Ärzte Zeitung online, 12.07.2017
 

Adipositas-Paradoxon

Koronarinterventionen vertragen Dicke besser als Dünne

Nach perkutaner Koronarintervention waren Übergewicht und Adipositas in einer Studie mit geringeren Sterberaten assoziiert. Die Gründe dafür sind unklar.

Von Robert Bublak

Koronarinterventionen vertragen Dicke besser als Dünne

Perkutane Koronarinterventionen: In einer britischen Studie hatten Übergewichtige im Jahr nach solchen Interventionen im Vergleich zu Normalgewichtigen ein um relative 30 Prozent niedrigeres Sterberisiko:

© lom123 / Fotolia

STOKE-ON-TRENT. Der langen Geschichte vom Adipositas-Paradoxon haben britische Kardiologen ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Darin steht: Übergewichtige haben im Vergleich zu Normalgewichtigen ein signifikant verringertes Sterberisiko nach einer perkutanen Koronarintervention.

Die Forscher um Dr. Eric Holroyd, Kardiologe an der Universitätsklinik der North Midlands in Stoke-on-Trent, haben dabei in einer Studie mit viel Fleiß Registerdaten von fast 350.000 Patienten ausgewertet, die sich von 2005 bis 2013 in einer Klinik des Vereinigten Königreichs (UK) einer Koronarintervention per Katheter unterzogen hatten (Am Coll Cardiol Intv 2017; 10: 1283).

Bezüglich des Body-Mass-Index (BMI) wurden drei Gruppen gebildet: <18,5; 18,5–24,9; 25–30; und > 30 kg/m2.

Übergewichtige mit niedrigeren Mortalitätsraten

Im Vergleich zur Referenzgruppe mit einem BMI zwischen 18,5 und 24,9 wiesen die Untergewichtigen durchweg höhere und die Übergewichtigen niedrigere Mortalitätsraten auf. Sie betrugen für die Mortalität ein Jahr nach dem Eingriff 14 Prozent (< 18,5), 6 Prozent (Referenzgruppe), 4 Prozent (BMI bis 30) und 3 Prozent.

Die Raten stiegen im Lauf der Zeit an, das Muster aber blieb erhalten. Nach fünf Jahren lagen die Anteile Gestorbener bei 53, 28, 20 und 19 Prozent.

Um nur ja keine Störgrößen zu übersehen, glichen Holroyd und Mitarbeiter ihre Berechnungen nach mehr als 20 Faktoren ab, darunter Alter, Geschlecht, Jahr des Eingriffs, Raucherstatus, aber auch diverse Parameter der Herzfunktion und kardial relevante Begleitkrankheiten.

Der paradoxe Schutzeffekt zu vieler Pfunde blieb dennoch erhalten, wenn er auch schwächer ausfiel als vor dem Abgleich. Nach einem Jahr war das Sterberisiko um relative rund 30 Prozent niedriger, nach fünf Jahren lag es relative 10 bis 20 Prozent niedriger.

Für die Untergewichtigen blieb die Mortalität während dieser ganzen Zeit bis ums Doppelte und darüber hinaus erhöht. Das Adipositas-Paradoxon trat im Übrigen auch unabhängig davon auf, ob die Intervention an den Kranzgefäßen in einer stabilen oder klinisch akuten Situation erfolgte.

Kein Paradoxon?

Hier mag man einwenden, das Paradoxon sei nicht paradox, weil Schlankere, wenn sie trotz Normalgewichts an den Kranzgefäßen erkrankten, im Allgemeinen schlimmer dran seien als dicke Menschen mit Koronarproblemen. Dem wissen Holroyd und Kollegen mit dem Hinweis auf die große Zahl von fast 90.000 Normalgewichtigen zu begegnen.

Das verdünne den Effekt schlechter Risiken, von denen wohl kaum die Mehrheit der Angehörigen dieser Gruppe betroffen gewesen sein dürfte. Völlig ausgeschlossen sind solche Einflüsse aber nicht.

Recht erklären, worauf das Adipositas-Paradoxon nach einer perkutanen Koronarintervention gründet, können die britischen Forscher ohnehin nicht. Sie ziehen zwar Ergebnisse von Tierversuchen heran, in denen dicke Ratten kleinere Infarkte gehabt hatten, womöglich aufgrund geringerer Reperfusionsschäden durch aktivierte protektive molekulare Signalwege.

Letztlich bleibt aber offen, worauf die angebliche paradoxe Assoziation von Übergewicht und geringerer Mortalität nach Koronareingriffen beruhen soll.

Adipositas-Paradoxon

» Übergewicht ist nach den Daten vieler klinischer Studien ein Risikofaktor für viele Krankheiten wie Diabetes, Herzinsuffizienz, KHK, Schlaganfall oder Brustkrebs.

» Paradoxerweise hatten in einigen epidemiologischen Studien bereits kranke Menschen mit erhöhtem BMI offensichtlich eine höhere Lebenserwartung als Normalgewichtige.

