Ärzte Zeitung online, 24.08.2018

Dringend gesucht

Nationale Strategie gegen Alzheimer

In einigen Jahren könnte es eine präventiv wirksame Alzheimertherapie geben – sofern sich genug gesunde Ältere für Studien finden. In den USA wirbt man mit "Swab-Partys" und einer nationalen Strategie um die Generation 60+. Davon könnte auch Deutschland lernen.

Ein Leitartikel von Thomas Müller

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Bei „Swab-Partys“ werden Abstriche für die Genotypisierung genommen.

© steheap / stock.adobe.com

CHICAGO. In einigen Gegenden der Vereinigten Staaten machen sogenannte "Swab-Partys" die Runde. Ältere Menschen treffen sich in geselliger Runde und nehmen sich dabei gegenseitig mit einem Tupfer Wangenabstriche.

 Diese werden anschließend eingesammelt und zur Genotypisierung an einen Datenbankbetreiber geschickt. Geeignete Personen können dann gezielt für klinische Studien zur Alzheimerprävention angeschrieben werden, hieß es auf dem internationalen Kongress der Alzheimer´s Association (AAIC) in Chicago.

Solche Partys werden unter anderem vom Rotary Club und anderen Non-Profit-Organisationen unterstützt, mit dem Ziel, möglichst viele ältere Menschen für Alzheimer-Präventionsstudien zu begeistern.

Für deutsche Ohren mag das vielleicht befremdlich klingen, aber in den USA hat man gelernt, ungewöhnliche Wege zu beschreiten, damit solche Studien überhaupt möglich sind.

Schließlich tut sich in der Alzheimerforschung derzeit einiges: Nach vielen herben Rückschlägen konzentrieren sich immer mehr Unternehmen auf Untersuchungen mit älteren Menschen, die noch keine kognitiven Einbußen haben, bei denen die Alzheimerpathologie aber schon in Gange ist – Menschen also, die übermäßig viel Beta-Amyloid im Gehirn ablagern.

Resultate einiger kleinerer und inzwischen auch einer großen Phase-II-Studie mit Anti-Amyloid-Therapeutika deuten darauf, dass dieser Ansatz tatsächlich klappen könnte, was nun aber in großen Phase-III-Langzeitstudien mit Tausenden von älteren, noch kognitiv gesunden Menschen zu belegen wäre.

Einige solcher Studien nehmen bereits Patienten auf. Bereits Anfang der 2020er-Jahre könnte sich also zeigen, ob wir Alzheimer tatsächlich besiegen können – wenn nur genügend Freiwillige mitspielen.

US-Behörden rufen zu Studienteilnahme auf

In den USA haben Behörden wie das National Institute of Health (NIH) und das National Institute of Aging (NIA) die Bedeutung einer wirksamen Alzheimerprävention begriffen und sogleich eine "Nationale Strategie zur Teilhabe an klinischen Alzheimerstudien" ausgerufen, um den Mangel an geeigneten Studienteilnehmern zu beheben.

In Deutschland sucht man nach solchen Initiativen bislang vergeblich, dabei gäbe es auch hier sicher genügend Menschen, die bereit wären, in klinischen Studien neue Alzheimermittel zu testen, sei es, weil sie sich selbst einen Nutzen davon versprechen, oder weil sie einfach einen Beitrag leisten wollen, um diese Krankheit endlich zu überwinden.

Doch an wen sollen sie sich wenden? Bislang gibt es noch keine studienübergreifenden Plattformen oder Register, die Interessenten aufnehmen und für die Studienteilnahme wichtige Eigenschaften erfassen – trotz vieler Initiativen mit Bezeichnung "Alzheimer" im Titel.

Ganz anderes wieder in den USA: Hier hat etwa das Banner Alzheimer´s Institute in Phoenix ein Präventionsregister erstellt, in das sich bereits knapp 320.000 ältere Personen eingeschrieben haben.

Diese erklären auch ein Interesse, an Präventionsstudien teilzunehmen. Wer über 55 Jahre alt ist und noch keine kognitiven Defizite aufweist, kommt zudem für eine Genotypisierung infrage.

Rund 60.000 US-Bürger haben sich bislang dafür entschieden. Die Testresultate werden ihnen jedoch nicht automatisch mitgeteilt, dies erfolgt in der Regel erst dann, wenn die Registerteilnehmer für Studien ausgewählt werden, die eine Kenntnis des genetischen Status erfordern.

Genotypisierung kann Risikofaktoren aufdecken

Die Genotypisierung kann Risikofaktoren wie ApoE4 und TREM2 sowie dominante Alzheimermutationen aufdecken. Vor allem ApoE4 ist interessant: Heterozygote Träger erkranken etwa dreifach, homozygote zwölffach häufiger an Alzheimer als Personen mit anderen ApoE-Varianten.

Solche Personen wären also besonders für Präventionsstudien geeignet: Damit in den Studien überhaupt statistisch belastbare Unterschiede im Vergleich zu Placebo zustande kommen können, sollten die Teilnehmer zumindest ein hohes Alzheimerrisiko aufweisen.

Allerdings ist nur ein Viertel der Bevölkerung heterozygot, und nur 1–2 Prozent sind homozygot für ApoE4. Für eine Phase-III-Studie mit 1500 homozygoten ApoE4-Trägern müssten also rund 100.000 Personen genetisch getestet werden.

Dies gelingt wohl nur über groß angelegte Kampagnen, Mund-zu-Mund-Propaganda und letztlich studienübergreifende Gendatenbanken.

Eine weitere Möglichkeit, Personen mit hohem Alzheimerrisiko ausfindig zu machen, sind Amyloid-PETs und Liquoruntersuchungen.

Solche Tests sind zudem oft im Studienverlauf erforderlich, um die Auswirkungen auf die Alzheimerpathologie zu prüfen. Viele Menschen scheuen jedoch eine Lumbalpunktion oder die Bildgebung mit radioaktiven Tracern.

"Wir müssen daher bessere Wege finden, Interessenten den Nutzen solcher Studien klarzumachen und die Risiken angemessen und glaubwürdig darzustellen", erläuterte Dr. Marie Bernard, stellvertretende Direktorin des NIA auf dem Kongress.

Barrieren beseitigen!

Um die Teilnahmebereitschaft zu erhöhen, sollten auch diverse physische, psychologische und finanzielle Barrieren beseitigt werden. So müssten lokale Ableger der Studienzenten aufgebaut werden, um den Teilnehmern lange Anfahrtswege zu ersparen.

Zudem wären kommunale Strukturen wichtig, die über Präventionsstudien informieren und die Teilnehmer und ihre Familien im Falle einer Demenz gezielt unterstützen, sodass für diese ein zusätzlicher Nutzen erkennbar wird.

Schließlich wollen die beiden Institute auch neue Strategien entwickeln und testen, um mehr Menschen und Forscher für den Kampf gegen Alzheimer zu begeistern. Swab-Partys könnten da schon mal ein guter Anfang sein.

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