Ärzte Zeitung online, 21.08.2017
 

Geistiger Abbau

Stress in der Arbeit, Demenz als Rentner?

Wer sich im Berufsleben sehr gestresst fühlt, baut als Rentner schneller geistig ab. Liegt das tatsächlich an den Arbeitsbedingungen? Eine Studie aus Schweden ist dieser Frage nachgegangen.

Von Thomas Müller

Stress in der Arbeit, Demenz als Rentner?

Negativer Stress und traumatische Ereignisse können eine Demenz begünstigen, wie Studiendaten nahelegen.

© Janina Dierks / stock.adobe.com

STOCKHOLM. Womit wir uns im Laufe unseres Lebens beschäftigen, prägt unweigerlich unser Verhalten im Alter. Es ist daher wenig überraschend, wenn in epidemiologischen Studien immer wieder herauskommt, dass Menschen, die ihre Hirnzellen im Laufe ihres Lebens kaum beanspruchen, im Alter besonders schnell geistig abbauen.

Auf der anderen Seite ist vielleicht aber auch die falsche Aktivität schädlich: Schon lange deuten Studien darauf, dass negativer Stress und traumatische Ereignisse ebenfalls eine Demenz begünstigen. Zu dieser Form von Stress könnte auch ein belastendes Arbeitsklima beitragen.

So gibt es Hinweise, wonach neben einer hohen Belastung vor allem eine geringe Kontrolle über den Arbeitsablauf den grauen Zellen abträglich ist. Dagegen scheint viel Arbeit bei hoher Kontrolle sich eher positiv auszuwirken. Anders ausgedrückt: Der Manager, der täglich 14 Stunden von einer Sitzung zur anderen eilt, dabei seine Ideen präsentiert und wichtige Entscheidungen trifft, muss im Alter weniger mit einem beschleunigten geistigen Abbau rechnen als der Untergebene, der stumpf und unzufrieden unter der Knute eines missgünstigen Vorgesetzten die ihm vorgesetzte Arbeit wegschaufelt.

Langsamere Verarbeitungsgeschwindigkeit

Hinweise in diese Richtung präsentieren nun auch Forscher um Dr. Shireen Sindi vom Karolinska-Institut in Stockholm im "Journal of Neurolgy" (dx.doi.org/10.1007/s00415-017-8571-3). Sie hatten 2000 repräsentativ ausgewählte Teilnehmer aus diversen finnischen Kohortenstudien 21–29 Jahre nach der Studienaufnahme zu zwei kognitiven Nachuntersuchungen eingeladen. Die Teilnehmer waren zu Beginn der Untersuchungen in den Jahren 1972–1987 im Mittel 50 Jahre alt.

Bei der ersten Nachuntersuchung lag ihr Alter bei 71 Jahren, bei der zweiten Untersuchung zählten sie im Schnitt bereits 78 Jahre. An der ersten Nachuntersuchung nahmen rund 1450 Personen teil, an der zweiten noch knapp über 900.

In den ursprünglichen Kohortenstudien mussten die Teilnehmer zu Beginn auch zwei Fragen über ihre Arbeitsplatzbelastung beantworten: "Wie oft haben Sie Probleme, das Arbeitsvolumen zu bewältigen?" und "Wie oft leiden sie unter Zeitdruck?". Die Teilnehmer konnten ihre Belastung auf einer Skala von 1 (nie) bis 4 (immer) angeben. Die Punkte wurden addiert, das Spektrum reichte also von 0–8 Punkten. Im Schnitt lag der Wert bei 3,4 Punkten.

Bei den kognitiven Untersuchungen verwendeten die Forscher den Mini-Mental-Status-Test (MMST) zur Beurteilung der globalen Kognition, zusätzlich prüften sie mit gesonderten Tests Verarbeitungsgeschwindigkeit, Exekutivfunktionen, Gedächtnis, Wortflüssigkeit und psychomotorische Leistung.

Reverse Kausalität?

Im Schnitt hatten die Teilnehmer bei der ersten Nachuntersuchung einen MMST-Wert von 26, bei der zweiten sogar von 27 Punkten. Wurden Beruf, ApoE4-Genotyp und kardiovaskuläre Erkrankungen berücksichtigt, so war der MMST-Wert bei Teilnehmern mit hohem arbeitsbezogenem Stress im mittleren Lebensalter signifikant geringer als bei den weniger gestressten Teilnehmern. Heruntergebrochen auf die einzelnen kognitiven Domänen ergab sich allerdings nur ein signifikanter Wert bei der Verarbeitungsgeschwindigkeit: Hier schnitten die ehemals Gestressten deutlich schlechter ab. Bei allen anderen kognitiven Bereichen zeigten solche Personen zwar ebenfalls stärkere Defizite, die Unterschiede waren aber nicht signifikant.

Die Forscher um Sindi spekulieren, erhöhte Werte des Stresshormons Kortisol könnten die kognitive Reserve beeinträchtigen. So werden Lernprozesse, Gedächtnis und Exekutivfunktionen unter Kortisolüberschuss gestört.

Es könnte aber auch eine ganz andere Erklärung geben. Vielleicht führt nicht der Arbeitsstress zu einem beschleunigten kognitiven Abbau, sondern umgekehrt: Wer bereits im mittleren Alter kognitiv nicht besonders auf der Höhe ist, hat eher Probleme, seine Arbeit vernünftig zu erledigen, und bekommt deswegen auch mehr Stress oder empfindet seine Arbeit eher als belastend. Was Ursache und was Wirkung ist, lässt sich mit solchen Studien leider nicht sagen.

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