Ärzte Zeitung online, 08.11.2016
 

Versorgungsreport Adipositas

Warnung vor extremer Unterversorgung

Die Deutsche Angestellten Krankenkasse fordert, die Adipositas-Behandlung im GKV-Leistungskatalog vollständig aufzunehmen. Nur so lasse sich die Volkskrankheit eindämmen.

Von Susanne Werner

BERLIN. Menschen mit einer Adipositas werden offenbar viel zu selten konsequent behandelt. Dies geht aus dem aktuellen Versorgungsreport der DAK Gesundheit hervor. Nur 5,6 Prozent der betroffenen GKV-Versicherten nehmen demnach eine spezifische Behandlung in Anspruch.

Die Ausgaben der Kassen dafür sind jedoch gering. Angebote gibt es in der Regel nur für Selbstzahler. "Im GKV-Leistungskatalog fehlt es an einem geschlossenen Konzept zur Adipositas-Behandlung", kritisierte Professor Herbert Rebscher, Vorsitzender des DAK-Vorstands. Die Anreize zur Versorgung seien völlig falsch gesetzt. Wenn Kassen dies anbieten würden, wäre das "ein ökonomisches Harakiri".

Die DAK bezahlte laut Versorgungsreport 2015 lediglich einem Prozent ihrer Versicherten mit einer Adipositas-Diagnose eine Ernährungsberatung, eine multimodale Therapie wurde sogar nur 0,025 Prozent der betroffenen Versicherten auf Antrag erstattet. "Menschen mit Adipositas werden kaum im Rahmen der GKV-Regelversorgung behandelt", erklärte Hans-Dieter Nolting, Studienleiter und Geschäftsführer des Berliner IGES Instituts. Betroffene müssten viele Hürden nehmen und eine Behandlung größtenteils aus eigener Tasche zahlen.

Auch Adipositas-chirurgische Eingriffe zahlen die Kassen nur in Einzelfällen und nach eingehender Prüfung. Eine entsprechende Operation kommt jedoch nur für extrem adipöse Menschen mit einem Body-Mass-Index von über 40 in Frage. Deren Zahl lag laut Nolting 2014 bei 1,3 Millionen Menschen. Nur 9.225 von ihnen wurden auch operiert.

Rebscher mahnte, nicht weiter auf "Wunderpillen und Wunderdiäten" zu warten, sondern den GKV-Katalog, um die Adipositas-Versorgung zu erweitern. Nur wenn die Kosten erstattet und die Ärzte eine Behandlung konsequent anbieten würden, wären mehr Adipositas-Patienten zu erreichen. Diese Umstellung würde sich für alle Beteiligten rechnen. Mit einer optimierten Ernährungstherapie und einer breiteren Regelversorgung könnten 15 Prozent der Betroffenen geholfen werden. Sie würden an Lebensqualität gewinnen und könnten schwere Folgeerkrankungen eher vermeiden. Die GKV-Kosten dafür würden zunächst auf 1,28 Milliarden Euro ansteigen, anschließend aufgrund der besseren Versorgung wieder sinken.

[09.11.2016, 09:31:29]
Wolfgang P. Bayerl 
Schön, dass die GKV hier langsam aufwacht
und erkennt, dass Therapie nicht nur Geld kostet sondern auch Kosten senken kann.
Gleichzeitig handelt es sich hier nicht um die "schicksalhafte" Erkrankung, für die die Solidargemeinschaft haftet, sondern um sebstverursachte lifestyle - Folge, bei der nicht nur der Arzt, sondern auch der Patient "haftbar" sein muss. Nicht unähnlich dem Rauchen oder Trinken.
Hier ist eine pragmatische Bilanz zwischen Kostenbelastung und Kostenerstattung erforderlich.
Das kann nicht Aufgabe der Ärzte sein, die hier eher eine Feuerwehrfunktion erfüllen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, sondern das ist eine gesundheitspolitische Aufgabe, bei der der Kostenträger mit seiner Gesamt"statistik" die Argumente in der Hand hat.
Der vernünftige Bürger sollte in unserer ökonomisch diktierten neuen Welt also auch einen ökonomischen Vorteil durch seinen vernünftigen lifestyle haben. zum Beitrag »

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