grenze für die Überlebensprognose von Frühgeborenen halten deutsche Neonatologen für problematisch. Denn die Dauer der Schwangerschaft und die Reife des Ungeborenen lassen sich nicht genau bestimmen, und für die Reifung von Gehirn und Lunge können Wochen und sogar Tage von entscheidender Bedeutung sein, wie der Neonatologe Professor Otwin Linderkamp bei einem internationalen Symposium in Heidelberg berichtet hat.

So empfehlen neonatologische Gesellschaften in Deutschland, alle Frühchen mit 24 Schwangerschaftswochen intensivmedizinisch zu versorgen, Kinder mit 23 Wochen jedoch nur bei optimalen Überlebenschancen und mit 22 Wochen nur dann, wenn dies die Eltern ausdrücklich wünschen. In Heidelberg wird nach folgendem Schema differenziert:

  • Frühgeborene ab 24 Wochen Gestationsalter: uneingeschränkte Versorgung, etwa Kaiserschnitt-Entbindung, Reanimation, Intensivmedizin.
  • 23. bis 24. Woche: vitale Kinder (etwa stabiler Kreislauf) werden uneingeschränkt versorgt; bei den anderen wird die Entscheidung der Eltern respektiert.
  • 22. bis 23. Woche: Versorgung des Kindes nur auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern.
  • 21. Woche: keine Versorgung, da wegen fehlender Lungenreife ein Überleben nicht möglich ist.
  • 22. bis 25. Woche: Bei Kindern mit schwerer Hirnblutung oder massiver periventrikulärer Leukomalazie (Schädigung der weißen Substanz im Gehirn) kann die Intensivtherapie abgebrochen werden.

Die medizinische Entscheidung für oder gegen eine Therapie erfolge einstimmig durch die Abteilungsleiter, Oberärzte, Stationsärzte, Schwestern und Spezialisten, etwa Kinderneurologen, erläuterte Linderkamp. Dann werden die Eltern in Gesprächen mit den Problemen des Kindes und mit der medizinischen Entscheidung vertraut gemacht. Die Eltern entscheiden dann nach dem mutmaßlichen Willen des Kindes. Wird die Intensivtherapie abgebrochen, sollten die Eltern anwesend sein und das Kind in den Armen halten.

Die Prognose von Frühgeborenen, die mit 22 Schwangerschaftswochen geboren werden, ist schlecht: 70 Prozent sterben selbst bei optimaler Betreuung, und mehr als die Hälfte der Überlebenden ist stark behindert, besonders durch motorische Lähmungen, Krampfanfälle, kognitive Störungen oder Erblindung. Am Heidelberger Zentrum sind bisher fünf Kinder mit 22 Wochen betreut worden, drei sind gestorben. Von den beiden Überlebenden ist nach einem Jahr ein Kind offensichtlich gesund, eines ist behindert.

Im Gestationsalter von 24 Wochen überleben 80 Prozent

Ab der 23. Schwangerschaftswoche verbessert sich die Prognose schon deutlich. So haben von 1999 bis 2002 am Heidelberger Perinatalzentrum 13 von 22 Frühgeborenen mit einem Gestationsalter von 23 Wochen (59 Prozent) überlebt, ebenso 25 von 30 Frühgeborenen mit einem Gestationsalter von 24 Wochen (84 Prozent). Von den überlebenden Kindern hatten im Alter von ein bis vier Jahren 80 Prozent keine Schäden.

Ob es sinnvoll ist, ein Frühchen intensivmedizinisch zu versorgen, richtet sich nach medizinischen Kriterien wie Lungen- oder Gehirnreife. Juristen und Ethiker haben zudem als Entscheidungshilfe 1996 die "Einbecker Empfehlungen" entwickelt. Wenn das Kind zum Beispiel so schwer behindert ist, daß es später nicht bewußt kommunizieren kann, wird in Absprache mit den Eltern von einer intensivmedizinischen Versorgung abgesehen.

Unreife Frühgeborene sollten in einem Zentrum betreut werden

Sehr unreife Frühgeborene müssen auf jeden Fall in einem spezialisierten Zentrum betreut werden. Die Prognose hänge entscheidend davon ab, ob die Frühgeborenen von einem erfahrenen Team aus Ärzten und Pflegekräften rund um die Uhr versorgt werden.

Hier sei es die Aufgabe der betreuenden Frauenärzte, ihre Risikopatientinnen für Frühgeburten an Zentren zu schicken, die pro Jahr mehr als 100 Frühgeborene unter 32 Wochen Gestationsalter versorgen. Eine Frühgeburt könne heute bei 95 Prozent der Betroffenen vorausgesagt werden. In Deutschland würden aber immer noch zwei Drittel der Risikokinder nicht in spezialisierten Zentren geboren.

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