Ärzte Zeitung, 16.03.2004

HINTERGRUND

Häufige Atemaussetzer während des Schlafes verschlechtern viele internistische Erkrankungen

Von Thomas Meißner

Haben Sie Ihre Hypertonie-Patienten schon mal gefragt, ob sie nachts schnarchen? Denken Sie bei erfolgloser Behandlung eines Patienten mit gastroösophagealem Reflux auch an eine Atemtherapie, etwa mit dem Continuous Positive Airway Pressure (CPAP), der assistierten Beatmung mit kontinuierlich positivem Atemwegsdruck?

Es gibt immer mehr Hinweise darauf, daß zwischen Atmungsstörungen während des Schlafes und vielen internistischen Erkrankungen eine pathophysiologische Verbindung besteht. Die nächtlichen Atemaussetzer bewirken nicht nur Veränderungen der Blutgas-Konzentrationen und die typischen Weckreaktionen (Arousals) mit Abgeschlagenheit am nächsten Tag, berichtete Privatdozent Dr. Hans-Werner Duchna aus Bochum. Vielmehr verändert sich die Feinabstimmung im autonomen Nervensystem, der Sympathikotonus erhöht sich. Hinzu kommen komplexe Störungen im Mikrostoffwechsel des Gefäßendothels. Entzündungsmediatoren werden verstärkt ausgeschüttet, die Hämostase wird gestört, die Vasoreaktivität ist eingeschränkt.

Schlafapnoe beeinflußt auch Lipide und Insulinsensitivität

Zudem scheint die obstruktive Schlafapnoe einen unabhängigen Einfluß auf den Lipidstoffwechsel und die Insulinsensitivität zu haben. Dies alles sind Faktoren, die letztlich die Atherosklerose fördern.

Werden die Atmungsstörungen während des Schlafes beseitigt, kann sich das positiv auf die jeweilige Grunderkrankung auswirken, etwa eine Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern oder einen gastroösophagealen Reflux, hieß es beim Pneumologen-Kongreß in Frankfurt/Main. Und bessert sich die Grunderkrankung, besteht die Chance auf Rückgang der Schlafapnoe.

Nach Meinung von Professor Kurt Rasche aus Wuppertal und anderen Pneumologen gehören daher Fragen nach Tagesmüdigkeit, nach Schnarchen oder Schlafstörungen zu jeder Routine-Anamnese. Denn inzwischen werden auch Zusammenhänge zwischen der obstruktiven Schlaf-apnoe und der Hypertonie gesehen. So sei das Hypertonie-Risiko bei mehr als 15 Atempausen pro Stunde dreifach höher als bei Menschen ohne Atemstörungen, so Duchna.

Viele dieser Zusammenhänge müssen noch genau geklärt werden. Dennoch hat das, was bereits bekannt ist, therapeutische Konsequenzen. So seien in zwei Studien mit der CPAP-Therapie bei medikamentös optimal behandelten Herzinsuffizienz-Patienten die linksventrikuläre Auswurffraktion und die Lebensqualität verbessert worden, berichtete Duchna. Bei Patienten mit Vorhofflimmern und Schlafapnoe reduziert CPAP die Zahl der Rückfälle. Umgekehrt kann die Herzschrittmacher-Implantation bei Patienten mit Sinusbradykardien auch die Schlafapnoe vermindern.

Werden Diabetiker mit Schlafapnoe über ein Vierteljahr regelmäßig mit CPAP behandelt, verstärkt sich die Insulinsensitivität signifikant und anhaltend, wie unter anderem eine kürzlich publizierte Studie mit 40 Diabetikern aus Erlangen ergeben hat. Allerdings seien nicht immer positive Auswirkungen auf die Stoffwechsellage festzustellen, so Privatdozent Dr. Rumo D. Leistner aus Nürnberg. Zudem wirke die Therapie nicht bei Patienten mit Adipositas.

Gastroenterologen sollten bei Refluxpatienten, denen eine Therapie nicht hilft, auch mal an die Möglichkeit eines obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms denken. Nach Angaben von Rasche haben Patienten mit obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom zwei- bis dreimal häufiger einen gastroösophagealen Reflux als Gesunde. Die Inzidenz bei obstruktiver Schlafapnoe wird zwischen 20 und 65 Prozent angegeben. Die Apnoe-bedingte Hypoxämie und Hyperkapnie führten zu einer Drucksenkung im unteren Ösophagussphinkter. Die nächtlichen Weckreaktionen und die Liegeposition erhöhten zugleich den abdominellen Druck, so Rasche.

In einer kontrollierten Studie mit 330 Schlafapnoe-Patienten kam es mit der CPAP-Therapie zu einer fast 50prozentigen Verminderung der Reflux-Symptomatik. In einer anderen Studie reduzierte die CPAP-Methode sogar bei Patienten ohne Schlaf-
apnoe die Refluxsymptomatik.

Nierenkranke haben häufig im Schlaf Atemstörungen

Auch bei Nierenkranken sind nach Angaben von Professor Bernd Sanner aus Wuppertal schlafbezogene Atmungsstörungen überdurchschnittlich häufig. Es gebe einen Anhalt für einen kausalen Zusammenhang. So führe die metabolische Azidose bei Niereninsuffizienz mit ventilatorischer Kompensation zum Absinken des CO2-Partialdruckes im Blut bis zur Apnoeschwelle. Bei Dialyse-Patienten bedeuten schlafbezogene Atmungsstörungen einen relevanten kardiovaskulären Risikofaktor.

Informationen zur Schlafapnoe im Internet: www.schlaf-portal.de, www.schlafapnoe.de

FAZIT

Atmungsstörungen während des Schlafes sind ein anerkannter Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen. Aber auch andere internistische Krankheiten gehen überdurchschnittlich häufig mit einem Schlafapnoe-Syndrom einher. Fragen nach Tagesmüdigkeit, Schnarchen oder Schlafstörungen sollten daher zur Standard-Anamnese gehören. Eventuell ist eine Schlafapnoe-Diagnostik bei einem Pneumologen indiziert. Die Atemtherapie hat manchmal unerwartet gute Auswirkungen auf die Grunderkrankung. (ner)

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