Ärzte Zeitung online, 04.02.2014

Phase-II-Studie

Orale Immuntherapie lässt Erdnussallergiker hoffen

Keine Angst mehr vor Erdnüssen, das wünschen sich viele betroffene Allergiker. Mit einer sechsmonatigen Therapie könnte ihr Wunsch wahr werden. Doch Experten sind skeptisch.

Von Christopher Heidt

Orale Immuntherapie lässt Erdnussallergiker hoffen

Erdnuss - für nicht jeden ein Genuss.

© shutterstock

CAMBRIDGE. Für Erdnussallergiker gibt es bisher nur eine Therapie: die Karenz. Heftige Symptome bereits auf kleinste Mengen lassen sie die Hülsenfrucht zu Recht meiden.

An eine Immuntherapie ist nicht zu denken - oder doch? Bereits seit Längerem versuchen Forscher Erdnussallergiker zu desensibilisieren. In kleinen Dosen wollen sie das Immunsystem an die Allergene gewöhnen.

Kein ungefährliches Unterfangen. Immer wieder kam es im Rahmen von Studien zu heftigen Reaktionen unter den Probanden. Und dennoch: Die Versuche zeigten Wirkung. Die Toleranz gegenüber Erdnüssen ließ sich steigern, wenn auch nicht bei allen Probanden.

Für die Immuntherapie bei Erdnussallergie stellt sich also die Frage: Wie lassen sich die allergischen Reaktionen in Schach halten? Eine Antwort geben Dr. Katherine Anagnostou und ihre Kollegen vom Addenbrooke's Hospital im britischen Cambridge.

In einer randomisierten Placebo-kontrollierten Phase-II-Studie haben sie die Wirksamkeit einer oralen Immuntherapie für Kinder untersucht (The Lancet 2014; online 30. Januar).

800 Milligramm Erdnussprotein täglich

An der Studie nahmen 99 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sieben und 16 Jahren teil. 49 von ihnen erhielten in einer ersten Phase eine orale Immuntherapie. 50 Kinder wurden der Kontrollgruppe zugeteilt. In einer zweiten Phase erhielten auch 45 Kinder aus der Kontrollgruppe eine orale Immuntherapie.

Die orale Immuntherapie (OIT) bestand aus einer steigenden Dosis Erdnussmehl, das die Probanden zusammen mit ihrem Essen einnahmen. Die Verträglichkeit dieses Verfahrens hatte die Arbeitsgruppe in vorangegangenen Studien erprobt.

Über zwei Wochen erhöhten die Forscher die Proteindosis sukzessive bis auf 800 Milligramm (mg) am Tag. Nach der Einnahme blieben die Probanden für zwei Stunden unter klinischer Beobachtung. In der Folgezeit nahmen die Probanden ihre maximal tolerierte Dosis über 24 Wochen täglich ein.

Zu Beginn der Studie und nach Ende der ersten und zweiten Phase erhoben die Forscher die Erdnusstoleranz (no observed adverse effect level, NOAEL) der Probanden in einem doppelt verblindeten Placebo-kontrollierten Nahrungstest (double blind placebo controlled food challenge, DBPCFC).

Dabei wurde das Tolerieren einer Proteindosis von insgesamt 1400 mg als erfolgreiche Desensibilisierung gewertet - was in etwa dem Verzehr von zehn Erdnüssen entspricht.

Nach der ersten Phase erreichten 24 von 39 Kindern (62 Prozent) aus der OIT-Gruppe eine Desensibilisierung. In der Kontrollgruppe erreichte keiner der 46 verbliebenen Probanden eine Desensibilisierung. Darüber hinaus tolerierten 84 Prozent der Probanden in der OIT-Gruppe die tägliche Einnahme von 800 mg Erdnussprotein.

Nach der zweiten Phase, in der 45 Probanden aus der Kontrollgruppe eine OIT über sechs Monate erhielten, erreichten 54 Prozent der Probanden eine Toleranz von 1400 mg Erdnussprotein im Nahrungstest. 91 Prozent tolerierten die tägliche Einnahme von 800 mg Erdnussprotein.

Juckreiz, Bauchschmerzen, Übelkeit

Die vorderen Plätze der häufigsten Symptome unter der OIT belegten Juckreiz im Mund (81 Prozent), Bauchschmerzen (57 Prozent) und Übelkeit (33 Prozent). 22 Prozent der Probanden entwickelten ein Giemen, das mit inhalativen β2-Sympathomimetika und oralen Antihistaminika erfolgreich behandelt wurde.

Ein Proband griff in zwei Fällen zusätzlich zum Adrenalin-Autoinjektor. Und nicht alle Probanden beendeten die Therapie. Vier Probanden verließen die Studie wegen häufiger Reaktionen vorzeitig. Ein Proband gab anhaltende Symptome als Beendigungsgrund an.

Andere erreichten die angestrebte Tagesdosis nicht. Schwerwiegende Reaktionen wie Hypotonie traten nicht auf.

Die Autoren sehen in der OIT eine effektive und gut tolerierte Therapie für Kinder mit Erdnussallergie. Sie gehen aber auch davon aus, dass sich eine dauerhafte Desensibilisierung nur durch eine mehrjährige OIT erreichen lässt.

Mehrere Jahre wird es wohl auch dauern, bis die OIT Einzug in die klinische Routine hält. Das schlussfolgert Dr. Matthew Greenhawt vom Zentrum für Nahrungsmittelallergien der Universität Michigan in seinem Kommentar zur Studie.

Er bezweifelt unter anderem die klinische Relevanz der maximalen Dosis von 1400 mg im Nahrungstest. In anderen Studien seien weit höhere Dosen angestrebt worden.

Anagnostou verweist hingegen auf Erkenntnisse, dass zwei Drittel derjenigen, die 1400 mg tolerieren, auch 6000 mg Erdnussprotein vertragen.

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