Ärzte Zeitung, 23.09.2013
 

DGN-Kongress

Tanzen bannt Demenz-Gefahr

Was tun bei ersten Gedächtnisstörungen? Körperliches plus geistiges Training kann die Hirnleistung verbessern und vielleicht sogar eine Demenz hinauszögern - allerdings nicht bei allen Betroffenen.

Von Thomas Müller

Tanzen bannt Demenz-Gefahr

Tanzen fordert Körper und Geist und verringert offenbar Gedächtnisstörungen. Trainiert werden Muskulatur und Koordinationsfähigkeit.

© Young/fotolia.com

DRESDEN. Ältere Patienten mit ersten Gedächtnisstörungen (mild cognitive impairment, MCI) haben ein hohes Risiko, eine Demenz zu entwickeln.

Etwa ein Zehntel der Betroffenen erkrankt jährlich an einer klinisch manifesten Demenz. Da es für Patienten mit MCI derzeit keine zugelassenen Therapien gibt, stellt sich für Ärzte oft die Frage, was sie den Betroffenen anbieten oder empfehlen können.

Offenbar ist es nicht falsch, sie zu mehr körperlicher Bewegung und geistiger Aktivität zu motivieren. Damit lässt sich das Gedächtnis spürbar bessern. Darauf hat Professor Notger Müller vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Magdeburg hingewiesen.

Ohne Training nahm Leistung kontinuierlich ab

Ältere Studien, so Müller beim DGN-Kongress in Dresden, hatten bereits gezeigt, dass die Kombination von Sport mit einem speziellen kognitiven Training am besten geeignet ist, um die geistige Leistung älterer gesunder Menschen zu verbessern.

So ließ sich in einer Untersuchung mit 375 älteren und noch kognitiv gesunden Personen die geistige Funktion nur dann steigern, wenn die Teilnehmer sowohl geistig als auch körperlich beansprucht wurden.

Erhielten sie nur ein kognitives oder nur ein körperliches Training, konnten sie das kognitive Niveau allenfalls stabilisieren, nicht aber verbessern.

Ohne jegliches Training nahm die Leistung über einen Zeitraum von fünf Jahren hingegen kontinuierlich ab.

Müller und sein Team wollten nun schauen, ob Patienten mit MCI in ähnlicher Weise von einem kombinierten Training profitieren - und vor allem auch, welchen Patienten das Training nutzt.

Studie mit 40 Teilnehmern

Zunächst suchten sie in Zeitungsanzeigen Personen mit subjektiven Gedächtnisstörungen, aber ohne neurologische oder psychiatrische Vorerkrankungen. 40 Personen mit einem MMST-Wert von 24 bis 28 Punkten konnten sie für die Studie gewinnen.

Die Hälfte erhielt sofort das kombinierte Training, die Übrigen kamen auf eine Warteliste und dienten in der Zwischenzeit als Kontrollgruppe.

Über zwölf Wochen hinweg trafen sich die Teilnehmer einmal wöchentlich zu einem 90-minütigen kognitiven Training, das besonderen Wert auf Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernstrategien legte.

Ergänzt wurde das Programm durch psychomotorische Übungen mit dem Schwerpunkt auf Gleichgewicht, motorische Koordination und Flexibilität.

Zusätzlich bekamen die Teilnehmer Hausaufgaben auf - sie sollten also in der übrigen Zeit selbstständig weitertrainieren. Bei allen Teilnehmern bestimmten die Forscher zudem eine Reihe von Biomarkern.

Die Ergebnisse: Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten die trainierten Teilnehmer nach zwölf Wochen ein signifikant besseres visuelles und verbales Gedächtnis.

Sollten sie sich etwa bestimmte Wörter merken, konnten sie diese sowohl unmittelbar als auch verzögert besser wiedergeben, berichtete Müller.

Volumen des Hippocampus wuchs durch Training

Interessant war auch die Analyse der Biomarker. So profitierten offenbar nur Teilnehmer mit einem initial hohen Serumspiegel von Brain Derived Neurotrofic Factor (BDNF) von dem Training.

Die Werte des Neuroplastizitätsmarkers sind bei Alzheimerpatienten deutlich erniedrigt. Bekannt ist auch, dass sich BDNF- Konzentrationen durch Sport steigern lassen.

Möglicherweise ist bei MCI-Patienten mit niedrigen BDNF-Werten ein noch intensiveres Training nötig, um einen positiven Effekt zu erzielen, sagte Müller.

Als positive Wirkung des Trainings konnten die Forscher auch eine geringe Zunahme des Hippocampusvolumens beobachten. Dies lässt hoffen, dass die Entwicklung einer Demenz etwas verzögert wird, was aber noch in längeren und größeren Studien zu prüfen wäre.

Sollten MCI-Patienten also häufiger Schach spielen und Rad fahren? Müller empfahl vor allem Tätigkeiten, die Körper und Geist beanspruchen.

Krafttraining ist da wohl als Sport weniger geeignet, viel besser seien körperliche Aktivitäten, bei denen auch das Gehirn beansprucht wird. Tanzen sei besonders gut, weil es auch die Koordinationsfähigkeit trainiert.

[23.09.2013, 13:23:26]
Dr. Horst Grünwoldt 
Tanzen
Gewiß ist das Tanzen, zumal mit Partner, eine der angenehmsten Bewegungs-Arten. Wenn zwei Zugeneigte dann noch rythmisch und getragen von einer schönen Melodie sich über´s Parkett gleiten lassen, dann ist das nicht nur eine muskuläre, sondern auch neuronale Beanspruchung. Ganz abgesehen vom sportlichen Leistungs-Tanzen.
Doppelt schön ist -wie jetzt Neurowissenschaftler herausgefunden haben- daß man damit nicht nur körperlichen Gebrechen, ja sogar Demenzen vorbeugen kann.
Für mich persönlich war das Tanzen immer schon die schönste Art als Mann eine Frau zu umarmen! (La plus belle fac,on d´ambrasser une femme c´est pour moi a dancer avec elle la waltz musette ou le tango, HG)
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock  zum Beitrag »

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