» Hinweise darauf gibt es bei Herzinsuffizienz, KHK, Hypertonie, pAVK, Diabetes und chronischem Nierenversagen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Adipositas-Paradoxon: Koronarinterventionen vertragen Dicke besser als Dünne

[13.07.2017, 13:48:47]
Thomas Georg Schätzler 
PCI und Adipositas-Paradoxon – abgeglichene Registerdaten nicht aussagekräftig!
Die Publikation "The Relationship of Body Mass Index to Percutaneous Coronary Intervention Outcomes: Does the Obesity Paradox Exist in Contemporary Percutaneous Coronary Intervention Cohorts? Insights From the British Cardiovascular Intervention Society Registry" von Eric W. Holroyd et al.
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1936879817305435
weist dieselben methodischen Schwächen wie frühere Publikationen auf.
Vgl. "Association of All-Cause Mortality With Overweight and Obesity Using Standard Body Mass Index Categories" (JAMA. 2013;309(1):71-82) und
"The obesity paradox in men versus women with systolic heart failure" (Am J Cardiol. 2012 Jul 1;110(1):77-82).

Es wurden einfach Register-Daten der britischen Gesellschaft für kardiovaskuläre Interventionen mit Mortalitätsdaten des Amtes für nationale Statistik von 2005 bis 2013 verwendet und abgeglichen ["Methods - Between 2005 and 2013, 345,192 participants were included. Data were obtained from the British Cardiovascular Intervention Society registry, and mortality data were obtained through the U.K. Office of National Statistics"].

Entscheidend war, dass neben Alter, Geschlecht, Jahr des Eingriffs, Raucherstatus und anderen Parametern der Herzfunktion nur kardial relevante Begleitkrankheiten berücksichtigt wurden, o h n e auf wesentliche andere konsumierende Erkrankungen wie z. B. präterminales Untergewicht, Systemkrankheiten, Tumorerkrankungen, COPD, pulmonale, kardio-renale Kachexie usw. einzugehen.

Eine multiple logistische Regressionsanalyse kann nur so gut differenzieren, wie die von den Autoren vorgegebenen Untergruppen: Ein BMI von kleiner als 18,5 bedeutet ein bereits pathologisches Untergewicht! Ebenso die 2. Gruppe, die mit 18,5 bis 24,9 vom Unter- bis zum Normalgewicht reicht ["Multiple logistic regression was performed to determine the association between BMI group (<18.5, 18.5 to 24.9, 25 to 30 and >30 kg/m2) and adverse in-hospital outcomes and mortality"].

Die BMI-Klassifikation der Universität Hohenheim sieht ein pathologisches Untergewicht beim BMI kleiner 20 (männlich) und kleiner 19 (weiblich) vor. Ein Normalgewicht bestehe beim BMI 20-25 (m) und 19-24 (w). Übergewicht beim BMI 25-30 bzw. 24-30. Adipositas beim BMI 30-40 (m+w). Massive Adipositas beim BMI >40 (m+w).
https://www.uni-hohenheim.de/wwwin140/info/interaktives/bmi.htm

Die Veröffentlichung von E. W. Holroyd (Am Coll Cardiol Intv 2017; 10: 1283) lässt nicht-kardiologische Ko-Morbiditäten und untergewichtige, konsumierende bis präfinale Zustände unreflektiert, welche eine allgemeine Sterbestatistik gar nicht abbilden kann. Der manipulativ gewählte "cut-off" bei einem pathologischen BMI von 18,5 entspricht z. B. bei einer Größe von 180 cm nur noch gut 58 kg.

Eine methodisch bessere Studie beschrieb kürzlich die Ärzte Zeitung unter http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/adipositas/?sid=939200
„Die Erkenntnis an sich ist nicht neu, dass Übergewicht, bzw. ein hoher Body-Mass-Index (BMI) das Risiko erhöht, an Herzkreislauf-Leiden zu erkranken. Wie erschreckend groß dieses Risiko ist, haben nun britische Forscher in einer groß angelegte Studie nachgewiesen. Dazu wurden insgesamt 16 Studien aus den USA und Europa mit über 120.000 Teilnehmern ausgewertet. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin "Lancet Public Health" veröffentlicht (dx.doi.org/10.1016/S2468-2667(17)30074-9).“

Man stirbt eben nicht an einem BMI oder ein Koronarintervention (PCI) , sondern eher mit einem abnehmenden BMI bei konsumierenden Tumorerkrankungen, kardialer, pulmonaler unr/oder renaler Kachexie, Altersdegeneration und -exsikkose bzw. allgemeinen alterungsbedingten Organ-Abbauprozessen. Deswegen spricht ein relativ hoher BMI mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen derartige präfinale Zustände und erhöht damit allenfalls relativ die PCI-Überlebens-Wahrscheinlichkeit.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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