Ärzte Zeitung online, 18.10.2017
 

Kontrollierte Studie

ADHS-Arznei lindert Apathie bei Alzheimer

Eine Therapie mit Methylphenidat kann die Apathie bei Männern mit leichter Alzheimerdemenz deutlich zurückdrängen. Auch der kognitive und funktionelle Status ist nach drei Monaten besser als unter Placebo.

Von Thomas Müller

ADHS-Arznei lindert Apathie bei Alzheimer

Tritt bei Menschen mit Alzheimerdemenz eine Apathie auf, belastet das Angehörige zusätzlich.

© Monkey Business / Fotolia

LITTLE ROCK. Neuropsychiatrische Probleme machen Alzheimerkranken und ihren Angehörigen oft mehr zu schaffen als der Verlust der kognitiven Fähigkeiten. Besonders häufig wird bei Demenzkranken auch eine Apathie festgestellt: Sie verlieren Interesse und Motivation, was ihre funktionellen und kognitiven Defizite verstärkt. Psychiater um Dr. Prasad Padala vom Arkansas Veterans Healthcare System in Little Rock gehen davon aus, dass apathische Alzheimerpatienten zwei- bis dreifach häufiger Probleme bei Alltagsaktivitäten aufweisen als Betroffene mit vergleichbaren kognitiven Problemen, aber ohne Apathie. Werde einmal eine ausgeprägte Apathie bei Demenzkranken festgestellt, persistiere diese häufig über den gesamten Krankheitsverlauf und führe so zur zusätzlichen Belastung für Angehörige und Pflegekräfte.

Bislang keine wirksame Therapie

Eine wirksame Therapie gibt es bislang nicht, einzelne Studien deuten auf eine gewissen Nutzen von Cholinesterasehemmern, auch für Methylphenidat liegen aus kleineren Untersuchungen Hinweise auf eine Wirksamkeit vor. Dem wollten die Forscher genauer auf den Grund gehen und initiierten eine placebokontrollierte Studie mit dem Stimulans bei US-Kriegsveteranen (Am J Psych 2017; online 15. September). Sie konnten dafür 60 Männer im mittleren Alter von 77 Jahren mit ausgeprägter Apathie gewinnen. Alle hatten eine leichte Alzheimerdemenz (MMST-Wert über 18) und lebten noch zu Hause. Ihr Wert auf dem "Apathy Evaluation Scale – Clinician Score (AES-C)" lag bei rund 50 Punkten, ab 30 Punkten wird von einer klinisch relevanten Apathie ausgegangen. Fast alle Betroffenen erhielten Antidementiva (zu zwei Drittel Cholinesterasehemmer), etwas mehr als die Hälfte auch Antidepressiva. Diese Arzneien wurden während der Studie beibehalten.

Die Hälfte der Alzheimerkranken bekam über zwölf Wochen hinweg zur bisherigen Medikation 10 mg Methylphenidat zweimal täglich, die übrigen erhielten Placebo. Wie sich zeigte, ging der Apathie-Wert nach dem AES-C unter dem Stimulans innerhalb von drei Monaten stark zurück, nicht aber mit Placebo. So sank der Wert mit Methylphenidat um rund 14 Punkte, mit Placebo nur um etwa 4 Punkte, die Differenz von 10 Punkten war statistisch signifikant.

In der Placebogruppe beschränkte sich der Rückgang auf die ersten vier Wochen, dann blieben die Apathiewerte konstant. Unter Methylphenidat sank der AES-C-Wert zwar ebenfalls am stärksten in den ersten vier Wochen, ging danach aber kontinuierlich weiter zurück. Die einzelnen AES-C-Domänen deuteten auf Vorteile bei Verhalten, Motivation, Emotion, aber auch Kognition.

Der Wert beim modifizierten Mini-Mental-Status-Test (3MS, 30-100 Punkte) hatte sich nach drei Monaten unter dem Stimulans ebenfalls verbessert (plus 5,7 Punkte), unter Placebo dagegen leicht verschlechtert (minus 0,5 Punkte). Die Differenz von rund 6 Punkten war ebenfalls signifikant.

Auf eine verbesserte kognitive Leistung deutet auch der MMST-Wert: Er nahm unter Methylphenidat um 2,2 Punkte zu, mit Placebo um 0,4 Punkte ab; auch diese Differenz erwies sich als statistisch belastbar.

In ähnlicher Weise zeigten sich im Vergleich zu Placebo signifikante Verbesserungen bei Alltagsfähigkeiten wie selbstständigem Kochen oder Einkaufen, der Verwaltung von Finanzangelegenheiten oder Medikamenteneinnahme; zugleich nahmen Depressionen deutlich ab. Entsprechend ging auch die Belastung der Angehörigen signifikant zurück und der klinische Gesamteindruck der Patienten wurde deutlich besser als unter Placebo.

Leichter Blutdruckanstieg

Unter Methylphenidat kam es allerdings auch zu einem leichten systolischen Blutdruckanstieg und Pulsabfall. Etwa häufiger als unter Placebo wurden Appetitverlust, Mundtrockenheit und Benommenheit beobachtet, etwas seltener Angstattacken und Insomnie. Sechs Patienten in der Gruppe mit dem Stimulans mussten während der Behandlung in eine Klinik, nur einer unter Placebo. Gründe dafür waren vor allem Infekte wie Influenza und Pneumonie. Ein Patient wurde wegen eines epileptischen Anfalls in ein Krankenhaus eingeliefert. Nur in diesem Fall sehen die Wissenschaftler um Padala einen möglichen Zusammenhang mit der Studienmedikation.

Unterm Strich fanden die Forscher unter Methylphenidat einen deutlichen Rückgang der Apathie mit signifikanten Verbesserungen in praktisch allen anderen relevanten Bereichen wie Kognition, Depression, Angehörigenbelastung und Funktionsniveau. Bei der Kognition entsprächen die Verbesserungen der unter Cholinesterasehemmern. In der Studie hätten Patienten mit und ohne solche Medikamente jedoch in gleichem Maße profitiert, der Effekt scheine also unabhängig von der antidementiven Therapie aufzutreten, berichten die Experten.

Unklar ist, wie lange die Therapie dauern sollte. Da keine Plateau-Effekte beobachtet wurden, könnten die Patienten von einer längeren Behandlung noch stärker profitieren. Dies müsste nun in weiteren Studien geprüft werden. Unklar sei zudem, ob das Stimulans auch Frauen nütze. Es gebe Hinweise, wonach vor allem Männer auf Methylphenidat gut ansprechen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar auf Seite 2

14 Punkte weniger auf dem "Apathy Evaluation Scale – Clinician Score" hatten Alzheimer-Patienten, die über zwölf Wochen hinweg mit Methylphenidat behandelt wurden. Unter Placebo sank der Wert nur um 4 Punkte.

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