Ärzte Zeitung, 24.01.2008

HINTERGRUND

Verstärkte Atemnot außerhalb der Arbeitszeit - das schließt ein Berufsasthma nicht aus

Von Ingrid Kreutz

 Verstärkte Atemnot außerhalb der Arbeitszeit - das schließt ein Berufsasthma nicht aus

Aus einer allergischen Rhinitis, etwa wegen Pollen, kann sich bei Bäckern rasch ein Asthma entwickeln.

Foto: dpa

Patienten mit Heuschnupfen haben bekanntlich ein erhöhtes Risiko für Asthma bronchiale. Sollten Jugendliche mit Pollenallergie deshalb die Finger von Berufen lassen, die das Asthma-Risiko zusätzlich erhöhen, also besser nicht Bäcker oder Friseur werden? "Nein, das wäre übertrieben", sagen Experten wie der Arbeitsmediziner Professor Dennis Nowak vom Klinikum der LMU München. "Allerdings sollte man Jugendlichen, die bereits Asthma haben, von Berufen mit hohem Asthma- Risiko abraten, um die weitere Prognose nicht zu verschlechtern."

Neun bis 15 Prozent aller Asthma-Erkrankungen sind berufsbedingt. Allergene am Arbeitsplatz wie Mehle, Tierepithelien, Farben und Metalle lösen häufig Asthma aus oder verschlimmern ein bereits bestehendes Asthma. Experten raten daher zur Vorsicht bei der Berufsberatung von Jugendlichen mit Allergien. "Wir sollten dabei aber nicht übervorsichtig sein", sagte Nowak beim Pneumo-Update in Wiesbaden.

Häufige LUFU-Kontrollen bei Asthmatikern

Seine Begründung: Menschen mit allergischer Rhinitis bekommen zwar häufig ein Bäckerasthma. Aber nach der derzeitigen Datenlage müssten sechs Jugendliche mit allergischer Rhinitis von ihrem Traumberuf ferngehalten werden, um einen Fall von Bäckerasthma zu verhindern. "Das sollten wir nicht tun", so Nowak bei der von Nycomed unterstützten Veranstaltung. Wichtig sei es jedoch, dass etwa Jugendliche mit Heuschnupfen, die eine Bäckerlehre beginnen, regelmäßig untersucht würden, damit ein Asthma frühzeitig erkannt und der Allergenkontakt rasch unterbunden werden könne. In den ersten zwei bis drei Berufsjahren sollten deshalb halbjährlich und später sollte jährlich eine ausführliche Anamnese und eine Lungenfunktionsprüfung erfolgen.

Klinisch unterscheidet sich ein Berufsasthma nicht wesentlich vom nicht-berufsbedingten Asthma. Die Diagnostik sollte sich daher nach den allgemeinen Leitlinien richten, empfehlen Experten. Es ist jedoch zu beachten, dass die Symptome beim Berufsasthma häufig in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden und nicht so sehr während der Arbeitszeit auftreten.

Viele Berufstätigkeiten erhöhen das Asthmarisiko
Gefährdung vorrangig durch immunologisch wirkende Arbeitsstoffe Gefährdung vorrangig durch chemisch-irritativ oder toxisch wirkende Arbeitsstoffe
Bäckerei Schweißen
Konditorei Sägerei
Mühle Kunststoffherstellung und -verarbeitung
Landwirtschaft Lötarbeiten
Gärtnereiarbeit Elektroindustrie
Plantagen-, Dock- und Lagerarbeit Galvanisierungsbetriebe
Obstverwertung Metallveredelung
pharmazeutische Industrie Zementherstellung und -verarbeitung
Veterinärwesen Herstellung von Polyisocyanaten
Herstellung von Polyisocyanaten Färberei
Möbelindustrie Textil- und chemische Industrie
Friseurbetriebe Desinfektionsmittel
Quelle: Novak, Tabelle: ÄRZTE ZEITUNG

Außerdem verstärken sich die Beschwerden beim berufsbedingten Asthma häufig nicht nur am Arbeitsplatz infolge der Allergenexposition, sondern etwa auch beim Sport oder durch Passivrauchen. Und außerhalb der Arbeit sind die Asthma-Symptome oft stärker als bei der Arbeit. "Wichtig ist, dass wir diesen von Patienten oft nicht wahrgenommenen Kausalzusammenhang erfragen", so Novak. Ein starker Hinweis auf Berufsasthma sei, wenn die Patienten bejahten, dass die Atemwegsbeschwerden während der Ferien oder an arbeitsfreien Tagen geringer sind. Auch wenn die normale Spirometrie bei anamnestischen Verdacht auf ein Berufsasthma keine pathologischen Werte liefert, ist diese Krankheit nicht ausgeschlossen.

Bei der weiteren Klärung hilft nach Angaben von Novak zunächst ein unspezifischer Provokationstest, zum Beispiel mit Methacholin möglichst am Ende einer Arbeitswoche. Oft sei es auch hilfreich, konsiliarisch einen Arbeitsmediziner hinzuzuziehen. Als Goldstandard zur Sicherung der Diagnose gilt vielfach noch ein spezifischer Provokationstest mit dem verdächtigen Allergen. Eine Alternative ist das elektronische Lungenfunktionsmonitoring über mindestens drei Wochen mit  oder ohne Arbeitsplatz-Exposition gefolgt von einer Lungenfunktionsdiagnostik am Arbeitsplatz im Vergleich zur Diagnostik an einem Tag ohne Exposition.

Erkrankung persistiert oft trotz Allergenkarenz

Bei Beschäftigten mit gesichertem Berufsasthma sollte der Kontakt mit dem relevanten Allergen möglichst rasch unterbunden werden, sagte Novak. Allerdings: Bei den meisten der Betroffenen persistiert die asthmatische Erkrankung trotz Allergenkarenz, und häufig bleibt nach neuen Studiendaten eine unspezifische Atemwegsüberempfindlichkeit bestehen. So wurde in einer Studie mit 156 Patienten mit Berufsasthma die Lungenfunktion - beurteilt nach der Einsekundenkapazität (FEV1) - geprüft. 21 Patienten waren durch hochmolekulare Auslöser wie Mehle und Tierepithelien und 35 durch die zunehmend am Arbeitsplatz verbreiteten Isocyanate erkrankt (Thorax 61, 2006, 751). Im Jahr vor der Jobaufgabe reduzierte sich die FEV1 um im Mittel 101 ml / Jahr. Nach dem Ausstieg aus dem Job betrug der FEV1-Abfall noch 26,6 ml /Jahr.

Weitere Infos zu Berufsasthma gibt es bei der Gestis-Stoffdatenbank unter www.hvbg.de/d/bia/gestis/stoffdb/ index.html sowie bei der Gefahrstoffdatenbank der Berufsgenossenschaft der Chemischen Industrie unter www.gischem.de. Formulare, um einen Verdacht auf Berufskrankheiten an den Landesgewerbearzt oder den Unfallversicherungsträger zu melden, gibt es unter: www.hvbg.de

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