Ärzte Zeitung online, 06.07.2017
 

Orthorexie

Von gefühlten Allergien

Der Mensch ist, was er isst. Ernährung kann aber auch zur Mode werden: Immer mehr Menschen verzichten hierzulande auf Grundnahrungsmittel – eine rätselhafte Entwicklung.

Von Ulrike von Leszczynski und Gisela Gross

Von gefühlten Allergien

Aus Angst vor Allergien verzichten immer mehr Menschen auf Grundnahrungsmittel.

© robynmac / Fotolia

BERLIN. Beim Kindergeburtstag oder beim Kochen mit Freunden kann es ganz schön kompliziert werden: Gluten-Unverträglichkeit, Laktose-Intoleranz, Nuss-Allergie – und bitte bloß keinen Zucker. Als Reaktion auf eine Einladung folgt nicht selten eine Leidensliste der Gäste. Leiden sie wirklich oder sind LebensmittelZipperlein einfach nur schick geworden? Soziologen und Ernährungswissenschaftler sind sich einig, dass die Anzahl der angeblichen Probleme mit Nahrungsmitteln in Deutschland zugenommen hat.

Die neue Mode treibt seltsame Blüten. Ein verzweifelter Vater kaufte für den Kindergeburtstag glutenfreie Muffins, weil er ohne Eier, Milch und Mehl keinen Kuchen backen konnte. "Die Tendenz, Ernährung zu problematisieren, ist in den vergangenen Jahren eindeutig stärker geworden", sagt Professorin Jana Rückert-John von der Hochschule Fulda. "Es gibt echte Lebensmittelallergien und Unverträglichkeiten. Aber es gibt auch einen rapiden Anstieg der gefühlten oder der behaupteten."

"Ernährungshypochonder"

Ernährungswissenschaftler und Buchautor Uwe Knop hat für Menschen, die der neuen Entwicklung folgen, einen wenig schmeichelhaften Namen: Ernährungshypochonder. Für ihn zählt dazu, wer ohne ärztliche Diagnose bestimmte Lebensmittel meidet. "Manchmal habe ich den Eindruck, Zucker ist das neue Heroin", ergänzt er spitz. Valide Zahlen zu dem neuen Trend gebe es nicht. Nur Einzelfälle, die erschrecken. So starb in Belgien ein Baby, weil die Eltern ohne Diagnose eine Laktose- und Glutenintoleranz vermuteten. Sie fütterten den kleinen Jungen monatelang nur mit Flüssigkeit aus Reis, Hafer, Quinoa und Buchweizen. Das unterernährte Kind dehydrierte.

Außer Frage steht: Nüsse, Äpfel, Meeresfrüchte oder Sellerie können bei Erwachsenen gesundheitliche Probleme auslösen. "Es sind die häufigsten Allergien gegen Lebensmittel", sagt Professorin Margitta Worm von der Berliner Charité. Statistisch gesehen treffen solche Allergien allerdings nur zwei bis drei Prozent der Erwachsenen. Damit sind die Beschwerden deutlich seltener als zum Beispiel Heuschnupfen mit rund 16 Prozent.

Kinder häufiger betroffen

Bei Kindern liegt die Quote der Nahrungsmittelallergien mit fünf bis sechs Prozent etwas höher. Allerdings gingen zum Beispiel Milcheiweißallergien bis zur Einschulung oft zurück, berichtet Worm. Noch geringer sind die Werte bei einer Unverträglichkeit gegen Gluten. Unter Zöliakie litten in Deutschland 0,9 Prozent der Bevölkerung, sagt die Medizinerin.

Ein Blick auf die Auswahl glutenfreier Produkte im Supermarkt und auf die wachsenden Marktanteile von Produzenten aber lässt eine Art plötzliche Massenepidemie vermuten. "Für mich als Soziologin ist es interessant, wenn Menschen sich so beschreiben – ob sie das nun haben oder nicht", sagt Rückert-John. "Es macht ganz offensichtlich etwas mit ihnen, und es geht um die Gründe dieser Selbstbeschreibung."

