Ärzte Zeitung online, 07.04.2017
 

Beginnende Demenz

Screeningtest "MoCA" spürt leichte kognitive Defizite auf

Mit dem "Montreal Cognitive Assessment" wird eine beginnende Demenz präziser erkannt als mit dem "Mini-Mental-Status-Test". Auch die Kurzform liefert brauchbare Resultate. Allerdings sagen Kognitionstests wenig über die Fahrtauglichkeit.

Von Thomas Müller

Screeningtest „MoCA“ spürt leichte kognitive Defizite auf

Kognitionstests: Für den MoCA müssen zehn bis 15 Minuten veranschlagt werden.

© Alexander Raths / stock.adobe.com

MAINZ. Der "Mini-Mental-Status-Test (MMST)" zählt nach wie vor zu den wichtigsten Kognitionstests, vor allem wenn es um die Einteilung von Demenzstadien und die Zulassung von Medikamenten geht. Allerdings ist er gerade beim Übergang von einer normalen Kognition in eine Demenz nicht empfindlich genug, erläuterte Professor Jörg Schulz vom Universitätsklinikum Aachen.

In einer Metaanalyse kognitiver Screeningtests schnitt das "Montreal Cognitive Assessment (MoCA)" verglichen mit dem MMST beim Aufspüren leichter kognitiver Defizite deutlich besser ab, sagte Schulz bei der Fortbildungsveranstaltung Neuro Update in Mainz. So erreichte der MMST bei MCI-Patienten nur eine Spezifität von 62 Prozent, das MoCA hingegen von 89 Prozent. Der Test prüft Orientierung, Erinnerung, Sprache, Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen. "Damit ist er auch bei der Differenzialdiagnose dem MMST überlegen", so der Experte.

Für das MoCA müssen etwa 10–15 Minuten veranschlagt werden, maximal möglich sind 30 Punkte, Werte über 26 gelten als normal, der Test ist frei verfügbar (www.mocatest.org).

MoCA-Kurzform genügt meist

Ein Team um Dr. David Roalf von der Universität in Philadelphia hat über eine Auswertung von 1850 MoCA- Datensätzen geschaut, ob sich der Test bei vergleichbarer Sensitivität noch etwas straffen lässt (JNNP 2016; 87: 1303-1310). Die Daten stammten unter anderem von rund 350 Alzheimerkranken, knapp 120 Patienten mit MCI, 700 mit Parkinson, 100 mit Parkinsondemenz sowie fast 200 gesunden Älteren. Die MoCA-Werte betrugen bei den Alzheimerkranken im Mittel 14 Punkte, bei den übrigen lagen sie noch über 20 Punkten. Die Forscher um Roalf suchten nun die Aufgaben mit der besten Trennschärfe heraus.

Insgesamt kamen sie auf acht Testfragen, mit denen sich ähnlich gute Resultate erzielen lassen wie mit der MoCA-Langform. Sie bestehen aus einem Test fürs Uhrenzeichnen, einer Gedächtnisprüfung (vier Wörter werden nach einiger Zeit wiederholt), einer Rechenaufgabe mit serieller Subtraktion (100 minus 7 minus 7 …), der Benennung von Ort, Zeit und Datum, einer Wortfindungsübung (Nashorn auf Abbildung benennen), einem Zahlen-Buchstaben-Verbindungstest sowie einer Übung zur Wortflüssigkeit (möglichst viele Wörter in einer Minuten benennen, die mit "K" beginnen). Damit ließ sich eine MCI bei 84 Prozent der Betroffenen feststellen, eine Alzheimerdemenz bei 96 Prozent (Spezifität: jeweils 86 und 93 Prozent). Patienten mit Parkinsondemenz lassen sich damit jedoch nur schwer von Parkinsonkranken ohne Demenz abgrenzen (Sensitivität/Spezifität: 63/69 Prozent).

Um zu entscheiden, ob jemand noch fahrtauglich ist, nützen Tests wie das MoCA aber wenig. Sie können allenfalls grobe Anhaltspunkte liefern. Darauf deutet eine Analyse von 243 Personen, die von Ergotherapeuten und Fahrlehrern untersucht wurden (JNNP 2016; 87: 567-568). Die Teilnehmer litten an den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas oder Schlaganfalls, hatten eine Demenz, eine MS oder Parkinson. 81 von ihnen waren nach dem Urteil der Experten noch fahrtauglich, 54 nicht. Bei den übrigen waren weitere Tests nötig um, die Fahrtauglichkeit festzustellen.

Keine Aussage zur Fahrtüchtigkeit

Alle absolvierten zudem ein MoCA. Bei den Fahrtauglichen lagen die Werte zwischen 12 und 30 Punkten, bei den nicht mehr fahrtauglichen zwischen 4 und 28 Punkten. Bei Werten über 27 Punkten könne man also recht sicher sein, dass die Fahrtauglichkeit nicht durch kognitive Probleme beeinträchtigt sei, bei Werten unter 12 Punkten, die den Übergang von einer leichten in eine moderate Demenz markieren, sei davon auszugehen, dass die Betroffenen nicht mehr fahren können, sagte Schulz. In dem großen Bereich zwischen 12 und 27 Punkten – also bei MCI und leichter Demenz – sei per MoCA jedoch keine Aussage zur Fahrtüchtigkeit möglich. Diese lasse nur über eine Fahrtauglichkeitsprüfung ermitteln.

[09.04.2017, 20:42:26]
Thomas Georg Schätzler 
MCI - als Akronym?
Die Publikation mit dem Akronym: "Defining and validating a short form Montreal Cognitive Assessment (s-MoCA) for use in neurodegenerative disease" findet sich unter
http://dx.doi.org/10.1136/jnnp-2015-312723


Die Fahrtüchtigkeits-Publikation "Utility of the MOCA as a cognitive predictor for fitness to drive" von Patrick Esser et al. findet sich unter http://dx.doi.org/10.1136/jnnp-2015-310921
(beide kostenpflichtig).

Nur unter "The Montreal Cognitive Assessment MoCA is a brief cognitive screening tool for Mild Cognitive Impairment" http://www.mocatest.org finden wir Leserinnen und Leser der Ärzte Zeitung heraus, was mit "MCI" eigentlich gemeint sein soll: "Mild Cognitive Impairment".

Denn es geht weder um "myocardial infarction", "Medical Corps International" - internationale Fachzeitschrift für Militär- und Katastrophenmedizin, Mensch-Computer-Interaktion als Teilgebiet der Informatik mit ihren Mensch-Maschine-Schnittstellen, "Motor Coach Industries" oder gar um den Kansas City International Airport mit "MCI" als IATA-Code.

Offen bleibt allerdings, wieso "geringe kognitive Beeinträchtigungen" als MCI zwangsläufig immer Vorboten von M. Alzheimer, anderen Demenzformen, Parkinson, Parkinson-Demenz und nicht Frühsymptome cerebraler Durchblutungsstörungen, physiologischer Alterung, transitorisch ischämischer Attacken (TIA), Mikroinfarkte oder ähnlichem sein sollen?

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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