Knop vermutet eine Mischung aus Profilierung und Selbstdarstellung. Und damit eine ähnliche "Ich-Inszenierung" wie sie Wissenschaftler bereits beim Veganer-Hype beobachteten: Verzicht und Abgrenzung, um interessant zu bleiben. Für John hat die neue Mode soziale Effekte. "Man findet damit Anschluss und Verbündete. Wer keine Allergie oder keine Unverträglichkeit hat, der ist heute ja fast schon irgendwie langweilig."

Trotzdem wägt sie ab. Denn an sich sei es ein positiver Aspekt, dass die Menschen mehr über das Thema Essen nachdächten und redeten. "Doch es ist typisch deutsch, es so stark zu problematisieren." Für die Soziologin ist es vor allem die Wohlstandsgesellschaft, die den Menschen zu schaffen macht. "Es gibt eine hochgradige Unsicherheit, die mit diesem Überfluss einhergeht", sagt sie. Einmal gehe es um das Thema Gesundheit, also um all die Krankheiten, die mit Ernährung assoziiert würden. Zum anderen spielten negative Umwelteffekte eine Rolle - Tierhaltung, Flächenverbrauch, Folgen intensiver Landwirtschaft und globale Verflechtungen. "Und dann kommt der Punkt der eigenen Verantwortung dabei." Aus dieser Unsicherheit heraus fiele dann oft eine Entscheidung: Ich beschränke mich. Weniger ist mehr.

Was weniger – das ist vielleicht gar nicht so entscheidend. Der Aufdruck "frei von" scheint für Werbestrategen im Moment attraktiv zu sein. Auf Laktose-Intoleranz, unter der maximal ein Fünftel der Bevölkerung leidet, hat der der Markt reagiert - mit Kokos-, Soja-, Reis-, Hafer-, Mandel- oder Hanfmilch.

"Das sind Phänomene einer übersättigten Wohlstandsgesellschaft, die sich die Pathologisierung von Grundnahrungsmitteln wie Milch und Getreideprodukten leisten kann", sagt Uwe Knop dazu. Für den Handel aber sei es ein gutes Geschäft. "Glutenfreie Nudeln kosten 1,55 Euro, normale Nudeln 49 Cent."

Knop sieht im angesagten Lebensmittel-Verzicht – und dem Spott darüber – aber ein ganz neues Problem. "Die echten Allergiker leiden darunter, dass viele ihr Problem nicht mehr ernst nehmen. Das ist wie eine Desensibilierung der Gesellschaft." (dpa)

[06.07.2017, 10:56:55]
Irene Gronegger 
Gluten - es ist kompliziert
Dass man nur bei Zöliakie eine Gluten-Unverträglichkeit hat, ist möglicherweise nicht ganz richtig. Die Charité forscht zum Beispiel zu einer möglichen Glutensensitivität bei Reizdarm-Patienten.

Hinzu kommt, dass manche Heilpraktiker und auch einige Ärzte seit einigen Jahren auf dubioser Grundlage behaupten, bei der recht weit verbreiteten Hashimoto-Thyreoiditis sei Gluten generell schädlich. Hier hat man offenbar einen Hype übernommen, der von einem Ratgeberbuch aus den USA begründet wurde. Aber sogar dieser fragwürdige Trend hat manchen Menschen geholfen, wenn sie zufällig zu denen gehören, die Gluten tatsächlich nicht gut zu vertragen scheinen.

Es gibt jedenfalls einige Unverträglichkeiten, die nicht medizinisch getestet werden können, zum Beispiel auf Phytinsäure. Hier müssen Betroffene selbst beobachten, was sie vertragen und was eher nicht, und Ärzte dabei beraten, wie man das herausfindet.

Freundliche Grüße
Irene Gronegger
Ratgeber-Autorin zum Beitrag »

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